Rudi, Rosi, Rattenfänger – aus Heft 11/2011

Rudi, Rosi, Rattenfänger
Die gute Nachricht ist: Der Osten kehrt zur Natur zurück. Schon gibt es Wölfe und Luchse; Bären finden Höhlen in Industrieruinen. Ein erster Elch, von den Erzgebirglern Olaf genannt, hat es auf Anhieb zum Räuchermännchen auf Skiern geschafft. Dass der Warnhinweis »Pfeifenraucher sterben elend« fehlt, stört niemanden. Irgendwann sind sowieso nur noch Alte hier, alte Spinner, Verrückte und verrückte Elche, die sich auch ohne Fabrik im Wald Gasmasken andrehen lassen.


Nehmen wir nur mal diesen Freitag, der noch nicht einmal ein Dreizehnter ist. Frühmorgens geh ich in den Wald, um fürs Mittagessen ein paar Blaubeeren zu sammeln. In den Spinnennetzen glitzert Tau, die Lichtungen dampfen, auf den Pfützen in Egons kurviger Fahrspur gleiten Wasserläufer umher; Egon als Jäger genießt Bestandsschutz bei uns. Tremor und Grauer Star oder nicht – eine Warnweste kann jeder von uns sich noch leisten. Und dass die dank Egon verwaisten Hirschkälber und Rehkitze weitere Wolfsrudel aus Russland herziehen, kümmert bis jetzt keinen. Die meisten finden das nächtliche Heulen passend zur Landschaft.

Ich hocke in den Heidelbeerkolonien und rede mit mir über meine Vergangenheit. Da krachen Äste im Dickicht. Ich vermute einen Keiler oder vielleicht Olaf, aber es ist der Doktor, der letzte weit und breit. »Wir wollen uns doch noch ein paar schöne Jahre machen«, ruf ich ihm zu, weil er eben die Praxis geschlossen und den Ruhestand angetreten hat.

»Und noch bisschen onanieren«, schnauft er zurück, »dazu musst du kein freundliches Gesicht machen.« Er hebt den Stock und wandert weiter in Richtung Kamm.

Auf dem Rückweg durch den Hochwald treffe ich Kati aus Kasachstan. Das Kopftuch bis zur Nase gezogen, schiebt sie ihr Rad durchs Holz. Im Pilzkorb am Lenker liegen seltene Rotkappen. Bei den Intellektuellen im Dorf heißt Kati »Penis Gottes«, weil sie seit der Übersiedlung an perversen Einflüsterungen krankt. Offiziell stellte sie sich als Katharina die Große vor und machte kein Hehl draus, dass sie die Kommunisten wählen wird. Bevor unser Irrenarzt nach Köln umzog, bekam sie schnell noch einen Termin. Der reichte zwar nicht aus, um sie komplett zu sanieren, aber immerhin hört Kati die Stimmen nun auf Deutsch.

»Ich kenne dich«, raunt sie, »du bist doch Radischtschew! Du solltest in Sibirien sein, Alexander Nikolajewitsch!«
»Majestät«, sage ich, »das ist lange her.«
»So ein Schwitzbube!«, geht sie mich an. »Ergreif die Macht und lass erschrecken vor deinem Wort der Zaren Macht! Das hast du doch geschrieben!«
»Ja schon, aber gewiss nicht gegen Euch persönlich.«
»Ich wollte die Leibeigenschaft abschaffen, das weißt du ganz genau! Hast du mal Feuer?« Sie kramt einen Stumpen aus dem Trainingsanzug, pafft mir blauen Dunst um die Ohren.
»Es wird Regen geben, Mütterchen Zarin«, sage ich, »habt Ihr den Schirm bei Euch?« Ihr Eismeerblick gleitet an mir runter; aus spitzen Fingern lässt sie die Lunte in trockene Fichtennadeln fallen. »Wenn schon. Los, piss die Kippe aus!«, verlangt sie.

