Obama, das Ferkel – aus Heft 1/2012

DeutschbaselitzGestern hat es zwischen unserer Kanzlerin und dem amerikanischen Präsidenten gekracht. Aber wie! Frau Merkel soll hochgegangen sein wie der Vesuv, der ja auch nur äußerlich so wirkt, als sei er auf tausend Jahre erkaltet. Und von den Farbigen weiß man ja (in Kamenz ist ein Schwarzer bei der Müllabfuhr), dass sie leicht gekränkt sind, wenn man ihnen wegen ihrer Hautfarbe dumm kommt, weil sie ja eigentlich gar nichts dafür können. Auf MDR Info hat es bedrohlich geheißen, es habe ein »ausführliches Telefonat« zwischen Merkel und Obama gegeben, wobei wohl Frau Merkel angerufen und Obama aufgeknallt hat, was ja auch nicht gerade die feine mitteleuropäische Art ist, wenn man von einer Dame fernmündlich kontaktiert wird! In der Sächsischen stand, die beiden hätten sich wegen dem »Ranking« in die Wolle gekriegt. So blöd sind die bei der Sächsischen – wo doch mittlerweile jeder weiß, dass es ums »Rating« geht!

Ein Ranking ist so was wie ein Casting. Jedes Schulsportfest ist heutzutage ein Ranking, und beim Rentnertanz muss man als Dame aufpassen, dass man nicht vom Scout eines Privatsenders entdeckt und als Schreckschraube für die Sendung Oma will noch mal missbraucht wird.

Beim Rating hingegen wird die Bonität festgestellt, und das kennt auch nicht jeder, so was hatten wir ja früher nicht. Die Frau Zielke aus der Schulstraße bei uns in Deutschbaselitz ist einmal auf der Sparkasse gefragt worden, wie es um ihre Bonität bestellt sei. »Das geht Sie gar nichts an, Sie Ferkel!«, soll sie geantwortet haben, und daraufhin hat die Sparkasse einen Aushang gemacht, wo die wichtigsten Begriffe erklärt waren.

Frau Merkel hat wohl rundheraus gesagt – sie kann ja sehr direkt sein, wie man hört –, dass den Obama, dieses Ferkel, unsere Bonität gar nichts angeht. Unsere Bonität machen wir nämlich selber, und wenn wir mal nicht so flüssig sind, weil wir ein Herz für Griechen haben, ist das unsere eigene Suppe. In Kamenz hat die Polizei vorige Woche einen Kleinbus rausgewinkt, der den Aufkleber »Ich bremse auch für Griechen« trug, musste den Fahrer aber auf freien Fuß setzen, weil der Paragraph »Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole« nicht gegriffen hat.

Trotzdem ist es ein Unding, dass unser Rating nicht hier in Deutschland hergestellt, sondern billig im Ausland produziert wird, womöglich von Kinderhänden oder von Amerikanern, die nicht mal eine Krankenversicherung haben! Die können uns ja sonst was andrehen! Wir haben so viele Einrichtungen, die keiner braucht – zum Beispiel die Landeszentrale für politische Bildung in Dresden, den Verfassungsschutz, die FDP oder die sich selbst reinigende Toilettenbrille – aber auf die Idee, eine Ratingagentur zu gründen, ist wohl noch keiner gekommen. Unser Ortsteilbürgermeister hat einmal in seinem Handbuch des demokratischen Ehrenamtes nachgeschlagen. Da steht zwischen »Ratespiele (engl. Quiz)« und »Rattenbekämpfung « nichts.

Unser Ortsteilbeirat dachte nämlich, er könnte etwas für den Wirtschaftsstandort Deutschbaselitz tun und für die Kanzlerin eine Ratingagentur ansiedeln – »vorhalten«, sagt der Bürgermeister – denn praktisch haben wir an produzierendem Gewerbe nur alte Frauen, die stricken. Ihre Bonität ist übrigens ansteckend gut, weil in der Krise die Märkte äußerst sensibel reagieren und Selbstgestricktes stark nachgefragt wird. Zumindest auf dem Markt in Kamenz. Dort kostet ein selbstgestrickter Strampler mit Bommeln und Kragenbündchen fünf Euro, im NKD aber 14,95! Doch aus dem Strampleralter sind die Deutschbaselitzer raus.

