Schlag auf den Meißel - aus Heft 10/2011

Sie »achtet kein Leben, tötet und zerstört nur«

Nach elf Jahren auf dem samtbezogenen Sessel der Parteivorsitzenden und sechs Jahren nervtötender Regentschaft hat jetzt auch der Spiegel mitbekommen, welch grauenvolle Rednerin diese unsere Frau Merkel ist. In Heft 29/2011 beklagt er ihre »Unfähigkeit, gute, vielleicht auch große Worte zu finden«, bezeichnet ihre politische Kommunikation als »Desaster« und mokiert sich über Merkels »Stümperei« vor Kameras und Mikrophonen, ja über die mit widerlichsten Versatzstücken »aus dem grausigen Baukasten der Abteilungsleiterbürokratie « zusammengepappten Manuskripte dieser unserer Weltenlenkerin und Schlunzbirne.

Wir wissen nicht, wie lang die Leitung zwischen dem Spiegel-Hauptstadtbüro und dem Kanzleramt ist. Immerhin dämmerte dem Spiegel-Autor, während er im rhetorischen Unflat der Bundesmutti herumwühlte, dass sein Befund nicht als funkelnde Neuigkeit gehandelt werden kann. »Kann man ein Land veröden?«, fragte das Leitmedium für politische Landschaftspflege, und es antwortete: »Merkel kann. Sie hat dies im Wahlkampf 2009 bewiesen, als sie trübe, nahezu leere Reden hielt« und als sie den Satzböller zündete: »Das ganze Leben ist Erwartungsmanagement.« Man muss diesen Merkelschen Millenniumssatz dreimal hintereinanderschreiben und dabei halblaut vorlesen, um approximativ zu begreifen, was in jenem Kopf, aus dem er herausplumpste, vor sich gehen mag – nämlich nichts. Absolut nichts. Schwarze Löcher sind lieblich belebte Welten dagegen.

Wer in Erfahrung zu bringen versucht, was diese unsere norddeutsche Brumme umtreibt und als Rhetorin in der Tradition eines Perikles, Cicero, Robespierre, Churchill, Herbert Wehner, Helmut Schmidt und nicht zuletzt gar Helmut Kohl auszeichnet, braucht sich nicht mal an die bumsfidelen Merkel-Klassiker »… werden wir gemeinsam, lieber Roland Kotz, Koch« und »Gorbatschow hat schon mal richtig im Osten gesagt: Wer zu spät kommt, den bezahlt das Leben« zu halten. Nein, diese unsere »Spezialrednerin« (Peter Ditko, und der meint das lobend) hat bereits zu Beginn ihrer uns und insbesondere sie selbst über alle Maßen beglückenden Kanzlerinnenschaft Wortketten und Formulierungen herausgewürgt, die uns freudig bebend »Hosianna!« schreien ließen – etwa »Europa ist ein Grundwerteklub « (und kein Verein schwulenfeindlicher Hebammen), »Nicht jede heilige Kuh kann mit einem Prinzip gerechtfertigt werden« (indes jedes unheilige Prinzip eines schweizerischen Finanzschwerverbrechers von einer dummen Gans), »Ich will Deutschland dienen« (mit allem, was mir gerade in den Kram passt, frei nach Konny Adenauer: »Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?«) oder, im Knüppelklartext: »Wir haben wahrlich keinen Rechtsanspruch auf Demokratie und soziale Marktwirtschaft auf alle Ewigkeit«, obschon das mit der Ewigkeitsklausel versehene Grundgesetz in Artikel 20 beispielhaft präzise sagt: »Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.«

