Die Seele blutet, der Abschied schmerzt - aus Heft 10/2011
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Auf der Flucht

»Hallo! Ich bin der Wolfgang, und ich habe FDP gewählt.« »Hallo Wolfgang!« »Danke, Wolfgang. Schön dass du dich einbringst. Wer möchte sich denn heute noch öffnen? Na? Wie wär’s denn mit dir, Sky?« Normalen Menschen mag es merkwürdig erscheinen, was sich hier in einem Tagungsraum der Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt am Main abspielt. Ein gutes Dutzend Menschen aller Altersgruppen und Geschlechter, zum Teil bekannt aus Funk und Fernsehen, sitzt hier im Kreis und hält sich bei den Händen. Sie sehen geknickt aus, verstört, verzweifelt. Manche haben sich die Arme blutig gekratzt. Manche haben geweint. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie haben FDP gewählt. Gruppen wie diese gründen sich seit einiger Zeit überall in Deutschland, und der Zulauf ist enorm. »Die Menschen, die in meine ›Gruppentherapie für Gelbsüchtige‹ kommen, wollen vor allem eines«, erklärt Therapeutin Dr. Siglinde Schmitt, »sie wollen sich selbst verstehen lernen.«

Hans-Olaf H. beispielsweise kann heute seine frühere Handlungsweise nicht mehr begreifen. »Vor einem Jahr noch habe ich felsenfest daran geglaubt, dass uns die FDP das Paradies auf Erden bereiten wird«, erklärt er. »Heute verstehe ich nicht, wie ich so naiv sein konnte. Vor ein paar Jahren fand ich auch den Euro noch toll. Seit aber meine Brötchengeber aus den USA den Euro lieber heute als morgen am Boden sehen würden, bin ich plötzlich wieder für die D-Mark. Aus Wut habe ich angefangen, mich mit einer Rasierklinge zu ritzen. Sehen Sie, hier am Kinn!« Weinend sinkt er in sich zusammen und kann nur mit Mühe von seinem Chauffeur, seinem Butler und seinem Ernährungsberater auf den Beinen gehalten werden.

Wie so viele hatte sich Hans-Olaf von den Versprechen der FDP einlullen lassen: mehr Netto vom Brutto, mehr Miete vom Mieter, mehr Dings vom Bums – Freiheit eben, Liberalismus. Da stand er total drauf. Und als sein Traum endlich wahr wurde und die FDP an die Macht kam, lud er alle seine zwei Freunde zu einer Runde »Pennerauslachen im Park« ein.

Doch die Euphorie war bald verflogen. Die Privatisierung des Bundesverfassungsgerichts wurde verschoben, Leute wie er mussten ihren Putzfrauen weiterhin Gehalt zahlen, und sogar einige Kassenpatienten waren immer noch am Leben – es war eine Zumutung! Die FDP hatte versagt. Und Hans-Olaf fiel in ein tiefes emotionales Loch.

Ähnlich ergeht es denen, die Tag für Tag etwas leisten müssen und dafür nicht angemessen vom Staat gewürdigt werden. Leistungsträger wie Sky du M., die tapfer ihre Leistung tragen, egal wie schwer sie sein mag. Zuerst hatte er seine Leistung zur Bank getragen, dann hatte er sie in Fonds angelegt, schließlich in Derivate, dann in Schnaps und Swaps, und plötzlich war die Leistung weg. Doch anstatt ihm die Verluste mit Steuergeldern auszugleichen, sprach die Regierung von Risiko, das er zu tragen habe und von dem er vorher nichts gewusst hatte. Wofür hatte er denn all die Jahre KFZ-Steuer gezahlt, wenn ihm jetzt der Staat nicht zu Hilfe eilte?

Noch schlimmer hat es Wolfgang K. erwischt. Er hat die Partei nicht nur wieder und wieder gewählt, er ist sogar Mitglied und bekleidet ein höheres Amt. Nur aus Achtung vor der Demokratie und seinen Pensionsansprüchen bleibt er für die FDP Abgeordneter. Lust darauf verspürt er keine mehr. Zwar sei zum Beispiel das Steuerabkommen mit der Schweiz prinzipiell eine feine Sache, seine anwaltliche Beratertätigkeit für Steuerflüchtlinge werde damit jedoch untergraben. »Die FDP«, schimpft er, »hat bei mir komplett verschissen! Zumindest solange ich nicht ihr Vorsitzender bin.«

Ganz anders dagegen Vince E. Er nimmt heute zum ersten Mal an einer der Therapie-Sitzungen teil und ist weiterhin fest davon überzeugt, dass der Liberalismus die Welt retten wird. Ihm sind verbohrte Ideologien zuwider. Er liebt den sturen Pragmatismus: Alle müssen sich dem freien Markt aussetzen, außer Apotheker – das war schon immer sein Credo gewesen. Und in der FDP hatte er eine Partei gefunden, die das genau so sieht wie er. Apothekenketten und Internetapotheken würden uns sonst alle umbringen!

Vince E. ist nur hier, weil sein Freund Wigald B. ihn bedrängt hat mitzukommen. Er, Vince, solle aufhören, sich etwas vorzumachen. Rainer Brüderle und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger seien nicht die Erlöser Deutschlands, wie sie immer alle gedacht hatten. »Das Wahlergebnis der FDP 2009«, so Wigald B., »war einzig und allein einem kollektiven Wahn geschuldet, vergleichbar nur mit der Kriegsbegeisterung von 1914.« Vince E. solle lernen, die Motive all derer zu verstehen, die sich so urplötzlich von der FDP abgewendet haben.

Und tatsächlich wird Vince nachdenklich, als er sieht, wie sich die Menschen hier mit ihren Schuldgefühlen quälen. »FDP zu wählen«, berichtet ein Manager eines deutschen Energieunternehmens, dessen Namen er nicht nennen möchte, »das war ein Rausch, es war einfach geil!« Doch dann kam das böse Erwachen, der Kater, die Spätfolgen. »Die Finanzkrise wollte und wollte nicht aufhören. Dabei war doch jetzt die FDP in der Regierung, um die Selbstheilungskräfte der Märkte zu entfesseln.« Es dauerte lange, bis er begriffen hatte, dass es da Leute gab, die noch mehr Geld hatten als er, und die es jetzt auf seine Kohle abgesehen hatten. Zusätzlich peinigt ihn die Mitschuld daran, dass Deutschland sich in Libyen nicht militärisch engagiert hat. »Da habe ich als Manager versagt«, gesteht er. »Hätte ich nur grün gewählt, dann wären unserer Firma jetzt schon Anteile am Gaddafi-Vermögen sicher. So bekommt unsere Firma in Libyen keinen Fuß in die Tür.«

Für Gruppentherapeutin Dr. Siglinde Schmitt ist der Absturz der FDP jedoch weniger eine Folge der Enttäuschung der Bürger als vielmehr eine Folge der unregulierten Wahlen. »Die 14 Prozent für die FDP waren für Kenner von Anfang an als eine Blase erkennbar, die irgendwann mal platzen musste«, erklärt sie. »So viele Wählerinteressen kann die FDP einfach nicht bedienen. Was wir im Moment sehen, ist nichts weiter als die Bereinigung auf dem Wählerstimmenmarkt.« Der Markt, er hat also doch immer recht.

Gregor Füller

 

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