Winterkorn, die Sau! – aus Heft 5/2012

Klicken für größere AnsichtEine Unsitte ist das! Völlig unangemessen! Martin Winterkorn verdirbt die Gehaltsstrukturen in Deutschland, indem er als VW-Manager fast so viel verdient wie die Aktionäre. Ein Unding! Denn von wessen Geld konnten all die Autos zusammengeschraubt und montiert werden? – Eben! Die Wut auf Leute wie Winterkorn scheint dementsprechend berechtigt.

Doch so überzogen 17,5 Millionen für die Arbeit eines Einzelnen auch klingen mögen: Nur wenige, so hört man aus den Führungsetagen von Weltunternehmen, sind wirklich in der Lage, ein Weltunternehmen zu führen. Spitzenpersonal auf diesem Niveau ist schwer zu finden.

Christian O. zum Beispiel arbeitet ganz oben, teilweise auf bis zu 50 Meter Höhe. Als Kranführer erhielt er für ein Jahr Arbeit 27 100 Euro, während ein Apotheker in nur elf Monaten gut 18 Millionen Euro verdiente. Es handelte sich dabei um Léo Apotheker, den Vorstandsvorsitzenden von Hewlett-Packard. Apotheker erwirtschaftete in diesem Zeitraum für sein Unternehmen eine negative Summe von 30 Milliarden US-Dollar. Die Kohle war einfach weg, perdu, futschikato. Christian O. ist sich sicher, dass er dieses Wirtschaftsergebnis für die Hälfte, wenn nicht gar für drei Viertel von Apothekers Gehalt eingefahren hätte. »Aber mich hat keiner gefragt «, so O. Zu recht habe Christian O. keiner gefragt, meint der Wirtschaftswissenschaftler Watson Towers vom Beratungsunternehmen Towers Watson.

Der Berater hat eine Methode entwickelt, den Wert von Führungspersonal zu berechnen. Die Rechnung ist äußerst kompliziert und kann nur von Fachleuten wie Towers durchgeführt werden, die Ergebnisse jedoch leuchten jedem Laien ein: Je häufiger ein Chef bei seiner Arbeit auf Beratungsunternehmen wie Towers Watson setzt, desto besser wird er von diesen Beratungsunternehmen eingestuft. Und je besser er eingestuft wird, desto mehr Gehalt kann er verlangen, was dazu führt, dass nur die Besten auch am meisten Gehalt bekommen. »Das regelt alles der Markt«, frohlockt Towers. Doch was der Markt leider nicht regelt, sind Politikergehälter. Auch die sind ins Gerede gekommen.

Hans Heinrich Driftmann, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), fordert beispielsweise: »Die wichtigsten Verantwortungsträger unserer Republik müssen anständig bezahlt werden.« Die weniger wichtigen müssten dagegen unanständig bezahlt werden. »500 000 bis 600 000 Euro für die Kanzlerin wären eine solche Größenordnung«, präzisiert Driftmann, immerhin sei Merkel für das Wohl von 80 Millionen Menschen verantwortlich. Das wären 0,7 Cent pro Einwohner pro Monat. Das klingt fair.

Was Driftmann allerdings unterschlägt: Seine Berechnung hätte zur Folge, dass Angela Merkels Personenschützer in der »Größenordnung« (Driftmann) von 800 000 Euro pro Jahr verdienen müssten, denn sie sind wiederum verantwortlich für Merkel. Der für die Personenschützer verantwortliche Chef käme dann auf 1,5 Millionen. Doch weil Merkel als Kanzlerin abermals für ihre Personenschützer und deren Chef verantwortlich ist, müsste sie also vernünftigerweise, sagen wir, 133,8 Millionen verdienen. In der Woche. Netto. – Ein Teufelskreis! Und wer muss es mal wieder bezahlen? – Der Autofahrer, die alte Melkkuh.

Ganz klar: Das Lohngefüge, das sich über die Jahrtausende so schön eingependelt hatte, ist außer Rand und Band! Ein paar Vergleiche zeigen das Ausmaß dieses Außer-Rand-und-Band-Seins. So ist es beispielsweise eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass Josef Ackermann »in 2011« mit einem Einkommen von 9,4 Millionen 9,4 mal so viel verdiente wie Ekkehard Schulz, der ehemalige Vorstand von Thyssen-Krupp. Dabei hat Schulz – das bestätigen alle seine Kollegen – einwandfreie Vorstandsarbeit geleistet und war fast immer pünktlich.

Anderes Beispiel: Wäre Angela Merkel ein Mann und aus dem Westen, würde sie trotz gleicher Qualifikation 20 Prozent mehr verdienen als die Kanzlerin. George Clooney dagegen kommt im Jahr nur auf ein 1626stel des BIPs von Mecklenburg-Vorpommern, während IG-Metall-Chef Huber 3,5 Milliarden an die Hans-Böckler-Stiftung zahlen müsste, wenn er 90 Prozent seines Einkommens an die Stiftung spenden und so viel verdienen würde wie Ray Dalio, der Gründer der Hedgefonds-Gesellschaft Bridgewater Associates.

Und was der Papst erst einheimst – man darf gar nicht dran denken! Doch es wird noch ungerechter: Eine Friseurin müsste 156,3 Jahre arbeiten, um 10 mal mehr zu verdienen als Klaus Wowereit in einem Jahr. Klaus Wowereit seinerseits müsste an seiner Schusstechnik und Schnelligkeit arbeiten, wenn er so viel verdienen wollte wie Cristiano Ronaldo.

Und noch ein paar brisante Zahlen: 80 000, 991, 47, drölf.

Klar, dass alle Parteien angesichts dieser Summen alarmiert sind. Peer Steinbrück zum Beispiel, dessen Partei (BDI) laut Parteiprogramm den demokratischen Sozialismus zum Ziel hat, schimpfte in einer TV-Sendung bei Reinhold Beckmann (ca. 1,2 Mio. im Jahr), das Gehalt des VW-Chefs sei ein »katastrophales Signal«, und forderte die Wirtschaftsverbände auf, Maß zu halten und ihn, Steinbrück, nicht ständig für Vorträge zu buchen, mit denen er knapp zwei Millionen im Jahr verdiene, da müsse sich der Beckmann ja richtig doof vorkommen neben ihm. Allerdings betonte er auch, dass er als Politiker nur seinem Gewissen verpflichtet und deshalb auf dieses Geld aus der Wirtschaft angewiesen sei, denn nur so könne er sich vollkommen unabhängig von seinem Bundestagsmandat eine politische Meinung bilden.

Dass die Managergehälter endlich gedeckelt werden müssen, darin stimmen alle überein. Unklar sind dabei jedoch noch einige Details. Erstens: Wo ist die Grenze? »Bei 10 Millionen«? (Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz) »Bei 5 Millionen«? (Verband der Familienunternehmer) »Bei gar nix – die Arschlöcher!« (Stammtisch) Zweitens: Wer soll das Ganze durchsetzen und überwachen? Drittens: »Es gibt kein Drittens, ein Zweitens muss reichen!« (Verband der Familienunternehmer) »Naja, ein Drittens wäre schon noch in Ordnung.« (Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz) Und Viertens: »Viertens ist aber nun wirklich zu viel! Da hört der Spaß auf!« (Alle, vor allem:)

Gregor Füller
Zeichnung: Guido Sieber 

 

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