Es ist, wie gesagt, nicht einmal der Dreizehnte. Zu Hause eingetroffen mit den Blaubeeren und fahre ich mit dem Moped Milch holen. Vorm Markt steht Martin und drückt den Kunden selbstverfasste »Kehr um!«-Flyer in die Hand, zu deren Themen er sonntags in der Scheune dann predigt. Diesmal lautet die Botschaft: Chemo als Chance – Gott entscheidet auf Verlängerung! »Bist du eventuell krank?«, freut sich Martin. »Siehst schlecht aus, Rudi.«

Daheim geh ich ins Schlafzimmer, wo der Spiegel hängt. Ich sehe schlecht aus, klar, aber ist das ein Wunder, wenn mir keiner mehr was abnimmt? Auch mir ging es einmal besser. Ich schrieb Liebesgeschichten, wie sie sich zwischen normalen Werktätigen zutragen, unter Kosmonauten, Forensikern, Besamern.

Ich gieße Milch über die Beeren und will eben den Zwieback vom Regal holen, als ich durchs Küchenfenster Erwin über die Wiese schlurfen sehe. Wie immer steckt er im fransenbesetzten Fensterledermantel; von der Hutkrempe baumeln Rabenfedern um den Bart, vom Gürtel Rattenfallen aus dem Baumarkt. Früher war er im Strumpfwerk Heizer, jetzt ist er Trapper. Er hört es gern, wenn von ihm als dem alten Jim Bridger gesprochen wird, den die Shoshonen Blanket Chief nannten, der für 3000 Dollar pro Saison Biberpelze verkaufte und mit drei Indianerinnen lebte. Doch die Mutter, mit der er sich das Bergbauernhäuschen teilt, mag nicht von seinem Taufnamen lassen, und noch mehr Menschen als sie und mich trifft einer wie Jim Bridger nicht – außer zum Dorffest natürlich.

Alle sagen Jim zu ihm, bewundern seinen Blackfootskalp am Gürtel, für den Mandy von der Tanke den Schweif ihres Hannoveraners gespendet hat. So weit aber, dass einer ihm mal seine Squaw überlässt, geht der Spaß nicht. Nicht bei uns hier, egal was manch eine sich vielleicht ausmalt. Mittlerweile ist Trapper Jim darüber hinweg. Seine neueste Begrüßung lautet: »Du weißt Bescheid, ich weiß Bescheid.« Ein leicht suizidaler Spruch, wenn man mich fragt.

Miesepetrig will der Fallensteller wissen, wie es bei mir mit Ratten aussieht. Ich sag ihm, dass nicht einmal mehr der Mäusebussard kommt, der über der Wiese kreiste.
»Mensch, Alter«, nörgelt Erwin und stellt mir einen Plastikbeutel mit Käsebröseln aufs Fensterbrett, »du musst viel mehr füttern!«

Ich warte, bis er gegangen ist, nehme das Zeug rein und genehmige mir einen Obstler. Dann klingelt das Telefon. Es ist Ebse aus Bremen, von dem ich seit Jahren nichts gehört habe. Das Schockierende ist: Er redet Hochdeutsch mit mir. »Wie geht es dir, mein Freund«, fragt er zum Beispiel. Am liebsten würde ich ihm auf Sanskrit antworten. »Du willst wissen«, klopfe ich auf den Busch, »was mit Rosi ist?« »Was ist denn mit Roswitha?«
»Ich hab sie mit dem Rattenfänger am See getroffen, er hatte ein fettes Vieh in der Falle, einen echten nordamerikanischen Biber, vom Naturschutzbund frisch eingesetzt.«
»Ach Gottchen, mit dem? Rosi kreischt doch schon bei einer Maus!«
»Ich weiß, Eberhard«, sage ich kalt, »alle Kerle hier wissen das inzwischen. Die Zeiten ändern sich, auch Roswitha braucht Geld.« Ich genieße die Stille in der Leitung. Die schlechte Nachricht nämlich ist: Niemandem geht die Heimat am Arsch vorbei.

Rainer Klis
Zeichnung: Kat Weidner

 

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