Held an der unsichtbaren Front - aus Heft 8/2011

jahnDie Stasi-Ausstellung in der Berliner Zimmerstraße ist ein grausiger Ort. Wie brutal hier mit Opfern umgesprungen wird! In olivgrünen Polstern zucken sie auf kleinen Bildschirmen wie komische Stummfilmfiguren. Man soll wohl denken: Ach, so hat die Stasi das gemacht, Regimegegner in Plüsch erstickt! Die Opferlebensläufe haben die Museologen jeweils dazugelegt. Da liest man verblüfft, dass die Toten in diesem schmutzgrünen Mausoleum durchweg am Leben sind. Aber hier sind sie eingesargt und müssen nun wohl ihr Lebtag lang Opfer bleiben.

Die Ausstellung »ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer« – und das wiederum ist einer der raren Sätze, die Roland Jahn ziemlich flüssig kann. »Ins Gesicht«, nicht »in die Gesichter«! Denn nach zwanzig Jahren Opferei gibt es quasi nur noch ein Opfergesicht, das des ideellen Gesamtopfers. Wie das aussieht? Jedenfalls nicht wie das von Roland Jahn. Jahn ist dem Opferstatus entronnen und auf die Täterseite, auf die Seite der Macher getreten: Er darf »die Vergangenheit aufarbeiten« und jede Woche neu dem Mielke eins auswischen.

Er ist der neue Gauck, nur besser, wie er meint. Ein »Menschenjäger« will er, bitte schön, nicht genannt werden. Auch, bitteschön, nicht »billiger Abrechner« (so ruft ihn Matthias Platzeck). In der Stasi-Polstermöbelbude sitzt Jahn im kleinen Foyer hinter hübschen Prospekten und wartet auf Touris, die sich vom Checkpoint Charly hierher verirren, weil sie (zu Recht) denken, dass es hier was umsonst gibt.

Die Szenerie wirkt harmlos. In Wirklichkeit aber kämpft der eiserne Roland auch hier seinen heldenhaften Kampf. Das Tischchen,hinter dem er kauert, ist eine der vielen unsichtbaren Fronten in der Schlacht gegen »das Gift der Stasi, das noch immer wirkt« – verglichen damit war Ehec ein Lutschbonbon. Darauf kann man Gift nehmen: Das Stasigift wird auch über 2019 hinaus saugiftig sein, damit die Behörde ihren »Überprüfungsauftrag« sogar noch ausweiten kann. Wahrscheinlich auf die Haushaltshilfen und Enkel in den Stasisippen, damit die nicht wagen, in der Schule eine Lippe zu riskieren.

Wie man das wird, Stasibezwinger? Nun, man muss zunächst ein kleiner Held sein. Der Roland war das nicht von Anfang an. Erst war er in der FDJ und hatte ein solides Staatsvertrauen: Als der Schuldirektor einen Freund wegen unbotmäßiger Haartracht gängelte, fuhr Roland per Deutscher Reichsbahn nach Berlin ins Volksbildungsministerium, sprach dort höflich vor und erreichte allgemeine Haarlängentoleranz für seine Schule.

Eine kommode Diktatur, in der die Dinge auf dem kurzen Dienstwege geregelt werden konnten! Aber weil er klein geraten war und zwischen den Wörtern schnappatmete, versuchte er witzig zu sein. Nun muss man wissen – Roland ist Jenenser. Jenenser können keine Witze. Sie geraten ihnen zu fett: Roland ließ sich, kaum war sein Bartwuchs solide, auf der einen Seite des Gesichts einen Stalinbart, auf der anderen ein Hitlerbärtchen stehen.

Kommunismus und Faschismus sind eine Soße, sollte das wohl heißen. Vielleicht sollte es aber auch nur heißen: Guckt mal, wie ulkig ich bin, ist denn ein Mädchen in der Nähe? Später wurde aus ihm doch kein Harald Schmidt, deshalb fuhr er mit dem Rad ein Solidarność-Fähnchenspazieren. Und was immer das war – tollkühn, mutig, lustig oder doof –, heute ist es eine Heldentat. (Das Fähnchen wird demnächst als Reliquie im Tränenpalast ausgestellt!)

Die Stasi, die ebenfalls keine Witze konnte, schleppte Jahn gewaltsam aus ihrem Hoheitsgebiet. Dankbar war er aber nicht, im Gegenteil: Er entlarvte jahrelang im SFB-Fernsehen mit kleinen Filmen das kleine Arbeiter- und Bauernparadies. Auch das brachte Heldenpunkte. Als die Freiheit für seine ehemaligen Landsleute kam, klingelte Jahn im Osten an den Wohnungstüren der Bonzen und forderte sie auf, sich noch auf dem Treppenabsatz vor laufender Kamera zu entleiben – was sie nur unlustig taten.

