Rache, Neid und böse Worte - aus Heft 8/2011

Was will Hannelore Kohl ihrem Mann eigentlich noch alles antun?

Hannelore Kohl

Hat ihn niemand mehr lieb? Gibt es keinen mehr in seiner Partei, der ihn mal von oben bis unten herzt und knuddelt? Von Journalisten, politischen Weggefährten und der eigenen, selbstgeschaffenen Familie bis auf die Haut ausgezogen, muss er öffentlich in Schutt und Asche baden. Vor allem sein Privatleben, von dem zu Amtszeiten kein böser Pieps an die Öffentlichkeit drang, liegt für alle sichtbar am Boden: Die Frau, die ihn vorn und hinten vier Jahrzehnte lang sauber hielt und, ohne je zu murren, seinen privaten Hintergrund brav ausgemalt hat, bläst sich aus purem Egoismus das Lebenslicht weg – und statt es damit gut sein zu lassen, wirft die alte Petze noch Jahre nach dem selbstverschuldeten Tod mit einem finsteren Buch nach ihm, das ihn als kalten Ehemann und eisiges Familienoberhaupt in Grund und Boden zetert.

 


Damit nicht genug, der eigene Sohn greift in dieselbe Kerbe und beklagt sich, sein Vater, Herr Kohl, sei zu Hause nur ein steinerner Gast gewesen. Nie sei er für ihn da gewesen, greint der kleine Walter, statt sich zu freuen.

Das komplette Universum hat sich scheint’s gegen Helmut Kohl verschworen. Ganz oben fragt kein Bundespräsident, kein UNO-Generalsekretär, kein Gesandter Gottes ihn mehr um seinen früher heiß gehandelten Rat. Ganz unten, in seinem Ludwigshafener Villenviertel, wechseln Passanten bei seinem Anblick die Straßenseite – angeblich, weil der Bürgersteig nicht breit genug ist.

Dabei ist der Mann, der zu Lebzeiten als der große Elefant aus der Pfalz, als der personifizierte Saumagen aus Oggersheim galt, längst auf 150 Kilo abgemagert! Selbst der seit 81 Jahren in seinem Besitz befindliche Körper, der stets sein breites Markenzeichen war, pariert ihm nicht mehr aufs kleinste Wort: 2007 mussten die ausgelutschten Kniegelenke durch künstliche Scharniere ersetzt werden – die wiederum ließen ihn 2008 in seinem eigenen Haus so schwer stürzen, dass sein Gehirn vollständig verbeult wurde; operiert werden musste er trotzdem.

Er, dessen bis in den letzten Winkel des Planeten spürbares Dasein auf der Gefolgschaftstreue der anderen thronte, sieht sich verraten und nach Strich und Faden verlassen. Früher, als seine Macht auf eisernen Füßen stand, zermalmte er Meuterer wie den Geißler, den Späth, den Blüm und die Süssmuth, die Ende 1988, Anfang ’89 – die CDU hatte einen Landtag nach dem anderen eingebüßt und drohte auch in Bonn kaltgemacht zu werden – wider ihn aufmuckten. Sogar den Schäuble, der 1998 in seinen Fußstapfen ins Kanzleramt rollen wollte, hatte er wie ein Insekt mit den Fingerspitzen weggeschnellt und sich selber ein letztes Mal für die Bundestagswahl ins Geschirr gelegt!

Das war die helle Vergangenheit. Jetzt aber greifen Ignoranz, Neid und Rache von allen Seiten mit spitzen Armen nach ihm! In Dresden, wo man ihm 2010 ein Denkmal setzen will, setzt man ihm kein Denkmal, weil in der Bürgerschaft eine links getackerte Opposition mit lauter Gegenargumenten um sich sticht. In Stockholm wiederum weigert man sich bis heute, ihm für seine seit 2004 in die Welt geschobenen Memoiren den Nobelpreis für Literatur anzuheften, obwohl er gerade so gut wie Churchill pinseln kann.

Die Verdienste des eingeborenen Kanzlers der deutschen Einheit und Architekten der Europäischen Union: Fast sind sie mit bloßem Auge nicht mehr zu sehen. Die Lorbeeren einer Figur, die 1998 zum Ehrenvorsitzenden seiner Partei wie zum Ehrenbürger Europas gesalbt wurde: damals leuchtende Titel, heute vom Zahn der Zeit weggeschwemmt!

