Mann mit Haar – aus Heft 2/2012

augsteinWer Jakob Augstein begreifen möchte, der muss seine Frisur betrachten. Es ist ein Schnitt, den man so nur in Berlin- Mitte erhalten kann, oder der mühsam von der eigenen Mutti geschnitten werden muss. Jeden Morgen sieht er anders aus, mal liegt er im Rechts-, dann im Linksscheitel, mal ist er krumm, dann wieder schief, mal angeklatscht, mal stehen die Wirbel ab. Immer ist er irgendwie lustig, provokativ, ja frech – und vor allem unberechenbar. Genau wie Jakob Augstein.

Bereits als Kind schlich der gutaussehende Knabe die Straßen im heimischen Hamburg entlang und strich sich über die widerspenstige Wolle auf seinem Schädel. Zentralbankpräsident, ein müder Sesselfurzer, das wollte er damals werden. Doch dann entschied er sich unvermittelt und ohne einen einzigen vernünftigen Grund in eine ganz andere Richtung – wie es später oft der Fall sein würde. Journalist sollte der Beruf der Wahl sein. Ein steiniger Weg stand dem Schreiberling in spe bevor, das war Jakob bewusst. Denn – so raunzte er Jahre später einem anderen Journalisten der Frankfurter Rundschau ins Ohr – »wenn die Texte nicht gut sind, hilft dir dein Name gar nichts«. Jakob schaffte es trotz dieser widrigen Bedingungen, sich durchzusetzen. Nicht sein Name half ihm dabei, sondern sein Vater, der Spiegel-Gründer Rudolf Augstein, besorgte ihm kurzerhand ein Volontariat bei der Süddeutschen Zeitung.

Dort angekommen sollte sich Augstein wieder verändern. Man schaute dem Burschen ins Gesicht und befand, dass diese Visage in die Hauptstadt gehörte wie der Hundehaufen unter die Sommersandalette. So setzte man ihn als Chef der Berlin-Seite ins Hauptstadtbüro der Zeitung. Hier promenierte er durch die Bezirke und zog seine Augenbrauen hoch, wenn mit ihm gesprochen wurde. Das tat er so aufreizend erfolgreich, dass die Süddeutsche Zeitung nach drei Jahren entschied, ihre Berlin-Seite einzustellen. Der Wind of Change blies ihm abermals durch die Borsten. Genauso, als im selben Jahr sein Vater starb.

Doch Jakob ließ den Kopf nicht hängen und ergriff sogleich die sich ihm bietende Chance. Schließlich wollte er sich weiterentwickeln und nicht nur der Sohn seines erfolgreichen alten Herrn bleiben. Nein, er wollte mehr, als auf diesen einen berühmten Vater reduziert zu werden. Deshalb suchte er sich schnell einen zweiten. Doch wer sollte es sein? Der betreffende musste eine herausragende Persönlichkeit und ein debiler Schluckspecht sein, der sich nicht gegen Jakob als Sohn würde wehren können. Die Wahl konnte nur auf Gerhard Mayer-Vorfelder fallen. Doch Augstein machte sich nichts aus Fußball. So entschied er sich für Martin Walser, den berühmten Schlussstrich-Literaten, der ihn gerührt als leibliche Brut annahm.

Walser hatte nur eine Prämisse, nämlich dass Jakob in seiner Gegenwart nicht den Krieg erwähnen durfte: »Don’t mention the war!«, pflegte Walser zu schreien, um daraufhin im übertriebenen Stechschritt durchs Zimmer zu staksen. Augstein hielt sich an dieses Gebot und hatte fortan jede Menge Arbeit. Jeden zweiten Sonntag war er bei Walsers zum Essen eingeladen, und als Testamentsvollstrecker seines verstorbenen Vaters war er plötzlich verantwortlich für 24 Prozent der Spiegel-Anteile. Damit hatte man zwar keinerlei Einfluss gegen den Haupteigentümer Gruner + Jahr, allerdings musste sich Jakob den ständigen und ermüdenden Gewinnausschüttungen unterziehen.

Die damit einhergehende Monotonie ging ihm so sehr an die Fontanelle, dass es ihn wiederum zu neuen Ufern trieb. Erst kaufte er einen kleinen Verlag, den er bald wieder verkaufte; seine Haare richteten sich in vorher nie gesehene Positionen; und schließlich erwarb er den Freitag.

