Mit Zornespurpur in den Nasenlöchern – aus Heft 4/2012

WoelkiPurpur ist eine seltene Farbe im Berliner Problembezirk Wedding. Sie ist dort so rar wie Menschen, die ein Lächeln tragen oder einen frischen Schlüpfer. Nun ist der Rot-Ton auch hier heimisch geworden und strahlt stolz von der Osloer Straße. Denn Rainer Maria Woelki war sich nicht zu fein, genau in diese heruntergekommene Wohnlage zu ziehen.

Der frischgebackene jüngste Kardinal der Welt, Erzbischof von Berlin, Metropolit der Berliner Kirchenprovinz, Doktor der Theologie und Gewinner des 154. Platzes im Harry-Potter-Ähnlichkeitswettbewerb 2010 der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg, haust hier seit Kurzem in einer opulenten, in all ihrer Pracht schon wieder ärmlichen Dachgeschosswohnung. Kardinal Woelki sitzt darin leger auf seinem purpurnen Sofa und plaudert. Lange habe er nicht gebraucht, um sich einzuleben. Die Menschen sind halt überall gleich: kleine Sünder, denen die Beichte und die Kirchensteuer abgenommen gehören. Schon in seiner Armeezeit im Panzerartillerielehrbataillon 95 in Munster habe er festgestellt, wie wichtig den Leuten Beistand von ganz oben ist. Oft erklärte er seinen Kameraden, dass hinter den herabfallenden Bomben nicht nur die Technik, nicht nur das steht, was wir sehen können, sondern eben auch Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist und die Heilige Mutter Gottes. »Und etwas anderes erkläre ich auch den Hiesigen nicht«, sagt er, lächelt und blickt auf die Tauben, die über den Bürgersteigen kreisen.

Woelki ist so nah an den Menschen wie sonst nur Pendler im Acht-Uhr-Bus oder Gynäkologen. Ist die Gelegenheit günstig und die Weddinger erheben kurz den Kopf aus ihren Blut- und Urinlachen, dann können sie den frommen Mann schon mal auf seinem Fahrrad durch die Straßen eilen sehen. Oft ballt er dabei sein Gesicht zu einem blutlosen Waschlappen und stößt die Luft gehetzt durch seine gottgewollten Zahnlücken. Wenn ihm dann auch noch der fromme Zornespurpur aus den Nasenlöchern dampft, dann ist er sicherlich auf dem Weg zum Bürgermeister Wowereit. Woelki und Wowi, das ungleiche Paar. Sie seien wie Don Camillo und Peppone, bestätigt der Kardinal auch selbst. Hier der gottesfürchtige, gutmütige Hirte, der Zwiesprache mit seinem Herrn hält und sich die Zahnzwischenräume mit einem Rosenkranz reinigen kann, da die weltliche, kommunistische Schwuchtel.

Obwohl Purpur auch nur eine Farbe des Regenbogens ist, ist es eine Hassliebe, die beide verbindet. Ihre Beziehung wogt zwischen den Extremen. Mal beteuern sie ihre gegenseitige Achtung, ein anderes Mal stürmische Zuneigung; in ihrer Unvollkommenheit eben eine typische Männerfreundschaft. Wowereit weiß, das Kardinalsamt des Berliner Erzbischofs kann dem Land enorme Vorteile verschaffen. Denn eines ist klar wie das Amen im Dachgeschoss über der Osloer Straße: Wenn Woelki beim Papst ein gutes Wort für die Hauptstadt einlegt, dann fängt Benedictus ganz kräftig an zu beten. Immer stärker wird er Woelki beweisen wollen, wie gut er es mit dem Erzbistum Berlin meint, und ein wahrer Gebetstsunami wird sich über Spreeathen ergießen. Der könnte sie aus den Straßen der Metropole hinwegspülen: die Sünde, die Laster und die Hundescheiße. Wowereit könnte dank Woelki die Kosten für die Stadtreinigung einsparen. Das macht den Geistlichen so wertvoll für ihn.

Woelki geht sein schwieriges Verhältnis zu Wowereit ebenfalls pragmatisch an. Wenn ihn die Tucke zu seiner Kardinalsernennung nach Rom begleitet, dann geht das in Ordnung, solange sie nicht hinter ihm steht, wenn er sich im Talar bücken muss. Woelki weiß zwar von seinem Kölner Lehrmeister Kardinal Meisner, dass Schwule nicht nur schwarze Schäfchenböcke sind, die sich gegenseitig bespringen, sondern vor allem »Gift für die Gesellschaft«, allerdings kann Wowereit das ja als Katholik jeden Tag beichten. Zwar verstößt die sexuelle Orientierung des Bürgermeisters Woelkis Meinung nach »gegen die Schöpfungsordnung «. Aber es kann eben nicht jeder so schöpfungsordentlich wie der Kardinal sein, der sein Leben mit einem unsichtbaren höheren Wesen teilt.

Der Kardinal steht mittlerweile auf seiner Dachterrasse und blickt versonnen auf die Straße. »Sehen Sie nur«, ruft er aufgeregt, als er einen jungen Mann vor dem U-Bahnhof sieht, der sich wiederholt eine Bierflasche vor den Kopf schlägt.

Auch im ungläubigen Berlin würden sich die Menschen nach dem Katholizismus sehnen. Sie wüssten es nur nicht immer. »Was dieser junge Mensch da macht, ist nichts anderes als das, was meine Glaubensbrüder von Opus Dei mit ihrer täglichen Selbstkasteiung tun. Dieser Mann ist auf seine ihm eigene Art auf der Suche nach Gott«, sagt er und nickt verständnisvoll, als sich der theologische Autodidakt blutend in einen Kinderwagen übergibt. »Nos sumus testes«, seufzt Woelki. Zu Deutsch: »Wir sind Zeugen, dennoch zeugen wir nicht« – der Wahlspruch seines Bischofswappens. Dass Berlin für ihn immer noch voller Überraschungen steckt, gibt er unumwunden zu.

Jeden Tag lerne er. Wie die Mikrowelle in der Küche zu bedienen sei, weiß er, und auch die exotische Toilettenspülung sei für ihn schon längst kein Buch mit sieben Siegeln mehr. Seine Kolumne in der BZ »Was würde Jesus dazu sagen?« gibt diese spezifischen Berlin-Erfahrungen weiter. Dort freut er sich bescheiden, dass seine Ernennung zum Kardinal nicht nur ein schöner Erfolg für ihn persönlich ist, sondern auch eine »Auszeichnung für die Berlinerinnen und Berliner«. Damit gibt er den Dank an die Leute zurück, die sich nicht gegen ihn wehren konnten.

Seine Heimat Köln vermisst er trotzdem sehr. Der Karneval, die Menschen, die strenge Hand von Kardinal Meisner. Es sind eine Menge schöner Erinnerungen. Aber vielleicht wird er eines Tages Berlin genauso vermissen wie Köln. An dem Tag nämlich, an dem er gut durchgebeichtet Einzug in den Himmel hält. Ob seine Bleibe dort mit seinem Weddinger Penthouse mithalten kann, wird sich zeigen. Eins allerdings ist sicher, und Woelki freut sich darauf wie ein kleiner Messdiener, den der Pfarrer das erste Mal an die Glocken lässt: Klaus Wowereit wird er dort sicher nicht antreffen.

Andreas Koristka
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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