Verhunzt und verzwergt – aus Heft 5/2012

BahringTrüb war der Nachmittag im Mai vor 20 Jahren. Der bedeutende Dilettant in preußischer Geschichte, Verwaltungsrecht und patriotischer Maulhelderei, Professor Arnulf Baring, war soeben 60 Jahre alt geworden. Streitbar sei er, hatte es geheißen, ein unbequemer Mahner, die Demokratie wäre wahrlich unklug, würde sie auf einen wie ihn pfeifen.

Auf dem heruntergekommenen Gelände des einstigen DDR-Rundfunks in der Berliner Nalepastraße, in dem einzigen Studio, aus dem noch gesendet werden konnte – die anderen hatte die Besatzungsmacht bereits geschleift –, ging die Tür auf und herein tippelte Arnulf Baring, ein jovialer kleiner Herr mit weißem Haupthaar und flinken, tückischen Augen. Er trug eine braune, handgestrickte Krawatte, die für die geschätzt 10000 Fernsehauftritte, Vorträge und Festreden, die er im Laufe des Jahrzehnts absolvieren sollte, sein Markenzeichen wurde.

Hatte er einen Plan? War er beseelt vom Vorsatz, zur Krawallschachtel politischer Talkshows im deutschen Fernsehen zu werden, angefragt noch bis weit ins 21. Jahrhundert hinein? Wenn ja, dann hat er es gut angepackt: Er rief im keifenden Falsett in den Äther der frisch zusammengenähten Republik, er sei »erregt«. Meinung, Geruch und Rasse der drei oder vier außer ihm im Raume befindlichen Herren würden ihn »in höchstem Maße« verwundern, ja empören, und sie »allesamt« sollten die Münder halten. Dann fiepte er: »Die Leute drüben« – er vergaß in dem Moment, dass er gerade »drüben« saß – seien durch den Kommunismus »verzwergt und verhunzt«, zu nichts mehr zu gebrauchen. »Ob sich heute einer dort Jurist nennt oder Ökonom, Pädagoge, Psychologe, Soziologe, selbst Arzt oder Ingenieur, das ist völlig egal: Sein Wissen ist auf weite Strecken unbrauchbar.« Dennoch empfahl er nicht, sie zu deportieren.

Das schlug ein in Politik und Feuilleton. Endlich hatte einer in die »Wir sind ein Volk«-Suppe gerotzt! Von wegen Brüder und Schwestern! »Minderwertig« (Baring zu der Linkspolitikerin Kerstin Kaiser) waren die, unwertes Leben, Sondermüll, mit der Neigung zu verreisen, zu klagen und Ansprüche zu stellen. Baring war mit einem Schlag berühmt. Er stellte seine Scheintätigkeit am Institut ein, kürzte sich das Nasenhaar und suchte Kontakt zu Mittdreißigerinnen herzustellen. Das fruchtete zwar nicht. Doch in den Medien feierte er Erfolge.

Freilich konnte seine Position von der Politik nicht gänzlich umgesetzt werden, schon kräftemäßig nicht. Sie konzentrierte sich auf die Eliminierung solcher Ostdeutscher aus der Gesellschaft, die sie aus politischen Erwägungen verabscheute, ging dabei aber großzügig vor: Zwei Ostdeutsche haben es bis ganz nach oben geschafft – der Rest ist verzwergtes Fußvolk von Westdeutschen geblieben. Der Professor hat zu tun. Denn »abgesehen von der Sexualität sind bei uns alle Themen tabuisiert«. Deutschland ist »auf dem Weg zu einer westlichen DDR«. »In der Stunde höchster Not« ruft er in der FAZ periodisch zum »Aufstand« auf und wundert sich am nächsten Morgen, dass die Züge alle fahren. Noch hört das »fleißige deutsche Volk« nicht auf ihn und zögert, sich einen Führer herbeizuputschen, der den Namen verdient, einen Führer, der jenen »Elan« und jene »Motivation« bei den Deutschen weckt, die dem Knaben Arnulf einst die Kindheit durchwärmte.

Und wieder ein runder Geburtstag! Inzwischen hat ein kleiner Schlag seinen linken Mundwinkel emporgehoben, was im Fernsehen aussieht, als grinse er linkslastig. Nunmehr genuschelte Monologe von monströser Sinnlosigkeit, nicht unter vier Minuten, verbale Übergriffigkeit und Pöbeleien bleiben sein Markenzeichen. Er ist sich treu. War der Hitlerfaschismus für ihn einst eine »Entgleisung«, so sind heute die Serienmorde der Neonazis »keine große Katastrophe «, sondern »eher unerfreulich «. Wie soll man ihm danken, dem »Unbequemen, dem Störer und Mahner«? Alles Blech, das die Republik zu verschenken hat, trägt er schon am Bande. Man wird wohl ein beliebtes Erholungsgebiet nördlich der alten Reichshauptstadt umbenennen: die Bering- in den Baringsee. 

 

Mathias Wedel
Zeichnung: Frank Hoppmann
 


Merkel und Hitler »Von Bismarck bis Merkel ist innenpolitisch eine kontinuierliche Linie. Selbst Hitler macht da keine Ausnahme. Auch Hitler passt in diesen Ausbau des Sozialstaates.«

Unverschuldet
»Wir haben die beiden Weltkriege nicht vermeiden können. Den ersten haben wir mit Zittern und Zagen auf uns zukommen sehen, ohne dass wir das beeinflussen konnten. Und beim zweiten war unser österreichischer Landsmann, der sich da ins Zeug gelegt hat, sehr schlecht beraten.«

Auf ein Neues!
»Die Schwierigkeiten, die wir in den Weltkriegen hatten, kamen eben dadurch, dass wir in Europa keine wirklich angemessene Position hatten. Und ich hab gedacht, dass sind wir los seit der Wiedervereinigung.«
Minderwertig
»Das, was ich Ihnen vermitteln möchte, ist, dass dieses Land nur eine Zukunft hat, wenn es sich nicht einreden lässt, wie von minderwertigen Gestalten suggeriert, wir seien ein Tätervolk.«

Der Jubilar auf dem Burschenschaftstag 2011 in Eisenach

 

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