Als eines Tages dann der schöne Posten für Marianne Birthler abgelaufen war, der sie vor Hartz IV bewahrte, suchte man einen Behördenleiter und verfiel auf die ulkige Idee, ein Opfer zum Richter zu machen – diesen fleißigen DDR-Hasser, den stammelnden Jenenser. Die Kollegen im rbb atmeten auf: Jahn ist nicht gerade ein ausgemachter journalistischer Tausendsassa, und das Stasigift ist schon längst Quotengift.

Dass nicht das Opfer über den Täter richten solle – was aber lustig wäre, weil dann ab und zu gelyncht würde –, ist der verlässlichste Grundsatz der abendländischen Rechtsprechung. Bei der tausendjährigen Stasizerschlagung haben Opfer jedoch erstaunliche Ausnahmerechte. Jahn z.B.das Recht, unablässig Stuss zu reden: »Die Stasi war mitten in der Gesellschaft!«, ruft er voller Bewunderung für den Feind aus. »Und genau das wollen wir (die Stasibehörde) jetzt auch.«

Raus aus Hubertus Knabes Gespensterbahn, her mit nachbarschaftlicher Denunziation und psychischer Zersetzung, jetzt aber für eine gute Sache. »Es ist gut, dass es die Stasi gab. Umso mehr wissen wir die Demokratie zu schätzen«, die ansonsten zum Kotzen wäre. Und: Eine Lehre aus der Stasiherrschaft sei, »dass man immer wachsam sein« bzw. die revolutionäre Wachsamkeit kontinuierlich erhöhen müsse.

Außerdem verdanken wir es der Stasi, »dass wir heute in den Schulen diskutieren können, wann man gegen den Chef, den Lehrer aufmucken darf!« Gerade im Osten sind ja Lehrer Stasi. Joachim Gauck, der Melodiker unter den Interpreten der Diktatur, würde sich im Grabe umdrehen (wenn er tot wäre) bei solch schiefen Sätzen. Angeblich wollte er Jahns Wahl verhindern, weil der kein Jurist und Behördenfachmann ist.

Das ist Unsinn. Gauck weiß, dass eine Lüge nur gut ist, wenn sie auch gut gesagt wird. Jahn jedoch hat »Schaum vorm Mund«, wie einige Leute in der SPD behaupten. Nicht etwa, weil er voller Hass ist, sondern weil er feucht um Worte ringt.

Der Kampf gegen das Stasigift tobt seit Monaten in der eigenen Behörde. 48 einstige Stasileute, von Gauck eingestellt und verbeamtet, sind das personifizierte Böse – täglich 48 Schläge ins Opfergesicht – und sollen nun gefälligst in anderen Bundesbehörden Böses tun. Wenn die Opfer zum Richter gemacht werden, machen sie sich auch das Beamtenrecht neu.

Jahn verlangt jetzt sogar ein Bundesgesetz eigens für die 48, damit er sie, wenn schon nicht rädern, so doch in die Bürowüste schicken kann. Doch der Held hat ein Problem: empfindlicher Tätermangel! So ziemlich jedes Stasischwein ist bereits ausgewaidet. Täter, bitte meldet euch! Jahn kündigte an, jetzt nehme er sich noch mal Opa Stolpe vor …

Inzwischen ist das Foyer zur Stasiausstellung fast leer. Nur ein Mann drückt sich am Postkartenständer rum. »Täter oder Opfer?«, ruft der Behördenleiter ihn heiter an. Es klingt wie »Senf oder Curry?«. »Täter«, sagt der Mann und grinst verlegen. Roland Jahn wirft spontan seinen Arm über das Tischlein und streckt dem Mann die Hand entgegen – er habe Respekt vor Menschen, er würde auch seinem einstigen Vernehmer die Handgeben, hat er kürzlich gesagt. »Das ist schön, dass Sie das so sagen! Dass das jetzt möglich ist!« Dann »ein typischer Jahn«: »Wenn es euch Täter nicht gegeben hätte, wären wir keine Opfer.« Er lacht ein fiependes Lachen, als hätte er einen Witz gemacht. Doch Jenenser können keine Witze. Es ist die nackte Lebensfreude, die ihn schüttelt.

Mathias Wedel

 

---Anzeige---