Krach wegen der Hottentotten – aus Heft 11/2011

Nur Krach wegen der HottentottenConny, unser letztes Gespräch liegt eine Weile zurück (SPIEGEL 3/1991) – wir dürfen immer noch »Du« sagen?
Ja, aber sagt nicht Conny zu mir. Ich bin älter geworden, reifer. Ich gehe nicht mehr gleich mit jedem mit, der in Halle auf der Großen Ulrichstraße nach mir pfeift.

Du bist jetzt Staatsministerin unter Westerwelle.
Von der Blockflöte bei der LDPD in Halle zur ...
Ein Traumjob! Von nichts eine Ahnung – aber herrlich. Der Niebel muss jedenfalls mehr ran als ich. Loyalität zahlt sich eben aus.


Wenn Westerwelle einen Scherz gemacht hat, hast du immer hinter ihm gegrinst.
Auch wenn der Joke mal danebenging! So was vergisst der nicht. Das ist die feminine Seite an ihm.

Was hast du konkret heute für eine Funktion?
In der Partei keine mehr. Bin ich dümmer als eine Ratte? Na also! Ich bin Polenbeauftragte – die Kommunisten haben mir ja Polnisch beigebogen – und sammle jede Menge polnischer Ehrenprofessuren und werde mit polnischen Orden behängt, und es gibt ordentlich zu trinken in so mancher Polenwirtschaft.

Toll! Aber es gibt auch schwierige Aufgaben.
Ihr wollt auf die Chose mit den Schädeln hinaus, was? Das ist ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte, wie die namibischen Stammesältesten mich neulich behandelt haben. So was hätten die sich vor hundert Jahren nicht getraut. Ich habe denen zugerufen: »Wir sind ein Land der freien Rede, da müssen Sie meine Rede schon geduldig bis zu Ende hören, dann gibt’s als kleines Dankeschön auch ein Wort der Versöhnung«. Aber die verstehen bisschen spät.

Nein, nein, in Namibia ist Deutsch praktisch zweite Landessprache, in manchen Landesteilen sogar offiziell.
Ach so! Eigentlich ulkig, nicht? Da hat die Mama in der Toilette also voll verstanden, als ich sagte: »Stell Dich nicht auf die Brille!«

Namibia war sprichwörtlich der deutsche »Platz an der Sonne«. 1884 wehte die Reichsflagge über Deutsch-Südwest. Das Auswärtige Amt hat dort Bremer Kaufleute beschützt, vor den »Hottentotten«.
Unser AA? Is ja ulkig. Weiß das der Westerwelle? Also, die Namibier haben in der Charité 20 Totenköpfe neben mir auf der Bühne aufgestapelt. Nun stehe du mal neben 20 Totenköpfen und sage was Witziges. Also, wer da keinen Wackelpudding in den Knien hat, der ist kein guter Politiker.

Das waren die Köpfe von Hereros, die General von Trotha nach einem Aufstand 1904 fast alle erschießen ließ.
Trotha? Kenne ich, Halle-Trotha, da hat mein Mann sein Gemüsegeschäft

Das war der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts.
Is ja ulkig. Na ja, einer ist immer der erste. Jedenfalls wollten die Dorfältesten, unter ihnen auch Minister, die Köpfe vollzählig wiederhaben. Keine Ahnung, was sie mit denen vorhaben.

Die Schädel waren nach Deutschland gebracht worden, um für die Rassenforschung vermessen zu werden.
Eben, und die Charité braucht sie nun nicht mehr. Köpfevermessen macht doch heutzutage keiner mehr, das ist doch, wie so vieles im Internetzeitalter, völlig ausgestorben. Also, warum nicht retour damit! Das ist doch ein Grund zur Freude, wenn die wieder ein Plätzchen an der Sonne kriegen. Aber was machen die? Die wollten von Guido empfangen werden. Wenn die wüssten, wie eklig der sein kann, wenn irgendwo im Saal ein Deo versagt.

Sie wollten einen Minister. Aber du bist doch Staatsminister.
Ich hätte gekränkt sein können. Aber das ist einfach nicht meine Art. Das kannste dir in der FDP gar nicht leisten. Sie wollten eine offizielle Entschuldigung von Staats wegen, weil wir »Hottentotten « gesagt haben und solche unguten Sachen. In Afrika ist es üblich, sagt der Dirk, dass Fragen der Ehre mit Geld oder Jungfrauen geregelt werden. Da muss man vorsichtig sein. Denn Jungfrau fällt ja bei mir weg.

Und was ist dann passiert?
Ich habe ihnen gesagt, dass sie sich jetzt mal versöhnen sollen. Ich meine, die zwanzig Knaben werden doch von dem ewigen Eingeschnapptsein auch nicht wieder lebendig. Ich habe das natürlich diplomatisch gesagt.

Wie denn?
»Versöhnen Sie sich!« – Ich habe sie gesiezt, versteht ihr? – »Von dem ewigen Eingeschnapptsein wird die Gruppe der Zwanzig hier auch nicht wieder lebendig!« Also, besser geht es nicht.

Und weiter?
Ich habe dezent daran erinnert, dass Namibia jetzt schon eine Sonder... ähm ... Sonder…

…behandlung?
Sonderbeziehung genießt: Es kommen jedes Jahr noch mehr Deutsche als vor 120 Jahren ins Land. Aber das war dann irgendwie auch nicht recht.

Du sollst gesagt haben, die größte »Truppe« von Touristen kommt aus Deutschland.
Ein Hörfehler. Oder ein Sprechfehler – bei der Übersetzung.

Und wie ging das aus?
Ich bin dann einfach rausgerauscht und habe sie mit ihren Schädeln stehen lassen. Einen Krieg werden sie ja wohl nicht anfangen. Die wissen ja, wie das endet. Ach ja, als ich weg war, haben sie keinen mehr gehabt, der das Übergabeprotokoll unterschreibt. Das hat dann der Beppo gemacht.

Der Beppo?
Der Hausmeister von der Charité. Wenn der dafür nicht das Kreuz vom Wulff umgehängt kriegt, fress ich nen Besen.

Wie geht es weiter?
Mit Afrika? Da gibt es wahrscheinlich beim Niebel einen Annexionsplan, keine Ahnung.

Mit dir persönlich, Cornelia!
Wenn Westerwelle fällt, vergifte ich den Hund und die Kinder und erschieße mich und meinen Mann in der Saaleaue. Nur eines möchte ich nicht: Dass unsere Gebeine als Versöhnung (malt lachend ironische Gänsefüßchen in die Luft) den Negern übergeben werden. Dort kommt man nämlich in die Suppe.

Das Gespräch führten Matti Friedrich und Atze Svoboda

 

Kommentare 

 
#1 Guido Pauly 2011-10-27 10:57
Hat sich Conny nicht als junges Mädchen das Parteibuch der FDP in die Backentaschen implantieren lassen. Aus liberaler Hingabe und trotz der Konsequenz, dass ihre Artikulation fortan darunter litt; ich hätte ihr einen Ministerposten allein aus diesem Grunde gegönnt, einen, wo man nicht so viel reden muss!
Zitat
 

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