Der Platzhalter mit den zarten Händen – aus Heft 12/2011

Der Platzhalter mit den zarten HändenEr ist ein harter Hund, ein russischer Bär, ein echter Mann! Sein Politikstil hat Verehrer rund um den Globus, die Russen blicken mit Bewunderung und Ehrfurcht zu ihm auf, und die Zeitschrift Forbes hält ihn für den zweitmächtigsten Mann der Welt: Wladimir Putin.

Über Dmitri Medwedew sagt man, er habe eine Mädchenhandschrift.

Viel mehr war nicht bekannt, als Medwedew 2008 mit der Unterstützung Putins Russlands Präsident und formal mächtigster Mann im Land wurde. Auch heute weiß man nicht viel mehr über ihn, und immer noch gilt seine Mädchenhandschrift als herausragendste Eigenschaft, weshalb ihn die Zeitschrift Forbes zum achtundfünfzigmächtigsten Mann der Welt kürte.

Dieser Mann steht nun auf dem Dach seiner Garage und wartet auf die Anweisungen eines Regisseurs. Kameras sind aufgebaut worden, Scheinwerfer, Mikrofone, alles muss perfekt passen. Vor allem darf die Szene nicht gestellt wirken. Medwedew ist nervös. Die ganze Aktion findet nur statt, weil ihm sein Berater, der gleichzeitig einer seiner besten Freunde ist, erklärt hat, dass er mehr auf seine Außendarstellung achten müsse. Das Marketing sei eminent wichtig. Anhand einiger Internetfilmchen hat ihm der Berater verdeutlicht, was er damit meint.

Von Putin gibt es ein halbes Dutzend Videos im Internet, in denen er im Judobademantel andere Leute auf die Matte wirft. Es gibt Videos, in denen er mit nacktem Oberkörper durch die Tundra reitet, mit nacktem Oberkörper an einem reißenden Fluss angelt, mit nacktem Oberköper vor einem Arzt steht, der ihm bescheinigt, der fitteste Mann in ganz Russland zu sein. Videos, in denen er mit Delphinen schwimmt, an einer Kletterwand hochsteigt, im Taucheranzug antike Vasen vom Meeresgrund birgt, und sogar eines, in dem er mit einem Gewehr einen Sibirischen Tiger erlegt. Schließlich ist da noch das Video, in dem Putin ein Löschflugzeug lenkt, um einen Waldbrand zu bekämpfen.

Von Medwedew dagegen gibt es nur zwei vergleichbare Actionszenen. Eine, in der er zu schlechter Musik tanzt, als hätte er gerade einen Schlaganfall erlitten, und eine zweite, in der er aus der Fahrertür seines gepanzerten Geländewagens steigt, dabei aber offenbar vergessen hat, das Automatikgetriebe von der Fahr- in die Parkstellung zu bringen, und deshalb fast in eine Menschenmenge fährt.

Lediglich eine gefährliche Sportart, die sie gemeinsam betreiben können, ist festgehalten. In einem offiziellen Kremlvideo sieht man Putin und Medwedew beim Federballspielen. Mit kindlicher Freude hopst der ungelenke Medwedew hinter dem Netz auf und ab, Putin dagegen verzieht wie immer keine Miene und bewegt sich so gut wie gar nicht, und wenn, dann sichtlich unwillig. Schließlich nimmt Putin den Federball in die Hand und beendet diesen Quatsch, während sein Präsident enttäuscht und bedröppelt auf das Netz zutapst.

