Stadtgorillas auf Wolke 7 – aus Heft 12/2011

StadtgorillaIch bin das Salz im Getriebe. Ich bin der Sand in der Suppe, und ich werde euch hineinspucken. Ich bin der Alpha- und der Omegamann. Ich bin der Stadtgorilla. Ich bin euer Albtraum in schlafloser Nacht.

»Friede den Hütten, Krieg den Palästen« hat Karl Marx einmal gesagt. Oder war es Nietzsche? Egal. Mir frieren gleich die Zehen ab. Drei Stunden sitze ich jetzt schon im Altpapiercontainer und beobachte das Anwesen. Die bourgeoise Luxusstille in diesem Viertel macht mich wütend. Die werden ihre Frauen, ihre Kinder, ihre Schoßhündchen hier doch genauso schlagen wie in den Slums. Aber es dringt kein Jaulen, kein Wimmern und kein Flehen nach draußen. Dreifach sicherheitsverglaste Fenster und wärmeisolierte Wände ersticken die Hilferufe, Panzertüren verhindern jeden Fluchtversuch.

Damals habt ihr uns eingesperrt, jetzt müsst ihr euch in eurem eigenen Stammheim vor uns verschanzen. »Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.« – Mein altes Kampflied. Es hat meine Denke verändert: In die Luft gehen und für die grenzenlose Freiheit sterben. Wie der Bleibtreu und die Gedeck, die Eltern der RAFF. Ich stelle mir das so vor: Schleyer und Bublath, beide im Keller eingeschlossen, kein iPhone, keine PlayStation, kein RTL. Nur ein kleines Transistorradio in der Ecke: »Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.« Auf allen Kanälen. Vielleicht haben sie in dem Moment begriffen, wie einfach der Himmel auf Erden sein könnte. Aber das hat dann ja auch nichts mehr genutzt.

Ich kontrolliere den Sitz meiner Strumpfmaske. Sie können dich ruhig erschießen, solange sie dich nicht erkennen. Wenn sie dich erkennen, nehmen sie dir deine Freiheit. »Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.« Ich bin der befreite Engel, der Tänzer über den Wolken. Andere fliegen bleifrei, ich bin die Kugel in dem auf euch gerichteten Lauf. Lieber Schwarzfahren als Schwarzärgern. Die klassische Stadtgorilla-Karriere: zuerst bei Rot über die Ampel, Rauchen in der S-Bahn, mit 20 dann mein erster Bruch (glatter Bruch des Schienbeins, nachdem ich ein Umleitungsschild in die Tonne treten wollte).

Hasselhoff ist auf der Suche nach Freiheit. Car Hopping, abgeknickte Autoantennen, Brandsätze – alles so stumpf, alles so irdisch! Hasselhoff-Freiheit eben! Mit Reinhard Mey habe ich gelernt, »über den Wolken« zu denken. Die Menschen hinter den Dingen zu sehen. Die Autos selber können doch nichts dafür – am Steuer sitzen immer andere.

Jetzt geht das Licht im Wohnzimmer aus. Er wird sich als nächstes dekadent die Zähne putzen, sie trinkt immer noch ein Glas Milch vorm Einschlafen. Wahrscheinlich aus einem goldenen Glas, mit einem Goldlöffel voller Goldhonig, um ihre goldenen Nerven zu beruhigen.

Goldhamster. Zwei bourgeoise Goldhamster. Ich bin der, der mit den Goldhamstern tanzt. Was mag das für ein Gefühl sein, einen Menschen zu erschießen? Ob das Gesicht des Opfers einen wirklich im Schlaf verfolgt? Ich hatte mal aus Spaß unseren Goldhamster angezündet und anschließend im Klo runtergespült. Habe aber hinterher ganz normal geschlafen, weil mir das Establishment nichts nachweisen konnte. Obwohl die ganze Wohnung nach verbranntem Fell stank, mehr als eine Woche lang. Aber ich habe zu Protokoll gegeben, dass eine bewaffnete Miliz mit Flammenwerfer mein Kinderzimmer überfallen und den »Murmel« entführt hätte. Da konnten die mir gar nichts.

Die Nachttischlampe geht an. Jetzt liest sie auch noch im Bett, wahrscheinlich einen Eheratgeber. Metaphysischer Brainfuck! Ein anständiger Proletarier würde jetzt einfach Sex haben! Das kann die halbe Nacht dauern, bis sie das Buch wieder weglegt. Warten ist so gar nicht meins. Mit meiner Impulsivität wäre ich eigentlich ein viel besserer Amokläufer geworden. Aber ich sehe das so: einmal Amokläufer, immer Amokläufer. Als Revolutionär hast du es leichter. Wenn du das System erst mal in die Knie gezwungen hast, bestimmst du die Spielregeln. Totale Freiheit! Wolkenloser Himmel! Und dann lasse ich sie leiden für das, was sie uns angetan haben. Oder ich bin generös, wenn sie um ihr Leben flehen.

Und wenn der Kapitalismus doch noch mal die Kurve kriegen sollte, dann steige ich halt aus. Dann schreibe ich ein Buch über mein Leben als Freiheitskämpfer, oder ich trete in Talkshows auf. Vielleicht gehe ich sogar zur Bundeswehr. Stadtgorillas können die immer gebrauchen

 

Kommentare 

 
#1 Jojas 2011-12-30 06:09
Wtf? I only understand trainstation.
Zitat
 

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