Dabei gehört dieser Bundeskanzler, den es länger in seinem Stuhl hielt als alle Vorgänger seit Erfindung der Bundesrepublik, zum unsterblichen Inventar der Geschichte. Man rufe sich jene großen Momente ins persönliche Gedächtnis zurück, die sich als riesengroße Momente im Gedächtnis der Menschheit abgelagert haben: Helmut Kohl und François Mitterand, die sich 1984 auf dem längst außer Dienst gestellten Schlachtfeld von Verdun lieb an ihre Dings fassen, die Händchen; Helmut Kohl und Ronald Reagan, 1985 schön aneinander gehakt auf dem braunen SS-Friedhof in Bitburg; Helmut Kohl, Willy Brandt und Walter Momper, denen am 10. November 1989 auf dem Balkon des Berlin-Schöneberger Rathauses das Deutschlandlied aus den tiefen Kehlen kriecht; Helmut Kohl, wie er am 10. Mai 1991 in Halle dampfend vor Wut und Bürgernähe auf die Menge zueilt, die ihm frische Eier präsentiert hatte!

Das sind noch für viele Jahre unvergessliche Szenen! Aber wir verdanken Helmut Kohl mehr. Die Einsicht z.B., dass die einfache Schwerkraft des Sitzfleisches über kompliziert gebaute Köpfe triumphieren kann. Viele Jahre musste sich der durch und durch pfälzisch gestrickte Kohl in der Metropole Bonn durch eine lange Kette von Verachtung und Demütigung fressen, bis er 1982 endlich den Weltökonomen Helmut Schmidt, vor dem die Gehirne der mächtigsten Männer des Universums in Hab-Acht-Stellung erstarrten, aus dem Amt drücken konnte und allen Bürgern bewies, dass heutzutage wirklich jeder Kanzler werden kann. Zuvor schon hatten seine intelligent zugeschnittenen Konkurrenten in der Union, Ernst Albrecht und vor allem Franz Josef Strauß, mit all ihrem scharfkantigen Verstand vor dem unverrückbaren Fleischberg aus der Pfalz ins bittere Gras beißen und abschieben müssen.

Später, die auf seinen Fahnen gewachsene geistig- moralische Erneuerung des Landes lief auf vollen Rädern und er mit seiner persönlichen Referentin Juliane Weber hinter den Kulissen ebenfalls, konnte er alle ungeplant auflodernden Probleme dank seiner vier Buchstaben zentnerschwer aussitzen: die millionendicken Spendenaffären 1981ff. (Stichname: Flick) und 1999ff. ebenso wie seinen »Goebbels« von 1986, als den er sich Gorbatschow in einem Newsweek-Interview aufs Korn lud; im Gegenteil, 1990 fraß ihm der Chef der im Sinkflug befindlichen UdSSR nur zu gern aus der offenen Spendierhose.

Von solcher unbeirrbar im eigenen Saft schwimmenden Beharrlichkeit können ganze Geschlechter von Politikern was lernen! Genau wie von seiner Fähigkeit, den Mantel der Geschichte an sich zu reißen, als ihn Ende 1989 Fortuna streifte: Entschlossen nahm er die Weltkugel in die Hände, schluckte die DDR und schuf blühende Menschen ebenso wie steil wachsende Landschaften. Ein Mann, dessen Vorbilder doch Dick und Doof waren, zeigte allen, wo der Hafer wächst! Er, dem jeder die Gnade der dummen Geburt bescheinigt hatte!

Ob Großkreuz der Bundesrepublik Deutschland mit Lorbeerkranz am Hosenband für Rechtsträger, ob Orden des Weißen Adlers der Polnischen Republik in Schwarz, ob die Ernennung zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt Ludwigshafen und seines Hauses in Oggersheim: Man ehrte ihn von Kopf bis Fuß. Er, der Fettnapf auf zwei Beinen, den harte Satiriker und Kabarettisten täglich zur weichen Birne machten, er hatte alle und alles überlebt.

Mögen heute die Hunde bellen, Helmut Kohl zieht weiter in die Zukunft. Entscheidend ist nämlich, was hinten rauskommt und für alle Zeiten draufsteht: Helmut Kohl!

Peter Köhler

 

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