Nun steht er auf dem Dach seiner Garage, der Präsident, und wartet. Dabei hat er das doch gar nicht nötig. Zumindest behauptet das seine Frau manchmal. Sohn eines Professors und einer Philologin, ausgezeichneter Jurist, Aufsichtsratsvorsitzender bei Gazprom, ehemaliger Vizeministerpräsident und fast 1,66 groß. – Doch klar ist auch: All das hat er seinem Mentor Putin zu verdanken. Lediglich neulich tat er etwas, das er nicht zuvor mit Putin abgesprochen hatte. Da hielt er die Zeit an. Wegen der Kühe habe er es gemacht, sagte er, doch der eigentliche Grund war banaler: Er tat es, weil er etwas Eigenes wollte. Putin würde das in einem halben Jahr, wenn sie die Plätze nach geheimen und freien Wahlen getauscht hatten, ohnehin wieder rückgängig machen und wahrscheinlich statt der Sommer- die Winterzeit ganzjährig einführen, oder dafür sorgen, dass es erst gar nicht mehr dunkel wurde. Putin konnte so was. Ihm, Medwedew, hatten dazu immer die Autorität und vor allem die Komplexe gefehlt, die Putin besaß.

Der Regisseur ist noch immer nicht so weit. Stattdessen kommt abermals ein Assistent zu ihm aufs Dach, der ihm erneut einen Vertrag zur Unterschrift vorlegt. Diesmal geht es darum, dass Medwedew den Regisseur von jeglicher Verantwortung freispricht, sollte ihm beim Dreh irgendwas zustoßen.

Auf ein Nicken seines Beraters hin unterschreibt er und – »Jup twoju match!« Wie er diese Mädchenschrift hasst! Aber sie lässt sich einfach nicht abtrainieren. Was er auch versucht hat, Gymnastikübungen, Physio- und Bachblütentee- Therapien, seine Handschrift wurde nicht männlicher.

Mit einer ungelenken Handbewegung wischt er den Gedanken an die verhasste Handschrift weg. Hier und jetzt hat er sich auf Wichtigeres zu konzentrieren: Ein Video muss abgedreht werden. Ein Video, das nicht nur sein eigenes, sondern das Schicksal ganz Russlands für mindestens die nächsten zehn Jahre bestimmen wird.

»Uuuund Action!«, ruft unvermittelt der Regisseur. »Putin ist gegenwärtig die größte politische Autorität in unserem Land«, ruft sich der Präsident noch mal die Gründe für seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur ins Gedächtnis. »In den meisten Fragen über die Entwicklung Russlands sind wir uns einig. Es geht nicht um die Ambitionen einzelner, sondern um das Wohl der Menschen.« Dann springt er.

Der Flug kommt ihm endlos vor und ihm fällt ein Spiegel-Artikel aus dem März 2008 ein, in dem es über ihn heißt: »Eines ist sicher: Der Mann wird unterschätzt.« Und er muss an einen anderen Artikel denken, der im Oktober 2011 veröffentlicht wurde, allerdings diesmal im Spiegel: »Damit bleibt die nüchterne Bilanz: Medwedew wurde grob überschätzt.« – Sie sollten sich beide irren!

Die Landung ist unangenehm, aber genau wie geplant. Er trifft die Mitte des Trampolins und wird, wobei er einen halben Salto absolviert, auf den Rasen geschleudert. Als er sofort wieder aufsteht, tritt er auf einen am Boden liegenden Rechen, dessen Griff ihm an die Stirn klatscht. Er fasst sich an den Kopf, und mit den Händen vor den Augen rennt er gegen die geschlossene Terrassentür, bekommt, als er sich umdreht, einen Ball in die Leisten und landet nach vorne gebeugt mit dem Gesicht in einer Torte.

»Schnitt! Du warst großartig, Dimi!« Der Regisseur ist zufrieden.

Als sich Medwedew das Video kurze Zeit später mit seinem Freund und Berater ansieht, ist er dennoch ein wenig skeptisch. »Und wenn das veröffentlicht ist, glauben Sie, werter Herr Putin, wird mich das Volk endlich lieben und bewundern?« Putin nickt. »Aber klar, doch, Dimi, klar doch.«

Gregor Füller

Zeichnung: Frank Hoppmann

 

Kommentare 

 
#1 Turanski 2012-01-09 13:00
»Jup twoju match!« Das ist obszöne Wortzusammenset zung! Hat der Autor Gregor Füller höchstpersönlic h von Medwedew gehört? Oder schwimmt er immer noch auf anti(sowjet)rus sischer Welle? Gregorchen! Die Leser sind nich so dumm, wie Du denkst!
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