Als die D-Mark in den Ofen kam – aus Heft 2/2012

euroEinmal im Leben hatte das kleine holländische Örtchen Maastricht, das mit bloßem Auge kaum auf der Landkarte zu finden ist, seine große Stunde. Vor zwanzig Jahren war es, als die wichtigsten, gewaltigsten und schönsten Staats- und Regierungschefs Europas sich hier in den weichen Armen lagen. Hinter den Kameras der Weltöffentlichkeit stupsten sich der dänische Ministerpräsident und sein belgischer Kollege zwinkernd in die sperrangelweiten Seiten, schmatzten der griechische und sein italienischer Amtsbruder einander mit prallen Lippen in ihre Gesichter, steckte der Pariser Mitterand tief im Londoner Major. Man hörte Küsse knallen, Körper ineinanderglitschen.

Nur einer lag abseits. In einer Ecke kauerte, an Händen und Füßen geknebelt, Bundeskanzler Helmut Kohl und sah dem Schauspiel mit zugenähten Lippen zu. Die anderen platzten vor Freude, denn sie hatten Europa neu erfunden und das 1989 zurück in die Weltgeschichte gerumpelte Deutschland unter das spitze Joch der soeben geborenen Europäischen Union geschoben; ihm, dem Herrn aller Deutschen aber, das hatten (später ausnahmslos beseitigte!) Augenzeugen mit der eigenen Brille wortwörtlich gesehen, schossen die Tränen aus allen Poren, aus einem einzigen kalten Grund: Die Deutsche Mark sollte gestürzt werden und in zehn Jahren in den Ofen kommen, der profane Euro seine vier Buchstaben an ihre Stelle setzen. Das war der Preis, der Deutschland für die Zustimmung zur Wiedervereinigung auf den erweiterten Rücken gezählt worden war.

Das dick und schwer gewordene Deutschland war fortan mit unüberwindlichen Ketten an Europa befestigt. Was die anderen nicht bedacht hatten: Sie waren fortan mit unüberwindlichen Ketten an dem dick und schwer gewordenen Deutschland befestigt. Was sie in Maastricht schon gar nicht auf dem Schirm hatten: Gerade der Euro war es, der sie mit seiner kalten Schnauze mitten hineinstieß in die sperrangelweiten Fänge Deutschlands und seiner übermenschlichen Wirtschaftskraft. Helmut Kohl, der schon wenige Minuten nach Maastricht von seinen Adlaten die verborgene Wahrheit hinter dem Vertrag von Maastricht fingerfertig serviert bekam, verwandelte sich denn auch sogleich punktgenau in jenen fanatischen, heißblütigen und todbringenden Verfechter des Euro und der Europäischen Union, der fortan jedes Widerwort zermalmte, das sich in Deutschland regte.

1992 schien die Zukunft für Mitterand und Co. noch süß zu schmecken. Europa als Kontinent ewigen Glückes, in dem der Tod besiegt ist und das Paradies bereits auf Erden seine vollen Tische für jedermann bereithält: Dafür hätten Europas Spitzenpolitiker in Maastricht ihre Zunge ins Feuer gelegt. 20 Jahre später sind ihre einst so lustigen Stimmen wie mit Stacheldraht umwickelt, reißt die Schuldenkrise einem Mitgliedsland nach dem anderen die Hose weg.

Zwar sind die Fortschritte, die sich auf dem Weg in ein samten ausgekleidetes, von göttlichem Licht durchflutetes Europa erfüllt haben, nicht einfach mit dem Schwamm auszuradieren: Ein dritter, von Deutschland angezettelter Weltkrieg ist bis heute Fiktion geblieben, man bekämpft einander mit friedlichen Waffen. Die Menschheit und besonders ihre selbst gezogene freie Jugend lebt in der Europäischen Union grenzüberschreitend wie die anderen Waren, Dienstleistungen und Nutztiere. Über allen sitzt die Europäische Kommission in Macht, Kraft und Herrlichkeit und sorgt dafür, dass Industrie, Handel, Gewerbe, Produktion, Binnenmarkt und Außenwirtschaft wie geölt blühen, sowie auch kulturelle Belange und Soziales.

Der gern aufgetischte Vorwurf, Europa sei eine fett aufgeblasene bürokratische Krake, ist jedoch hanebüchen und prallt am Unionsvertrag von Maastricht mitsamt seinen 17 Protokollen und 33 Erklärungen auf 250 Seiten voll ab. Selbiges gilt für den 1997 verabfolgten Folge-»Vertrag von Amsterdam zur Änderung des Vertrages über die Europäische Union, die Verträge zur Gründung der Europäischen Gemeinschaften sowie einiger damit zusammenhängender Rechtsakte« im hiermit aufgezählten Vertrag von Amsterdam, der Länge mal Breite 150 Seiten misst und, noch ist ausreichend Luft in diesem Satz, im Zusammenhang mit den weiteren Tagesordnungspunkten Nizza 2004 und Lissabon 2007 einen »Prozess der Verflechtung, Verflochtenheit und Verflechtenflochtenheit einleitete, der zu einer engen ebensolchen führte bzw. zu führen haben werden wird« (so der Politologe und EU-Pathologe Hans Schwurbel).

In Sonderheit aber wurde in, durch und mittels Maastricht, dies sei hier ganz unbürokratisch festgehalten, die Europäische Union als »Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts im Raum, durch den Raum und für den Raum« existenziell konstituiert, substanziell konstruiert und quicklebendig erschaffen. (»Raum der Demokratie« siehe im Vertragswerk unter »Hinterzimmer des Europäischen Parlaments«.)

Vor allem aber, dieses Anliegen springt einem aus jeder europäischen Ministerrunde entgegen, »bringt der europäische Einigungsprozesses den Bürgern Nutzen, Freude und himmlischen Lohn« (so der Eurologe Karl Friedrich Münchhausen). Schon Mitte der 80er-Jahre wurde deshalb ein steiler »Ausschuss für das Europa der Bürger« ausgebrütet und in Maastricht sodann die »Unionsbürgerschaft« aufs Pferd gehoben, die es allen Bürgern erlaubt, die Unionsbürgerschaft zu erringen, sofern sie Bürger der Union sind: ein »Mehr an Bürgernähe« (Maastricht), unkompliziert realisiert durch mehr Nähe zum Bürger! Der Bürger ist also kein notwendiges Übel, sondern ein wichtiger Bestandteil Europas. Auf den Bürger als unverzichtbares Objekt im Raum der Freiheit, der Sicherheit, des Rechts und des Raums kann nicht verzichtet werden – am wenigsten auf dem immer weiteren, schnelleren und höheren Gebiet des Europäischen Haftbefehls, der ohne den hier veranschlagten Bürger keinen geraden Boden unter den Füßen hätte.

Denn auch die in Maastricht entbundene Zusammenarbeit in Sachen Justiz hat den Bürger stets im Fokus! Aus diesem Grund darf ein Land, das einen in seinem Besitz befindlichen Bürger ausliefern soll, den Haftbefehl keinesfalls mit der Goldwaage ausmessen – das Verfahren läuft vielmehr ganz unbürokratisch.

Der Bürger, von dem in der Europäischen Union gut 500 Millionen Stück frei herumlaufen, darf somit zufrieden seinen Nippel durch die Lasche ziehen. Wenn auch Politik und Wirtschaft durch die Schuldenkrise ins Wackeln geraten und ihr Überleben ungewiss ist – der Bürger wird morgen noch leben. Und das ist gerecht so, denn er hat ja nichts Schlimmes getan!

Peter Köhler
Zeichnung: Burkhard Fritsche

 

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