Hutzelfeuer für die Kameraden – aus Heft 4/2012

Die Goldene Uhre
Die Zeit, meint Verteidigungsminister Thomas de Maizière, sei reif für eine neue Tradition, und er würde gerne Stifter dieser Tradition sein. Inzwischen sind mehr als 300 000 deutsche Soldaten an Einsätzen weltweit beteiligt gewesen – und das allein in jüngster
Zeit –, und manche von ihnen haben sich aus dem Geschäft zurückgezogen. Diesen Menschen soll ein Tag gewidmet werden, ein Veteranentag.

Spätestens im Herbst möchte de Maizière ein sogenanntes Veteranenkonzept vorlegen. Geplant sind deutschlandweite Aufmärsche, die von Veteranen organisiert werden. Inklusive Blumen streuende Kinder, Fahnen schwenkende Witwen und Geschnetzeltes to go. Fröhliche Umzüge eben, im Stechschritt oder wahlweise Rollstuhl. Auch könne sich de Maizière gut eine Medaillen-Verleihung durch die Kanzlerin vorstellen. Entweder im Reichstag oder irgendwo im Südosten Nürnbergs, falls da zufällig ein passendes Gelände zur Verfügung stünde. Angedacht ist neben den üblichen Auszeichnungen – Nahkampfspange und Leistungsrune – ein Horst-Köhler-Orden für das Freihalten von Handelswegen. Als Krönung soll zum Abschluss der Feierlichkeiten die Oberst-Georg-Klein-Medaille »für besondere Präzision und Effizienz bei der dauerhaften Immobilisierung eventueller Feind-Sympathisanten im und außerhalb des Rahmens des deutschen Völkerstrafgesetzbuches« verliehen werden.

Einen passenden Termin zu finden scheint bisher die größte Hürde zu sein. Gegen den von der Bundeswehrführung favorisierten 21. Februar, den Beginn der Schlacht um Verdun, wehrt sich der Bundesverband der Gästeführer in Deutschland, denn der Tag fällt zusammen mit dem Welttag des Fremdenführers. Ebenfalls im Gespräch ist der 16. März, der ehemalige Heldengedenktag der Nationalsozialisten. Doch dieses Datum lehnt die Bundeswehrführung selbstverständlich ab, da an diesem Tag auch Markus Lanz Geburtstag hat, mit dem die Bundeswehr keinesfalls in Verbindung gebracht werden möchte.

Die besten Chancen hat bisher der 1. September. Da nämlich ruft der Deutsche Gewerkschaftsbund jährlich den Antikriegstag aus. Ein optimales Datum, schließlich ist die Bundeswehr pazifistisch wie das ganze Land und bombardiert afghanische Benzindiebe nur, um in überspitzter Weise auf die Grausamkeit des Krieges aufmerksam zu machen.

Egal, auf welchen Tag letztendlich die Wahl fällt, am Wichtigsten ist – und darin sind sich alle Beteiligten einig –, dass der Veteranentag ein eigenständiger Feiertag wird. Denn nur wenn die Leute an dem Tag auch schön ausschlafen können, würde das den Soldaten über den Verlust des ein oder anderen Beines hinweghelfen. Lob für den Vorstoß des Ministers kommt von der Deutschen Kriegsopferfürsorge (DKOF), die sich – wie der Name schon sagt – um ehemalige Bundeswehrsoldaten kümmert. Dass sich damit vor allem die Opfer der deutschen Kriegseinsätze für seine Idee begeistern, freut de Maizière ganz besonders.

Manche alten Veteranen jedoch sind sauer, dass die neuen Veteranen einen Gedenktag erhalten sollen, während sie seit Jahrzehnten vergeblich darauf warten, dass die Gesellschaft ihre Leistungen anerkennt. Einige haben seit Langem schon aus Protest ihre eigenen Gedenktage eingeführt. In der Seniorenresidenz »Anschluss« z.B. feiern die Veteranen Joseph und Helmut mit einer Portion Kesselfleisch einmal in der Woche »Kesselschlacht von Kiew« und gedenken der guten alten Zeit.

