Müssen wir alle sterben? - aus Heft 9/2011

RollenspieleDiese Frage stellten sich in diesen Wochen alle Geldbesitzer. Die erschreckende und einhellige Antwort: wahrscheinlich ja. – Schuld daran sind die Börsen. Denn was in den letzten Wochen dort geschah, ließ selbst alle Fachleute erzittern. Am Morgen war noch alles ruhig, der Dax ging leicht hoch, am Vormittag dann ging der Dax runter, am Mittag ging er wieder ein Stück vor, später aber erneut zurück, um am Nachmittag in den Keller zu gehen, bevor er erst rein und dann raus ging, bis er schließich am Abend gar nicht mehr zu erreichen war und sich von seiner Frau am Telefon verleugnen ließ.

Was erst mal total bekloppt klingt, ist bei näherer Betrachtung nur logisch, funktionieren Märkte per se doch immer und überall vollkommen vernünftig. Schließlich werden sie vom Homo oeconomicus gesteuert. Dieser bedient sich zudem immer häufiger der Hilfe festgelegter Algorithmen, die er von Computern berechnen lässt. Und diese, das kennt jeder Computernutzer von seinem heimischen Gerät, reagieren sehr sensibel auf die psychologisch wichtige Dax-Marke von 6000 Punkten. Ist die einmal unterschritten, kennt der Rechner kein Halten mehr und wird panisch. Bei US-amerikanischen Rechnern ist die psychologische Grenze sogar schon bei 11 000 Dow-Jones-Punkten erreicht.

Das war jedoch nicht immer so, wie ein kleiner Exkurs in die Entstehungsgeschichte der Börsen zeigt. Im 16. Jahrhundert fanden zur Zeit des europäischen Frühkapitalismus regelmäßig Zusammenkünfte im Haus der in Brügge ansässigen Kaufmannsfamilie van der Beurse statt. Man unterhielt sich über die Zuverlässigkeit anderer Händler, über die Qualität von Waren und die van Nebenans von nebenan. Nach und nach fanden auch an anderen Orten Treffen wie im Hause van der Beurse statt, wo die Kaufleute über lohnende Anlagen verhandelten. Die ersten Börsen waren geboren. Das ging auch eine ganze Weile gut, doch dann kam Manfred Krug, und seitdem darf sich jeder dahergelaufene Arsch Aktien kaufen.

Als Folge sind die Tage an der Börse laut Kennern der Szene meist das: schwarz, rabenschwarz, düster, infernalisch. Mindestens aber: grau. Selten: nett, so lala oder ganz okay. Nie jedoch: eine von den letzten Sonnenstrahlen des Tages begleitete, lieblich warme Brise auf dem Balkon mit anschließendem Sex im frischbezogenen Bett. Einig sind sich die Experten auch darin, dass sich die Lage dramatisch verschlechtern oder dramatisch verbessern wird. Allemal aber dramatisch bleibt und noch dramatischer wird.

Um die Aufregung zu verstehen, muss man wissen, wie die Börse funktioniert. Nämlich so: Ein beliebiger Redakteur hat Geld übrig und kauft sich davon Aktien. Die verlieren an Wert, und schon ist die Finanzkrise perfekt. Circa 120 Milliarden Euro haben alleine die Praktikanten bei Spiegel- und Welt-online in den ersten paar Minuten der aktuellen bzw. mittlerweile wohl schon wieder überstandenen Krise verloren.

Zusammen mit den anderen Aktienkäufern stellen sie sich nun besorgt Fragen wie diese: Welche Anlagestrategie ist die sicherste? Wohin mit meinen ersparten Sozialleistungen? Wie viele Zimmer hat eigentlich eine Immobilienblase?

Die Antwort auf all die Fragen ist immer dieselbe: Gold. Denn der Goldpreis steigt und steigt. Bei Redaktionsschluss kostete die Feinunze in Paris bereits 1779 Dollar, die Grobunze sogar noch mehr. – Überhaupt diese Edelmetalle! Für eine Handvoll Quecksilber bekommt man an der Börse Katmandu 632 Schekel. Zum Vergleich: Der Ster Buche liegt konstant bei einem Brennwert von 2100 KWh.

