Das Wüten der Elefantenkuh – aus Heft 6/2012

loboMaik Eggebrecht ist 36 Jahre alt, und man sieht es auf den ersten Blick: Dieser Mann ist anders. Wenn er täglich durch die Berliner U-Bahn streift, erkennt man ihn schon von Weitem an seinem umgekehrten Irokesenschnitt. Die Mitte des Kopfes ist kahlgeschoren, und über den Ohren hat er sich jeweils drei Haarhörnchen geformt, ganz genau so, wie sie sonst von Straßenpunks getragen werden. Eggebrechts linke Gesichtshälfte ziert ein tätowiertes Spinnennetz und seinen restlichen Körper eine zerschlissene Bomberjacke, Zehn-Loch-Doc-Martens-Stiefel und ein rosafarbenes Tutu. Maik Eggebrecht will erkannt werden als das, was er ist: Der weltgrößte Sascha-Lobo-Fan, Anhänger des unbestrittenen Stars der »Internetpeople (wie wir Internetpeople uns nennen)« (Sascha Lobo).

Es ist 11:30 Uhr. Eggebrecht nimmt die Unkonventionalität seines großen Vorbildes so ernst, dass er sich statt der üblichen Club Mate ein Sternburg Export öffnet. Warum er im Gesicht blutet? Ach, eine kleinere Auseinandersetzung mit ein paar Trollen. »Troll«, das ist so ein Wort aus der Internetpeople-Sprache, das Eggebrecht – ebenso wie sein Idol Lobo – auch für Offline-Phänomene verwendet. Ursprünglich stammt es aus Internetforen und bezeichnet Menschen, die der Stänkerei frönen – dem größten gesellschaftlichen Problem unserer Tage.

Aber Eggebrecht erklärt, dass Sascha Lobo in einem eindrucksvollen Vortrag über Trolle richtigerweise ihren Nutzen für die Internetgemeinschaft erkannte. Denn sie lösen Abwehrmechanismen aus. Gäbe es keine Trolle, würden wir mit den Problemen, die sie verursachen, überhaupt nicht zurande kommen. Diese bahnbrechende Erkenntnis stimmt Eggebrecht auch seinen Peinigern gegenüber milde. Und er freut sich sogar, dass er bei der Auseinandersetzung seines rechten Augenlides verlustig ging. Denn das steigert nur seinen Wiedererkennungswert.

An der nächsten U-Bahnstation springt der Lobo-Lober Eggebrecht an die Zugtür. »Nicht aufmachen!«, schreit er und zitiert panisch sein großes Idol: »Vor der Tür steht die Wirklichkeit, und die Wirklichkeit ist wie eine wütende Elefantenkuh, man kann sie nur eine begrenzte Zeit ignorieren, dann trampelt sie alles nieder.« Eggebrecht erklärt, was Sascha Lobo da in seinem Gaga-Blog beim Gaga-Spiegel-Online in eine grazile Metapher drosch. Die Wirklichkeit des Internets wird von den meisten Zeitgenossen gar nicht für voll genommen. Anders gesagt: Internet, Entwicklung, knall, peng, bumms, aus! Das sind ungeheure Dynamiken, vor denen Sascha Lobo schon bei Anne Will zum Thema Jobnomaden, bei Maybrit Illners Kann Deutschland sich die Rentengarantie leisten?, in seinem Vortrag Social Media in der Finanzwirtschaft auf dem Deutschen Derivate-Tag oder in seiner Impulsrede Über das Scheitern auf den Entrepreneurship Summits gewarnt hat. Und wer hat auf ihn gehört? Eggebrecht blickt vorwurfsvoll die aussteigewilligen Fahrgäste an, als er sich einen Alpaka-Schweif an die Stirn näht.

Manchmal habe er das Gefühl, dass er, Eggebrecht, der Einzige ist, der Sascha Lobo richtig ernst nimmt. Der Einzige, der auch wirklich verstanden hat, wie wichtig zum Beispiel dieses Cloud-Computing sein wird und wie leicht die MS-Office-Bedienung mit ein paar auswendig gelernten Tastenkombinationen in Zukunft sein könnte. Nicht einmal der SPD, die sich von Sascha Lobo beraten lässt, traut er diese Weisheit zu. »Pah, die Genossen ...«, winkt Eggebrecht ab. Sigmar Gabriel jedenfalls würde er kein so dickes Netzwissen zutrauen, dass er, Gabriel, gleich drei New-Economy-Startups in den Sand setzen könnte, wie der große Meister Lobo. Er, Eggebrecht, hingegen habe sogar schon fünf Firmen in den Ruin getrieben, anschließend alle Mitarbeiter erschossen und ihre Mütter vergewaltigt. Das solle ihm mal jemand nachmachen.

Nach einer Weile beruhigt sich Eggebrecht. Er trägt jetzt mit viel Würde eine Mütze, die aus dem Euter einer wütenden Elefantenkuh gefertigt ist. Er sagt: »Irgendwann, da bin ich mir ganz sicher, werden die Medien und die Industrie mein enormes Potential erkennen. Dann werden sie auch mich zu drängenden Fragen unserer Zeit wie Facebook, Twitter und Genitalwarzen vorsprechen lassen.« Denn Sascha Lobo habe schon gesagt: »Wenn ein Journalist aus den erwachsenen Medien irgendwas Neues im Internet sieht, was er erklärt haben will, dann ruft er in neunzig Prozent der Fälle mich an.« 90 Prozent, da blieben doch noch locker zehn Prozent für ihn, Eggebrecht, übrig. Und dann kann er auch interessante Rechenbeispiele in Impulsreferaten bringen, genau wie das hier von Sascha Lobo selbst: »Hier und da ein bisschen was gradebiegen, eine Simplifizierung der Tatsachen, hier mal fünf oder gleich fünfhunderttausend grade sein lassen.« Maik Eggebrechts Nüstern wackeln triumphierend ob dieser Simplifizierung.

Und überhaupt habe er, Eggebrecht, schon einen gewaltigen Plan, wie er unverwechselbar und einmalig für die Medien werden kann. Dafür fehle ihm nur noch ein kleines Detail, ein kleiner Klecks auf dem Scheißhaufen, der das öffentliche Interesse ausmacht. Aber genau für diesen Zweck verfolgt er auf dessen Webseite Sascha Lobos Google Latitude, welches ständig des weisen Mannes Aufenthaltsort angibt. »Oh, wie ich sehe, ist Lobo gerade am Platz der Luftbrücke, genau wie wir. Ich muss meinen Wiedererkennungswert noch enorm steigern. Sie entschuldigen mich bitte!« Eggebrecht nimmt sein halbautomatisches Maschinengewehr aus der Tasche und steigt raschen Schrittes aus. Da geht er hin, der vielleicht nächste ganz große Internetpeople.

Andreas Koristka

 

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