Behandelt wie Verbrecher und Idioten - aus Heft 8/2011

»Nieder mit Google. Jeder Schwachkopf kann sein Erbrochenes auf Jahre an meinen Namen pappen«
Mathias Matussek via Twitter


matussekDie ganze Nacht sitze ich an einer Öllampe und lese. Der Schein flackert unentwegt über Das katholische Abenteuer, das neueste Buch Matthias Matusseks. Ich achte darauf, dass die Flammen nicht hochschlagen, um nicht aufzufallen. Hier, tief im Wald in einem Loch, bin ich relativ sicher davor, entdeckt zu werden. Was ich tue, ist etwas streng Verbotenes, denn ich nicke zustimmend, während ich Matussek lese.

Die Lektüre elektrisiert. Ich blättere durch die Seiten und muss mich zügeln. Genau wie der heilige Antonius, »ein Weiser, der wusste: ›wer in der Wüste sitzt und Herzensruhe pflegt […], hat nur noch einen Kampf zu führen: den gegen die Unreinheit!‹« Das waren noch glückliche Zeiten, lange bevor die »Hysterisierung um die Sexualität, zunächst mit Freud«, begann.

Jetzt ist es 3:30 Uhr am Dienstagmorgen, und immer noch werden Katholiken »im öffentlichen Gerede behandelt wie Idioten oder Verbrecher«. So besagt es Matusseks Schrift. Wer will bei diesen gottlosen Voraussetzungen garantieren, dass man mich nicht wegfängt, nur weil glaube? Wer gewährleistet mir, dass ich, wenn ich mich zum Papst bekenne, nicht in eine Irrenanstalt gesteckt werde oder in das Berliner Olympiastadion? In diesem Land bin ich vogelfrei, weil ich die »Straftatbestände (deutsch, unverheiratet, gläubig)« erfülle.

Hier sitze ich und weiß, dass jeder Glaubensstreit »heutzutage gleich in Dynamit, Terror und globale Vernichtungsfantasien« münden muss. Daran sind die Moslems schuld, denn auch Matussek ist »nicht geläufig, dass Jesuiten damals Selbstmordattentate gegen Spaziergänger im Tiergarten durchgeführt hätten«. Gut, streng genommen haben das Moslems auch nicht getan. Aber es geht ums Prinzip! Was für eine verrückte Epoche! Manchmal wünschte ich mir, in eine friedlichere Zeit hineingeboren zu sein, z.B. in die zwischen 1618 und 1648.

Eine Zeit, in der folgende Begebenheit, die Matussek in seinem Buch schildert, niemals passiert wäre: »Ein Dreizehnjähriger fragte seine Mutter: ›Mama, was ist eigentlich Faustficken?‹« Oder auch Folgendes hätte sich niemals zugetragen: Ein Zwölfjähriger fragte seinen verkoksten Journalistenvater: »Papa, was schreibst du eigentlich für wirren Stuss?«

Aber es war der Wunsch des Herrn, dass ich heute lebe, und so muss ich mich mit den hiesigen Gegebenheiten arrangieren. Ich starre in meine Lampe und sinniere über die gerade gelesenen Worte: »In Spanien hat die katholische Inquisition die Hexenverfolgung verhindert«, schreibt Matussek. Aber kann das sein? Hatte die katholische Kirche etwa wirklich so geschludert? An anderer Stelle in Matusseks Buch erhalte ich Rat auf diese Frage: »Ich habe die Konstruktionspläne unseres Fahrstuhls noch nie eingesehen [...], aber ich glaube einfach mal, dass er kommt, wenn ich auf den Knopf drücke. Es wäre unvernünftig, nicht daran zu glauben. Man nennt das Alltagsvertrauen.«