Dieses ehrwürdige Blatt dümpelte vor sich hin und wartete friedlich auf das, was in nicht allzu weiter Ferne alle Printmedien ereilen wird: der Tod. Doch Augstein richtete sich den Scheitel auf links und mischte den Laden ganz nach seiner Art auf. Kein Stein durfte auf dem anderen bleiben. Die alte Oma Freitag, die man sanft in eine Ecke der Intensivstation geschoben hatte, um sie friedlich und würdevoll einschlafen zu lassen, wurde mit einem präkordialen Faustschlag wiederbelebt. Jakob Augstein sprang ob dieses Erfolges eine Locke vom Ohr, und er sagte: »Wir sind keine reine Zeitung mehr, sondern ein Medium, das versucht, Online und Print komplett ineinander zu verschränken.«

Die Mitarbeiter guckten erstaunt. Sie hielten genau diese Verschränkung für schwierig, solange es technisch nicht möglich war, eine funktionierende F5-Taste an die Druckausgabe zu heften. Aber Augstein ließ nicht locker und erklärte ihnen das Konzept: »Von irgendwas weiß ja jeder was, und wenn die (Internetnutzer) dann halbwegs schreiben können, dann können die das aufschreiben und die anderen profitieren davon.« Die eine Hälfte der Freitag-Mitarbeiter nickte verständig, auch wenn noch nicht klar war, warum die, die was wussten, die Zeitung kaufen sollten, um nachzulesen, was sie aufgeschrieben hatten. Die andere Hälfte ließ sich erst durch Augsteins Worte »Ja, das ist auch Bürgerjournalismus, obwohl das nur so’n Wort ist« überzeugen.

Das Konzept, dass Online und Print komplett umschloss, war also schnell auf die Beine gestellt. Fortan gab es drei Farben für Autoren im Blatt. Blau für jene, die ein bisschen Geld verdienten und der Redaktion angehörten, Hellblau für jene, die weniger Geld verdienten, weil sie vom The Guardian übersetzt und übernommen wurden, und Rot für den Internetpöbel, dessen Beiträge für kaum Geld in die Ausgabe gehievt wurden. Eine gewiefte Durchsiebung von klassischen und elektronischen Medien, befand Jakob und warf sich den Pony aus der Stirn.

Alles war perfekt, doch sein unstetes Wesen trieb Augstein zu weiteren Veränderungen. Zunächst stellte er fest, dass ihm die Spiegel-Anteile neben dem steten langweiligen Geld auch eine Gaga-Kolumne bei Spiegel Online bescherten, die er »Im Zweifel links« nannte. Hier erklärte er dann schon mal ganz ohne Zweifel, dass es eine »große Ungerechtigkeit (ist), dass nun ausgerechnet der aufrechte Christian Lindner über die Klinge springt, einer der letzten FDP-Politiker, der über Respekt nicht nur im eigenen Lager verfügte«.

So viel politische Weitsicht katapultierte ihn natürlich in die Talkshowstudios. Schließlich bescherte sie ihm sogar eine eigene Sendung mit dem Nikolaus, dem echten Nikolaus Blome von der Bild. Ein »Titanenkampf« (Augstein), der seine und Blomes Spitzen splissen ließ. Jakob schaute lieb, ihm wuschelte das Haar. Er ließ seine dezidiert linke Meinung für den Papst Stellung beziehen, und er kürzte die Bloggerbeiträge im Freitag auf eine Leserbriefseite und perfektionierte dadurch sein neuartiges Medienkonzept.

Dann machte er aus den Herausgebern des Freitag Herausgeschmissene, unter ihnen verdiente Sozialisten wie Friedrich Schorlemmer und Daniela Dahn, über die man bis zum heutigen Tag nichts Positiveres sagen kann, als dass sie von einem Geldsack entlassen wurden. Das ehemalige Ost-West-Blatt war damit fast ossirein. Die Wiedervereinigung war also auch dort vollzogen.

Was Jakob Augstein hingegen – vielleicht gerade in diesem Moment – Neues ausbaldowert, ob er eine Verschränkung des Freitag mit dem Festnetztelefon plant, oder seine Spiegel-Anteile dem Affenhaus des Dresdner Zoos oder vernünftigerweise dem Autor dieser Zeilen überträgt, das weiß nur seine Frisur.

Andreas Koristka
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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