Kritik kommt auch von den Grünen. Diese sind zwar stolz darauf, dass sie es waren, die den Soldaten nach so vielen Jahren wieder die Möglichkeit gegeben haben, sich für ihr Vaterland zu opfern, dennoch lehnt der grüne Verteidigungsexperte im Bundestag, Omid Nouripour, einen von oben angeordneten Veteranentag ab und sagt: »Man kann einen Veteranentag nicht ›par ordre du mufti‹ einführen.« Ein solcher Tag müsse genau wie jeder Kampfeinsatz von Herzen kommen, »sonst güldet das nicht«, so Nouripuor. Doch Thomas de Maizière ist ein intelligenter Mann, der die öffentlichen Reaktionen berechnet hat. »Mir war klar, dass der Aufschrei der üblichen Gutmenschen groß sein wird«, erklärt der Minister. »Aber genau das wollte ich: eine breite Debatte anstoßen, die von der stümperhaften Bundeswehrreform ablenkt. Und die Kameraden freuen sich so über die moralische Unterstützung, dass sie glatt vergessen, dass einige von ihnen noch leben könnten, wenn ich für eine ordentliche Ausrüstung sorgen würde. Oder wenn ich sie einfach in den Kasernen ließe, weil mir so viel an ihnen liegt.«

Den guten Draht zu den Jungs an der Front hat der Minister von seinem Vorgänger Guttenberg übernommen. Doch wo dieser umgangssprachlich von Krieg redete, drückt de Maizière sich differenzierter aus. »Vieles, was Sie hier tun, ist wie im Krieg«, sagte er im März 2011 bei seinem ersten Afghanistanbesuch. Die Soldaten wissen diese Ausdrucksweise zu schätzen und geben ihm recht. Denn dass mal einer besoffen vom Transporter fällt – das kommt auch in Friedenszeiten vor.

So lustig geht es bei der Truppe allerdings nicht immer zu. PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung), POSUHSVÜBBUSB (Präoperative Schulterund Handgelenksschmerzen vom übermäßigen Brunnenbohren und Schulenbauen) oder AA (Arm ab) sind die häufigsten Spätfolgen der Friedenssicherung an der Front und ein ernstes Problem. Der ehemalige Oberleutnant Holger Z. leidet gleich unter allen drei Krankheiten. »Ich weiß noch genau, was in der Broschüre stand, die für eine Karriere beim Bund warb«, erzählt er. »Und zwar wortwörtlich genau das: ›Hinsichtlich des Anforderungsprofils unterscheidet sich die Bundeswehr nicht von zivilen Arbeitgebern in der Wirtschaft. Der Offizierberuf bietet jedoch Herausforderungen, Chancen und Möglichkeiten, die weit über das Angebot der Wirtschaft hinausgehen.‹ – Dass die die Chancen und Möglichkeit zum Rumballern meinen, war mir damals nicht klar.« Er wünscht sich, dass an einem Tag im Jahr auch die deutsche Zivilbevölkerung diesen Unterschied zwischen Wirtschaft auf der einen und weitergehenden Herausforderungen auf der anderen Seite erfährt. Eine Waffe und ein paar Handgranaten hat er sich schon besorgt, um eines Tages in irgendeiner Fußgängerzone dem normalen Bürger ein Bild von diesen Herausforderungen zu verschaffen. »Damit da mal ein bisschen Mitgefühl für uns aufkommt«, so Z.

Ein frommer Wunsch, den nicht alle seine Kameraden teilen. Jochen U. beispielsweise widerspricht dem Anliegen de Maizières vehement. Dem ehemaligen Stabsfeldwebel platzten 2005 in Kabul bei einem Truppen-Unterstützungs-Konzert von Peter Maffay beide Trommelfelle. »So ein Quatsch!», schreit er. »Wieso sollten Tierärzte einen eigenen Gedenktag bekommen? – Was? Veteran? Ach so. Ja, klar, dann bin ich da auch für.« So findet de Maizières Vorschlag immer mehr Anhänger. Und vielleicht wird diese gestiftete Tradition eines Tages so selbstverständlich zum deutschen Alltag gehören wie Halloween, das Hutzelfeuer oder der Filmfilm auf Sat1.

Gregor Füller
Zeichnung: André Sedlaczek

 

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