Dermaßen geistig gestärkt, nehme ich all meinen Mut zusammen. Ich benutzte missmutig mein Smartphone, das von Wissenschaftlern entwickelt wurde (»im Grunde […] Theologen des Schreckens «) und suche den Wikipedia-Artikel zur Spanischen Inquisition. Dort steht sehr wohl, dass spanische Inquisitoren Hexen verbrannten. Ich habe den Wikipedia-Artikel nie überprüft, aber ich glaube einfach mal, dass er stimmt. Man nennt das Alltagsvertrauen. Dank dieses Alltagsvertrauens bin ich wieder mit meiner katholischen Kirche im Reinen. Vor allem bin ich es mit dem Papst, der etwas »Zartes, Unschuldiges, Kindliches« hat und die Nachfolgeinstitution der Inquisition bis zu seiner Amtsübernahme so zart, unschuldig und kindlich leitete und Papst Johannes Paul II. schneller selig sprechen konnte, als Matussek ein Buch aus alten Artikeln zusammenschustern kann.

Die Atheisten haben Benedikt trotzdem dafür ausgemeckert. Überhaupt, immer diese Atheisten! Wie Matussek, so bleibt auch mir schleierhaft, warum diese »so große Probleme damit haben, an die Jungfrauengeburt zu glauben, aber überhaupt keines damit, dass jemand behauptet, durch Geisteskraft Löffel zu verbiegen«. Typisch! Atheisten sind es doch auch, die »die ›Bevormundung der Religion‹ abgeschüttelt haben«, nur um neue »Götzen « der »Star-Industrie« anzubeten. »Cellebritys, Torschützenkönige und Kinoprinzessinnen« oder den Papst auf Deutschlandbesuch. »Nie hat eine Religion derartig gewütet und verheert und gemordet wie die Religion des Atheismus«, z.B. »bei den Nazis«. Mögen sie dafür von Odin bestraft werden!

Wenn wenigstens die Leute in Deutschland begreifen würden, was wir an unserer Kirche haben! Frühere Generationen konnten das doch auch. Matussek erwähnt in diesem Zusammenhang die Engel auf der Siegessäule in Berlin und auf der Paseo de la Reforma in Mexico, die er richtigerweise nicht als die heidnische Siegesgöttin Victoria erkennt, die sie sind. Das ist »Weisheit ohne Zeigefinger« (NDR Kultur).

Weise und »immer mitreißend« (Süddeutsche) argumentiert Matussek auch, dass die Beichte jede Psychoanalyse ersetze. Mir selbst erspart sie sogar das Geld für die Medikation. Ich lege das Buch beiseite und lösche meine Lampe. Doch die Glut in meinem Herzen glimmt umso heftiger. Sagte nicht schon Matussek in seinem Werk, »rund 70 Prozent der Bevölkerung […] glauben an einen Schöpfer […]. Im Osten glaubt nur noch ein Drittel der Menschen. Im Westen sind es noch zwei Drittel«? Ist diese Rechnung nicht ein Wunder? Nein, sie ist ein Zeichen!

Und deshalb werde ich mich durchschlagen zur nächsten deutschen Stadt, die verseucht ist von islamistischen und atheistischen Umtrieben. Dort werde ich mich streng an das Wort Gottes halten. Ganz im Sinne Matthias Matusseks »Papst der Randschärfe«: »Sie sollen durchs Schwert fallen und ihre kleinen Kinder zerschmettert und ihre Schwangeren aufgeschlitzt werden.« (Hosea 14.1) Und dann sollen sie sie fühlen, meine christliche Nächstenliebe! Ob man es mir dankt, ist mir egal, denn »Ruhm ist ironisch geworden «. (Matussek 316)

Andreas Koristka
Zeichnung: André Sedlaczek

 

Kommentare 

 
#1 Lutz 2011-07-25 21:20
Angesichts der Vorkommnisse in Oslo und dem Hintergrund dazu ist mir das Grinsen beim letzten Absatz abgestürzt ...
es ist zu wahr, als dass es lustig wäre ...
Zitat
 

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