Respekt, Bruder! – aus Heft 3/2012

rockerEinige Zeit herrschte Frieden zwischen den verfeindeten Motorradclubs Hells Angels und Bandidos. 2010 hatte man offiziell Frieden geschlossen, doch hinter den Kulissen brodelte es offenbar weiter. Nur so ist die neuerliche Gewaltorgie zu erklären, die deutschlandweit ausgebrochen ist. In Mönchengladbach kam es zu einer Massenschlägerei auf offener Straße, in Oberhausen wurden Schüsse auf ein Vereinsheim der Hells Angels abgefeuert, und in Recklinghausen gab es einen Anschlag mit einer Handgranate. Zentrum des aktuellen Konflikts ist jedoch das thüringische Dingsleben.

Ralf »Rolf« Schmitt, Chef des Dingslebener Chapters, wie die einzelnen Ortsgruppen genannt werden, will allerdings von Gesetzwidrigkeiten der Bandidos nichts wissen. Seiner Meinung nach ist der Ableger des Motorradclubs, den er vor zwei Jahren selbst gegründet hat, eine gemeinnützige Organisation. Sie sorgt dafür, dass es immer schön laut ist auf den Straßen. Die neuen leisen Automodelle, so »Rolf« Schmitt, seien eine Gefahr für alle Lebewesen, weil man sie nicht kommen hört. Wenn er nachts um zwei mit seiner umgebauten Suzuki immer und immer wieder durch den Ort knattert, bewahrt er seiner Meinung nach Hunde, Katzen und kleine Kinder davor, überfahren zu werden. »Die Presse berichtet viel zu einseitig«, beschwert sich Schmitt. »Man liest immer nur von Waffenhandel, Menschenraub und Zwangsprostitution.Aber darüber, wie gut wir unsere Motorräder behandeln, schreibt keiner.« Obwohl es stimmt. Über 10 000 Arbeitsstunden hat der gelernte Bankkaufmann in den letzten drei Jahren in den Umbau seiner Maschine investiert, hat hier den Kennzeichenhalter am Auspuff festgeschweißt, dort ein paar bunte Wimpel an den Tank genagelt, da die Bremszangen tiefergelegt. »Und jetzt schauen Sie sich das an!«, sagt er verblüfft. »Das Ding fährt immer noch.« Zur erneuten Eskalation der Gewalt will sich »Rolf« Schmitt nicht äußern. Nur so viel verrät er: »Der Sigi hat angefangen.«

Schmitts Gegenspieler ist der Präsident der Hells Angels Dingsleben, Sigmund »Kinky Mad Dog« Müller. Wie der Bandido trägt auch er eine ärmellose Jeanskutte mit selbstgebastelten Aufnähern auf dem Rücken. »Die Original-Aufnäher sind eingetragene Markenzeichen und kosten ein Heidengeld «, erklärt Müller die improvisierten Erkennungsmerkmale auf seiner Jacke. »Außerdem finde ich diese ganze Totenkopfsymbolik total affig. Riesige Genitalien passen viel besser zur lebensfrohen Einstellung von HellsAngels wiemir.« Auch seine zahlreichen Tätowierungen – typisch für die Rockerszene – sind weniger martialisch als bei seinen Kollegen andernorts: ein in krakeligen Strichen stilisiertes Auto auf dem linken Oberschenkel und etwas, das eine Blume oder auch ein Hund sein könnte, unterhalb des rechten Schulterblatts.

»Alles selbstgemacht!«, prahlt Müller und demonstriert, wie er es geschafft hat, mit einer an einem Stock befestigten Tätowiermaschine seinen eigenen Rücken zu verzieren. Hells Angel zu sein ist für »Kinky Mad Dog« Müller jedoch mehr als Tätowierungen und eine ärmellose Jeansjacke. Der Anlass vor zwei Jahren, in Dingsleben eine Ortsgruppe zu gründen, war – neben der Schaffung eines Gegengewichts zu den Bandidos – seine Übereinstimmung mit den Werten, für die der Motorradclub und seine Mitglieder, ob Zuhälter, Türsteher oder Rentner wie Müller, einstehen: Ehre, Respekt und Freiheit.

»Früher war ich bei der NPD. Aber da kam mir der Freiheitsgedanke zu kurz«, sagt Müller, der deshalb gleichzeitig zur Gründung der Hells Angels Dingsleben in die FDP eingetreten ist. Weil für ihn vor allem die Ideale und die innere Einstellung der Rocker entscheidend sind, nimmt Müller das Motorradfahren nicht sonderlich ernst und bleibt lieber bei seinem Opel Ascona. Zum aktuellen Bandenkrieg will er wie Schmitt nichts sagen. Doch wie bei den meisten gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Hells Angels und Bandidos scheint es auch in Dingsleben um Gebietsansprüche zu gehen.