Na gut, scheiß die Wand an, und schmeiß die Kuh vom Eis. Man kann es ja auch mal so ausdrücken – und zwar vor dem Bundestag, in dem offenbar kein einziger Mandatsträger mehr hockt, der bei derartigen Sätzen wie ehedem Herbert Wehner »Heuchlerin!« dazwischenriefe: »Wir wollen die menschliche soziale Marktwirtschaft, das ist eine, die dem Menschen und die dem einzelnen dient.« Das glaubt sie garantiert selber nicht, beziehungsweise weiß sie ohnehin nicht, was sie da just zusammengemanscht hat in ihrem hemmungslos technokratisch-abgefuckten, hölzernunbedarften Habitus. Fehlte lediglich der Standardnachsatz: »Dafür werden wir uns einsetzen!« Oder die Vorbemerkung: »Ich sage ausdrücklich:« – Doppelpunkt, Komma, Strich, fertig ist das Arschgesicht, das 2007 bekundete: »Ich ahne, wovon ich spreche, meine Damen und Herren.« Wissen sollte man, dass diese Obernudel des Kapitals im Februar 2003 von der Deutschen Gesellschaft für politische Rhetorik als »herausragender weiblicher Redner« mit einem Preis behängt wurde. »Vor allem Merkels Metaphern machen ihre Reden immer wieder zu Leckerbissen im Politeintopf«, zitierte der Spiegel den Laudator Peter Ditko. Wundersam sind all die Ding’ auf dieser schönen Welt …

Ja, allzugern lassen wir uns peinigen von diesem sprachartistischen weiblichen Kanzler, von seinen Einlassungen zu seinem abgeschmierten Schmierlappenpendant v. u. z. Guttenberg oder zur Liquidation bin Ladens, in deren Rahmen der Kanzler Angela der US-Regierung seinen »Respekt « »mitteilte« (statt ihn auszusprechen) und über den »internationalen Terrorismus« tatsächlich zu urteilen verstand, er »achtet kein Leben, tötet nur und zerstört nur«. Das ist exakt das, was von der Wirkung der Merkelschen Metaphorik zu sagen ist.

Sogenannte politische Positionen hin oder her – unsere beseligende Führerin darf sich das vaterländische Verdienst auf die Fahne kritzeln, der Abschaffung der politischen Rhetorik aufopferungsvoll gedient zu haben. Der »Mut« der Ungarn »war ein entscheidender Schlag auf den Meißel, der die Berliner Mauer zum Einsturz gebracht hat« (2009) – gewiss. »Der Staat muss fördern und darf nicht einschränken. In diesem Sinne muss er Gärtner sein und nicht Zaun« (2006) – und bloß nicht Mauer und nicht Stacheldraht. Nein, sie kann es nicht. Wem der Schädel, während sie redet, nicht schmerzt, der hat keinen. »Je näher der Leser hinsieht, desto ungenauer sieht der Satz zurück«, beschrieb der Tagesspiegel Merkels »Rhetorik nach Hausfrauenart« und brachte einen Spracheintopf auf den Begriff, in dem Satzmonster herumsuppen wie: »In der Mitte sind wir und nur wir. Wir sind die Mitte. Wo wir sind, ist die Mitte.« (2007) »Wir sollten das Auto nicht zum Buhmann der Nation machen.« (2009) »Heute ist für mich der Tag, an dem das Bedauern über den Rücktritt im Vordergrund steht und auch die Leistung, die Horst Köhler erbracht hat.« (2010) Dazu der Tagesspiegel: »Ein Klempner, der so mit seinen Werkzeugen umginge wie Angela Merkel mit der Sprache, würde das halbe Land unter Wasser setzen.«

Kein Satz dieser unserer gebenedeiten Kanzlerin im Sommerinterview der ARD vom 17. Juli war – quelle surprise! – auszuhalten: ein einziger Mahlstrom an Unternullgesumse und grammatikalisch zertrümmerten Plattitüden. Nicht ein Prädikat trug den korrekten Numerus! Sie spuckte Wörter wie »Wettbewerbsfähigkeitspakt « und »Euro-plus-Pakt« aus. »Wie, zur Hölle«, fragt ein Youtube-User, »kann jemand … mit dem Wortschatz und der Beredsamkeit einer mittleren Postbeamtin ein 80-Millionen-Volk durch die Krise führen?«

Doch »der wesentliche Kernpunkt« (Merkel) ist: Was ist das für eine Bevölkerung, die sich so was gefallen lässt? Ist das »rational vernünftig « (Merkel)? Oder obwaltet im deutschen Volke das perverse Bedürfnis nach der »Gottesstrafe typischer und übertypischer Merkelscher Sätze« (Eckhard Henscheid), dieser »end- und gnadenlos quälenden Zumutung«? Man weiß es nicht.

Jürgen Roth

 

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