Herr der schlappen Hüte - aus Heft 9/2011

UhrlauDrei Jahre später und nur wenige Monate vor dem Zapfenstreich seiner Dienstzeit im Dezember 2011 hat sich seine persönliche Weltlage gedreht. Die Zielgerade vor der Nase, läuft ihm, der seit über drei Jahrzehnten Luft und Leben mit Polizei, Verfassungsschutz und BND geteilt hat, die Puste aus. Nicht weil das oben geschilderte Zuckerhäubchen seiner Karriere mit inzwischen anderthalb Milliarden jeden Kostenrahmen zum Platzen bringen wird. Auch nicht, weil die Chausseestraße, durch die sich jeden Morgen die 4000 Beamten hindurchfressen müssen, viel zu klein ist – der Verkehr wird sich bis unter die Decke stauen!

Sondern: Durch irgendein Loch sind Baupläne entwischt, und die Nervenzentrale des BND steht nackt vor aller Welt. Da können Hunderte Wachleute Mann und Maus kontrollieren, die das Baugelände betreten: Irgendwo unter den 250 kaum namentlich bekannten Baufirmen mit ihren Tausenden anonym dahintreibenden Subunternehmen und deren zigtausend im Schatten wirtschaftenden Scheinselbständigen war irgendwer, der klammheimlich dafür sorgte, dass die Blaupausen des BND-Hauptquartiers heute auf jedem Scheißhaus hängen.

Zudem nagt eine Personalaffäre an Uhrlau, weil er einen Beamten, der auf seinem staatlich bezahlten Spezialcomputer Pornos auskundschaftete, nicht unverzüglich trockenlegte. Uhrlau habe seine so schön gewachsene Behörde nicht im Griff, heißt es aus spitzen Mäulern. Die CSU will ihn sowieso um sein Amt kürzer machen, weil er die Versetzung des BND vom geliebten München-Pullach ins irgendwie unappetitliche Berlin mit vollem Herzen steuerte.

Außerdem stößt es in der Union zappenduster auf, dass das SPD-Mitglied Uhrlau eine hübsche Historikerkommission ausgebrütet hat: Mit ihr würde nicht nur der braune Ursprung des BND breit ausposaunt werden, sondern auch, wie in Adenauers Gründerjahren die SPD ausgespitzelt wurde. Obendrein sägen die Grünen an Uhrlaus Beinen. Als kurz vor jenem strahlenden 7. Mai 2008 an die Öffentlichkeit gerutscht war, dass der BND zwei Jahre zuvor den E-Mail-Austausch des afghanischen Handels- und Industrieministers mit einer deutschen Reporterin heimlich unter dem Tisch mitlas, hatte Christian Ströbele den Präsidenten zermalmen wollen.

Dabei galt es doch, Deutschlands wirtschaftliche Notwendigkeiten in Zentralasien auch nach dieser Seite abzufedern! Sondern was der Sache den Boden ausschlug: Wenige Tage, bevor diese Operation 2006 angepfiffen wurde, hatte Uhrlau gelobt, künftig keine Journalisten mehr abzuspitzeln, die das nicht selber wollen oder sowieso ihr zweites Gehalt vom BND zugeschanzt kriegen. Der verzwackte Hintergrund: Just im Frühjahr 2006 war mit lautem Knall aufgeflogen, dass der BND geheimdienstkritische Journalisten auf seinem Kieker verfolgt und damit den Rechtsstaat zu Schall und Rauch macht.

Seither steht es Spitz auf Kopf von Uhrlau. Merkels Vertrauen war aufgeweicht; seit der schwarzgelben Machtergreifung ist der Burgfrieden, der in der Großen Koalition geschlossen wurde, vollends klapprig. Doch eigentlich überschütteten Union und FDP Uhrlau schon immer mit Vorbehalten. Als gepflegter Soziologe und Diplompolitologe ist er kein in der Wäsche gefärbter Agent und Gefrierkälte ausdünstender Dunkelmann wie Reinhard Gehlen, sondern ein Schöngeist, der gern in Büchern und Musik badet. Nie absolvierte der Herr einen Schnupperkurs als Beschatter oder ein Praktikum in der Nachrichtenbeschaffung, keine Rede von der vorgeschriebenen dreijährigen Lehre in Spionage und Spionageabwehr, von einem Fronteinsatz im Ausland zu schweigen.

Nein, der mit dem Jahrgangsstempel 1946 in Hamburg in die Welt Gehobene rutschte nach seinem Studium 1974 als Lehrer an die Landespolizeischule ab und verdankt seinen vollständigen Werdegang der Gnade seiner sozialdemokratischen Geburt in der Freien und SPD-Stadt Hamburg: 1975 hineingelobt in die Behörde für Inneres als Büroleiter, 1981 aufgemöbelt zum Vizechef und später Chef des Landesamts für Verfassungsschutz, 1996 hochgemotzt zum Hamburger Polizeipräsidenten, 1998 sauber hinübergespielt ins Berliner Kanzleramt, wo er als Geheimdienstkoordinator und lebende Schnittstelle zwischen Verfassungsschutz, BND, MAD und Gerhard Schröder fest eingeschraubt wurde, 2005 dann die Krönung zur Nummer eins im BND.

35 Jahre bequem im Sessel liegend, wurde Uhrlau mit allen Geheimnissen gefüttert und überdauerte sämliche Skandale, von denen ohnehin die wenigsten ans volle oder auch bloß halbe Licht gerieten: so, ob BND-Kundschafter für die USA Bombenziele im Irak ausgespäht hatten (sie hatten Kochrezepte gesammelt und weitergereicht); ob in afghanischen, syrischen und amerikanischen Kellern angekettete deutsche Staatsangehörige von BND-Mitarbeitern nach allen Regeln der Vernehmungstechnik zerlegt wurden (die Beamten waren nur zu Kaffee und Baklava eingeladen); oder ob BND-Agenten beim Anschlag auf die Internationale Verwaltungsbehörde in Pristina unbefugte Granaten dabeihatten (es waren bloß Stinkbomben ohne Zünder, Stinker und Bombe).

Nichtsdestoweniger: Das Unikum eines sozialliberal tickenden Geheimdienstlers, der vor dem wuchernden Rechtsextremismus den warnenden Stift hob und fürs »Kursbuch« einen schönen Beitrag über die braune Szene abseilte; der mit großem Mund das Bild der neuen, bürgerfreundlichen, keine Straftaten mehr in die Finger nehmenden Geheimdienste an die geduldige Wand malte; der das Image vom geschmeidig den freien Zeitgeist inhalierenden Staatssschutz verkörperte, sich aber wie seit je von Medien und parlamentarischen Kontrollgremien nur behindern ließ, wenn irgendwo ein Deckel hochgeflogen war, und im Übrigen seine Arbeit weiter abschnurrte wie sonst – nach 35 Jahren hat Ernst Uhrlau diese Schuldigkeit zu Ende getan.

Peter Köhler

 

Kommentare 

 
#1 Peter Likowski 2011-08-25 16:15
Fein.
Zitat
 

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