Der die Piraten kapert – aus Heft 3/2012

altmaierPeter Altmaier ist anders gebaut als andere. Während für seine Parteikollegen das Internet ein spanisches Dorf ist, für viele sogar feindliches Ausland darstellt, ist es für ihn das dritte Bein, geht Altmaier mit seinen schätzungsweise 120 Kilo Lebendgewicht im Internet auf wie kein anderer Unionsmensch. Surfen, Mailen, Chatten, Twittern und Networken sind für ihn das tägliche süße Salz im deutschen Politikbetrieb.

Seine Parteifreunde kriegen metergroße Pickel, sobald man ihnen das Wort »Piratenpartei« serviert. Altmaier aber segelt mit deren Chef Sebastian Nerz auf einen Kaffee ins Bundestagsrestaurant, stellt sich in seinem Büro Auge gegen Auge dem Internet-Korsar Stephan Urbach zum Duell, bis beide in wechselseitiger Begeisterung baden, verköstigt in der großen und edel gedimmten Berliner Wohnung, die ganz allein auf seinen Namen hört, ganze Freibeuterscharen und einzelne Piratenbräute namens Marina Weisband mit selbst gebauten Leckerbissen, denn Altmaiers Kochkunst ist in Berlin weltberühmt.

Auf diese Weise knüpft Altmaier nicht nur eine Brücke zur jungen Generation, die einem kinderlos und ledig verbliebenen Politiker sonst so fremd bliebe wie die moderne Nutztierhaltung. Sondern er kann die Ideen ernten, die in ihren neuen Köpfen heranwachsen und in seinem eigenen, geschweige in den Birnen seiner Parteikollegen nie von selbst sprössen. Den Umgang mit Liquid Feedback z.B.: einer Software, mit der man sekundenschnell zu jeder Frage, die einem im Schädel herumgeistert, fette Debatten anstiften, steile Umfragen anzetteln, eben ein volles Feedback aus der hohlen Hand zaubern kann. Oder die Sache mit der virtuellen Kneipe Dicker Engel, wo man, das Headset übers Hirn geklemmt, mit 100, 150 zufällig im gleichen Cyberraum anwesenden Leuten zwei, drei ellenlange Stunden diskutieren kann wie in einer offenen Kneipe, ohne zugeräuchert und niedergetrunken zu werden.

Selbstverständlich hat sich Altmaier nicht nur mit seinen Pi mal Daumen 140 Kilo Abtropfgewicht in Facebook eingenistet, sondern twittert auch und füttert einen Rattenschwanz von 6000 Gefolgsleuten (deutsch: »Followern«) jeden Tag mit an die 20 nigelnagelfrischen Meldungen. Da staunt seine treu wachende Gefolgschaft nicht nur darüber, dass Altmaier im Geschäftsjahr 2012 ein paar Gramm abnehmen will oder just in dieser Minute wichtig nach Hamburg rollt, um in den CDU-Parteitagssaal zu schieben: Durch seine Teilhabe an den von Piraten und Internetfreaks gestrickten Netzwerken schafft es der CDU-Mann auch, seine schwarzen Ansichten zu Vorratsdatenspeicherung, Telekommunikationsüberwachung usw. in fremde Köpfe hineinzudrücken.

Dass Peter Altmaier gern mit den Piraten rudert, sollte niemanden verwundern. Er war selber eine Art Pirat, als er 1994 den Bundestag enterte. Nach einem Jahr, das er auf der Hinterbank verlebte und wo er Helmut Kohl nur mit dem Fernrohr sehen konnte, beschloss er, auf eigenen Augen zu stehen: Am 1. Juni 1995 trafen er und seine Gesinnungsbrüder Ronald Pofalla, Norbert Röttgen, Eckart von Klaeden plus andere, heute namenlose Junghasen der Unionsfraktion, im Bonner Ristorante Sassella erstmals auf grüne Geistesverwandte und kreuzten die Gabeln und Argumente. Man duzte sich an und verstand sich sofort: Die bis heute ewig berühmte Pizza-Connection war geboren.

Bald erspürte Altmaier ein Leib- und Magenthema, mit dem er die fetten Katzen in der eigenen Partei lustig pieken konnte: ein liberaleres Staatsbürgerrecht. Das Establishment reagierte hart, grausam und blutig, aber Altmaier ließ sich den Mund nicht verbiegen: Er, der doch eigenhändig seinen Grundwehrdienst abgeleiert hatte, wollte Gerichtsurteile gegen Wehrmachtdeserteure ausradiert wissen, dann, als jederzeit offener Junggeselle, ausgerechnet die Vergewaltigung in der Ehe abschaffen und endlich sogar den eisernen Kanzler Kohl verschrotten lassen!

Doch als 1998 der Kohl tatsächlich flöten ging, war Altmaiers Vorrat an Themen und seine Lust, als Freibeuter im eigenen Hort zu wildern, ausgetrocknet. Er steckte die Nase in den Wind, erschmeckte Angela Merkel und folgte mit seinen Pizzafreunden fortan ihren Fußstapfen; als der werdenden Kanzlerin brave »Boygroup« gingen sie durch jedes noch so kleine Feuer. Es zahlte sich aus: Altmaier selbst spurt als Parlamentarischer Geschäftsführer die Unionsfraktion knüppeldick auf Merkels Linie ein.

Einmal jedoch glitt er selber aus, als er, müde vom Tag und sich selbst, in finsterer Nacht den Tweet rausstöpselte, der Wulff solle endlich alle Antworten auf sämtlichen offenen Fragen nackt ins Netz stellen. Der gutgemeinte Rat ging nach hinten los: Nur aus Versehen hatte sich Altmaier mit seinen annähernd 170 Kilo Gewicht (ohne Verpackung) ein letztes Mal als Nonkonformist betätigt. Allerdings: Auch in jenen Jahren, als er aufmüpfig vor den Kameras Posten bezog und dem Zeitgeist die Schrift Dem Zeitgeist die Stirn bieten bot, war es ihm in Wahrheit bloß darum zu tun, die eigene Partei frisch zu halten, in der er seit seinem 15. Lebensjahr lebte und für die er 20 Jahre lang in saarländischen Parteiämtern herumochste.

Die CDU ist das erste, Europa – er saß von 1998 bis 2000 dem Unterausschuss des Rechtsausschusses im Oberausschuss für Europafragen vor, ist europaweiter Vizepräsident im europahaften Netzwerk Europäische Bewegung und europaguter Präsident der europatollen Europa- Union Deutschland – das zweite, die neuen Medien das dritte Bein des 250 (netto) Kiloschwergewichts. Sein jüngstes Bein aber ist der Ältestenrat des Bundestags, den er mit starken 53 Lenzen bereits gekapert hat. Auch hier sitzt er mit den Insassen anderer Parteien zusammen, kann 1a netzwerken und vor allem, was seit 1998 sein neues Leib- und Magenthema ist: voll und ganz in Harmonie mit allen schwimmen.

Peter Köhler
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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