Die Manpower bzw. die »Kompetenzkompetenz « (Edmund Stoiber) und der Spirit für die Bonitätsprüfung ist übrigens in unseren Breiten reichlich vorhanden. Eine Ratingagentur in Deutschbaselitz könnte Hunderte Fachkräfte einstellen, müsste ein Ledigenheim für die Mitarbeiterinnen und ein Spaßbad für die Entspannung nach der Bonitätsprüfung bauen. Woher die Leute kommen? Nun, die Fähigkeit, schnell rauszufinden, wer Geld hat und wer keins, ist in unseren Breiten durch den Naturalienhandel in der DDR (Schwarzwurzeln gegen Fliesen aus dem Westen oder Schlüpper aus dem Intershop) sehr ausgeprägt. Vor allem, wenn es um Westgeld geht – und das gibt es jetzt, wo endlich in Europa wieder Deutsch gesprochen wird, wie Herr Kauder sagte, überall. »Das hab ich im Urin«, heißt es bei uns, wenn die Kreditwürdigkeit in Rede steht. Und darauf kann man sich verlassen. Oder glaubt jemand, dass die Bonitätsprüfer von »Ständer zur Kur« in Amerika, was anderes zur Verfügung haben? Die Ratings aus Deutschbaselitz könnten wir glatt unter der Headline »Aus dem sächsischen Urin gelesen« an die Sächsische mailen.

Hinzu kommt unsere intime Erfahrung mit der Schufa, sozusagen eine Ratingagentur des kleinen Mannes, sowie mit zahlreichen Privatinsolvenzen. Die haben uns übrigens gelehrt, dass man auch bei einer Bonität der Stufe »Zum Fürchten « nicht gleich zu Seilerwaren greifen muss, weil ja unsere Häuschen, die die Bank versteigern will, doch keiner kauft. Auf diese Weise guckt der Privatinsolvenzler in Deutschbaselitz aus dem Fenster des »Eigen«-Heims und wartet fröhlich auf den Tod bzw. auf den Stichtag, ab dem ihm die Sparkasse wieder einen Kredit aufdrängt. Schließlich darf man nicht vergessen: Wir alle haben jahrelang bei Peter Zwegat (Raus aus den Schulden) studiert. Der hat uns bewiesen, dass ein Euro nur 100 Cent hat, und nicht einen einzigen mehr. Der hat uns sogar Begriffe wie »Deckungsdichte « und »Kapitaldienstfähigkeit « gelehrt, so dass sich neulich der Otto Kreuter nach einer Sause in der »Jesauer Schänke« für »dienstunfähig« erklärte, als er die Zeche nicht zahlen konnte. In einer Folge seiner Sendung hat der Herr Zwegat mal eindringlich klar gemacht, dass man nur dann Geld »an einen guten Freund« verborgen sollte, wenn man frohen Herzens auch auf die Rückzahlung verzichten könnte, wenn der gute Freund zwischenzeitlich verstirbt oder ein Grieche ist. Die Kanzlerin hat diese Sendung wahrscheinlich nicht gesehen.

Angenommen, wir stellen die Ratingagentur in Deutschbaselitz auf die Beine (Sitz im alten Feuerwehrhaus) – wir hätten auch schon einen Chef. Einen, der nur darauf wartet, dass ihn dieser Ruf ereilt: Kurt Biedenkopf, der alte Rabattjäger, der »Kunde des Jahres« auf geizkragen. de! Der käme prompt, aber nicht wegen der langweiligen Finanzen. Der hat längst begriffen, dass sich bei einer europäischen Ratingagentur alle bibbernd und zitternd im Vorzimmer drängen werden – Kanzler, Päpste, Präsidenten. Sozusagen bei der Weltregierung. Für diesen Fall stünde in Deutschbaselitz die Pension von Wolfgang und Anneliese zur Beherbergung bereit (Schlüssel unter der Fußmatte), auch der »Goldene Hirsch« am Kamenzer Markt wäre wärmstens zu empfehlen.

Mathias Wedel



 

Kommentare 

 
#3 Schmidt 2012-01-10 23:01
"In der Sächsischen stand, die beiden hätten sich wegen dem »Ranking« in die Wolle gekriegt. So blöd sind die bei der Sächsischen – wo doch mittlerweile jeder weiß, dass es ums »Rating« geht!"

Wie blöd sind eigentlich die, die nicht mal wissen, dass nach "wegen" der Genitiv folgt!
Zitat
 
 
#2 Jojas 2011-12-30 05:58
Habe den Monitor jetzt richtig rum gedreht.
Frage steht.
Zitat
 
 
#1 Jojas 2011-12-30 05:54
Habe in der vierten Spalte aufgehört zu lesen. Habe ich was verpaßt?
Zitat
 

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