Das zumindest behauptet der Schwiegersohn »Rolf« Schmitts, der ein paar Häuser weiter wohnt. So weit er informiert sei, ginge es da um eine uralte Geschichte, erklärt er. Gegenstand der Auseinandersetzung sei demzufolge das Wegerecht Schmitts, das es ihm erlaube, die müllersche Hofeinfahrt zu überqueren, um zu seinem dahinter liegenden Hasenstall zu gelangen. Die genaue rechtliche Lage kenne er allerdings auch nicht, und er wisse auch nicht, warum sein Schwiegervater nicht einfach die 30 Meter um das müllersche Grundstück herumlaufe, und er wolle damit auch nichts zu tun haben. Die anderen Dorfbewohner äußern sich ähnlich. – Es ist wie immer und überall: Die Bevölkerung weiß kaum etwas, und wenn, sieht sie schweigend weg. Die Rocker können ihren Machenschaften unbehelligt nachgehen.

Experten warnen seit Jahren vor solchen Parallelgesellschaften, in denen jeder das Recht in die eigene Hand nimmt. In Dingsleben scheint es bereits soweit zu sein. Denn in der Polizeiinspektion im nahegelegenen Hildburghausen gibt man sich unwissend. Von rivalisierenden Rockerbanden in Dingsleben will man dort noch nichts gehört haben. »Sollen sie sich doch gegenseitig die Köpfe einschlagen«, scheint das landläufige Credo zu sein.

Ein Skandal, unter dem nicht zuletzt die Familien der Rocker zu leiden haben. Die Frau des Hells Angels-Präsidenten berichtet von den letzten Auseinandersetzungen, die vor einigen Wochen am 83. Geburtstag ihres Mannes begannen. Nachbar »Rolf« Schmitt überreichte zu diesem Anlass eine selbstgeklöppelte Rheumadecke als Geschenk mit den Worten: »Ihr Hells Angels mögt’s doch gern kuschelig.« Ihr Mann, der sich laut Anneliese Müller sehr gut mit Computern auskennt, startete auf diese Provokation hin eine Cyberattacke, um die Internetpräsenz der Bandidos lahmzulegen. Auf seinem Rechner rief er die Homepage der Bandidos auf und jagte dann seinen Computer mit einem Benzin-Alkohol-Gemisch in die Luft.

Die Homepage war weg – ein großer Erfolg für »Kinky Mad Dog« Müller, ein kleiner Einsatz für die örtliche Feuerwehr. Als Anneliese Müller hörte, dass jetzt in Schleswig-Holstein eine Ortsgruppe der Hells Angels verboten worden war, schöpfte sie Hoffnung und schrieb einen Brief ans thüringische Innenministerium, in dem sie bat, auch die Hells Angels Dingsleben zu verbieten, um endlich der sinnlosen Zerstörung ein Ende zu bereiten.

Doch wie zu erwarten, schweigen die Behörden bis heute. Auch »Kinky Mad Dog« Müller hat vom Verbot in Schleswig-Holstein gehört. »In Gedanken bin ich bei meinen Brüdern«, ruft er vom Balkon. »Sie können einen Verein verbieten und uns in den Knast sperren, aber unsere Freiheit können sie uns nicht nehmen!« – Nach dem letzten Satz stutzt er und geht langsam zurück ins Haus. Kein Zweifel: Diese harten Jungs haben dem Staat den Kampf angesagt.

Gregor Füller
Zeichnung: Hannes Richert

 

Kommentare 

 
#1 Dorothea Allmeritter 2012-03-14 12:52
Hallo Herr Füller,
die künstlerische bzw. schriftstelleri sche Freiheit in allen Ehren, aber irgendwie fühle ich mich als Dingsleberin ein wenig angepißt, wenn ich Ihren Artikel lese. Satire hin oder her, ich frage mich nur, wie Sie ausgerechnet auf meinen ausgesprochen friedlichen und beschaulichen Wohnort kommen. Sollte mir da was entgangen sein, von irgendwelchen wie auch immer gearteten tumpen Rocker-Aktivitäten ist mir jedenfalls nichts bekannt. Dabei steckt doch in jeder schriftstelleri schen Äußerung ein Körnchen Wahrheit, ergo nochnmals meine Frage: wie zum Teufel ist Ihnen Dingsleben als "Kriegsschauplat z" in den Sinn gekommen?
Zitat
 

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