Die dreisten Drei - aus Heft 9/2011

Die Zahl Drei fasziniert seit jeher die Menschen. Sie ist quasi eine heilige Zahl, was sie von überflüssigen Zahlen wie der 17 oder 0,0841 unterscheidet,die allenfalls zum Abbilden des jährlichen Pro-Kopf-Verbrauches vonArtischockenherzen oder Panflöten zu gebrauchen sind. Die Drei findet sich in der Dreifaltigkeit aus Vater, Sohn und Heiligem Geist, bei der Fee hat man drei Wünsche frei, dem Teufel werden drei goldene Haare ausgerissen,und Schneewittchen würde es mit drei Zwergen getrieben haben, hätte sie nicht Lust auf weitere vier gehabt.

Seit dem Sarah-Connor-Hit »Brüh’ im Glanze« wissen wir auch: Dreierlei Tropfen, nämlich Einigkeit und Recht und Frei-hei-heit sind des Glückes Unterpfand. Und das waren absichtlich fünf Beispiele für die oszillierende Aura der Drei, damit der empfindsame Leser selbständig spürt:hier sind zwei zu viel (literarische Technik der numerischen Irritation im einstelligen Bereich)!

Da zeugt es natürlich von psychologischer Raffinesse, wenn eine sozialdemokratische Partei – und zwar die mit den drei magischen Buchstaben S, P und D – sich immer wieder auf die Drei besinnt.

Wir erinnern uns: In den Siebzigerjahren griffen erstens Willy Brandt, zweitens Herbert Wehner und drittens Helmut Schmidt nach der Macht. Vor der Bundestagswahl 1994 legten Rudolf Scharping, Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine die Idee mit dem üblichen Getöse – »Jeder einzelne von uns ist besser als Helmut Kohl!«, was Kohl die Replik ermöglichte: »Warum kommen die dann zu dritt?« – neu auf.

Diesmal gingen Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück als Sieger aus dem aktuellen Durchgang von Germany’s Next TopTroika hervor. Das macht Hoffnung,vor allem den Gegnern. Und drei (!)Prozent der Wähler gefällt das!

Es lief wie immer: Keiner der drei sah die Notwendigkeit, eine Troika zu bilden. Nur Gabriel, als Parteichef naturellwidrig gegenüber Parteifreunden zum Ausgleich verpflichtet, erklärte:»Ich hab’ nix gegen eine Troika! Jedenfalls nicht, wenn ich sie alleine mache!« Als man ihm Steinbrück und Steinmeier zur Seite stellte, meinte er,damit könne er leben, das liefe schließlich ungefähr auf das hinaus, was er gemeint habe.

Im alten Rom, wenn mehr als einer sich zum Kaiser berufen fühlte, wurde das noch Mann gegen Mann ausgekämpft, ehrlich und mit offenem Visier. Sicher, auch damals kam es vor, dass der eine vom anderen mit dem Spruch »Auf die Freundschaft!« die Flasche mit dem Frostschutzmittel gereicht bekam oder gerade ahnungslos schlief, wenn sich jener zum klärenden Gespräch mit hundert bewaffneten Männern nachts in seinen Palast schlich. Aber so ein Schauspiel wie heute, das gab’s damals nicht!

 

Da wird troi geguckt, dass sich die Balkenbiegen. Kein Dolch nirgends. Die Kanzlerkandidaten-Kandidaten sind so lieb, dass sie in jedem Ponybuch eine tragende Nebenrolle übernehmen könnten: »Ruhig, Brauner!« Mit starker Hand griff er nach dem Zügel und brachte das angstschnaubende Tier in letzter Sekunde vor dem steilen Abgrund zum Stehen. Anna-Lena wusste nicht,woher er so plötzlich gekommen war. Seine gutmütigen Augen blickten sie besorgt an: »Alles in Ordnung?«, fragte er. »Ja, alles in Ordnung … Danke,Sigmar!«, flüsterte sie und rutschte erschöpft aus dem Sattel. »Schon gut, Anna-Lena«, erwiderte er. »Wir Sozialdemokraten sind es gewohnt zu helfen.

Das gilt übrigens auch für Peer und Frank-Walter …« usw. usf. Was gibt es über den flottesten Sozi-Dreier seit dem Rückzug Björn Engholms in den Krawatteneinzelhandel zu sagen? Als erstes das Schönste: Andrea Nahles ist nicht dabei! Dann fallen die zahlreichen Gemeinsamkeiten auf. Alle drei sind sie durchschnittlich im Jahr 1954 geboren, nämlich 1947 (Steinbrück), 1956 (Steinmeier) und 1959 (Gabriel). Alle sind in der SPD, verlieren zuverlässig ihre Wahlen (Gabriel 2003 gegen Christian Wulff, Steinbrück 2005 gegen Jürgen Rüttgers und Steinmeier 2009 gegen Angela Merkel) und verfügen über dieses klassische Unterabteilungsleiter-Charisma, ohne das man in der SPD noch nie was werden konnte.

Allerdings haben Steinbrück und Steinmeier einen Vorteil: Sie fangen mit »S« an, wie so viele große Sozialdemokraten zuvor: Schröder, Scharping, Schmidt, Scheidemann und Saugust Sebel, der legendäre Vater der deutschen Sozialdemokratie. Für Gabriel ist auch das kein Problem.

Schließlich fangen auch viele große Sozialdemokraten mit G an. Gabriel zum Beispiel. Und natürlich Grotewohl. In einer Troika gibt es stets eine Aufgabenteilung. Jeder spricht eine bestimmte Wählergruppe an. Steinbrück die, die normalerweise und vermutlich auch diesmal nicht SPD wählen. Steinmeier die Frauen, gilt er doch gegenüber Andrea Nahles, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft »Sozialdemokratische Spätgebärende« (ASS),in diesem Wählersegment als bessere Besetzung. Und Gabriel ist für den Stammwähler. Falls der noch lebt.

Die von den sozialdemokratischen Digedags gebildete Troika ist zweifellos eine überaus wirksame politische Konstruktion. Jedenfalls aus der Sicht des politischen Gegners. Denn wenn Merkel zum Beispiel sagt: »Lieber rette ich den Euro als Griechenland!«,dann denkt Steinmeier: »Äh, was sag’ ich denn jetzt?«, Gabriel denkt: »So ein Blödsinn!«, Steinbrück denkt, was er immer denkt, nämlich: »Das hat sie von mir!« bzw. »Das hätte ich lustiger formuliert«.

Doch weil keiner ohne vorherige Abstimmung mit den beiden anderen was sagen darf, kommt die Presserklärung in der Sprache der Troika – »Äh, diesen Blödsinn hat sie von uns, nur hätten wir ihn lustiger gesagt!« – erst heraus, als sich das Problem schon längst erledigt hat. Weil es entweder keinen Euro mehr gibt oder Griechenland schon für einen Euro Ausgangsgebot bei E-Bay drinsteht, plus 3,90 Euro Versand, ohne Rückgaberecht.

Was wird, wenn es auch diesmal wieder nicht klappt? Steinmeier wird vielleicht seine letzte Niere spenden.Steinbrück konzentriert sich auf die Teilnahme an Bernhardiner-Ähnlichkeitswettbewerben. Und Gabriel erklärt,dass es in Deutschland genug Wählerstimmen für alle gibt. Sie müssten nur gerechter verteilt werden.

Robert Niemann

 

 

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