Beliebt bei Kleinanlegern bleibt auch die Spekulation gegen die eigene Schuldnernation. Geht die pleite, gewinnt man. Geht sie nicht pleite, sondern die Bank des Anlegers, die auf die Pleite gewettet hat, springt die Schuldnernation mit einem Rettungsschirm ein, für den sie sich wiederum verschuldet und pleite geht. – Eine klassische Win-win-Situation.

Wem das zu einfach erscheint, der kann sich – wie der zwischenzeitliche Anstieg des Dax gezeigt hat – auch auf Großmutters altes Geldanlagerezept verlassen: Mut wird belohnt. Wer beispielsweise am ersten Spieltag auf einen Sieg für Gladbach gegen die Bayern setzte, konnte ordentlich abkassieren.

Eine ebenfalls ganz passable Anlage ist das Gelddrucken. Problem hierbei: Das darf in der Eurozone offiziell nur die Europäische Zentralbank. Die machte davon in jüngster Zeit reichlich Gebrauch und kaufte zur Entspannung der Lage massenweise italienische Staatsanleihen und Spanische Fliege. Zusätzlich beschwichtigte EZB-Chef Jean-Claude Trichet mit einer Insiderinformation: »Es ist die schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg«, erklärte er im verheerten Brüssel und verteilte frischgepresste Euroscheine an die anwesenden Journalisten.

Auf Dauer wird auch das nicht helfen, weshalb die Politik schon nach weiteren Möglichkeiten sucht. Neben Konjunkturprogrammen gilt vor allem bei Merkel und Sarkozy das Miteinander-Telefonieren als probates Mittel, auch wolle man sich hin und wieder mal treffen. – Sicherlich nicht der schlechteste Weg.

Einig sind sich alle Politiker darin, dass die Wirtschaft für die Menschen da ist und nicht umgekehrt. Von marodierendem Kapital, das verzweifelt nach Rendite sucht, wolle man sich nicht kirre machen lassen. So ließ Philipp Rösler, der immer wieder davon überrascht wird, Wirtschaftsminister zu sein, verlauten, es wäre ja noch schöner, wenn man sich die eigene Kreditwürdigkeit von den Kreditgebern vorschreiben lassen müsste.

Am eindrücklichsten brachte es mal wieder Barack Obama auf den Punkt: »Markets will rise and fall, but this is the United States of America. « Sinngemäß übersetzt: Märkte werden steigen und fallen, aber ein selbstgemachtes Käsbrot schmeckt immer noch am besten. – Wer den amtierenden US-Präsidenten bis dahin nicht für den Heiland gehalten hat, wird nun anerkennen müssen, dass er immerhin was von Wirtschaft versteht.

Ob sich aber die Märkte davon wirklich beruhigen lassen? Noch immer haben die Anleger die letzten Unworte in den Ohren: Hypo Real Estate, Bear Stearns, Lehman Brothers, Giana Sisters, Tante Gerhild – mehr braucht man dieser Tage nicht zu sagen, um die Anleger ins Schwitzen zu bringen. Und dann auch noch die Inflation in China!

Es ist doch so: Sparen die Staaten, rutschen sie in die Rezession und ziehen die Realwirtschaft in Mitleidenschaft. Bleibt der Leitzins niedrig, führt die Inflation zur Abkühlung der Weltwirtschaft, und die Schuldenbremse hat – Maastricht-Kriterien hin oder her! – mit der Dynamik an den Börsen ohnehin nichts zu tun. Die Anlagequote dagegen kann zwar Risikolimits reduzieren, bei einer Askontierung aber auch das weltweite Wachstum mit Swaps bedrohen. Devisenreserven, Umlaufrendite, antizyklische Derivat-Effekte, renditeoffenes Volatilitätsgehabe, kapitalverhagelte Riesenöttel. – Wer da noch ruhig schlafen kann, hat wohl den Schuss nicht gehört.

Bundeskanzlerin Angela Merkel jedenfalls möchte ihrer Linie treu bleiben und vorerst mal schön die anderen machen lassen. Die Meinung der Analysten dazu ist einstimmig: Das könnte Vertrauen schaffen. Oder untergraben.

Gregor Füller
Zeichnung: Andreas Prüstel

 

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