MBS oder MSP? - aus Heft 10/2010

goebbelsEs ist ein dunkler, kalter Freitagabend in Berlin. Seit Wochen regnet es ununterbrochen, und auch sonst steht es schlecht um die Republik. Zwölf Männer und eine Frau haben sich im Keller eines schmucklosen Einfamilienhauses zu einem konspirativen Treffen verabredet. Im Raum verteilt stehen
»Ich find’s nicht gut, dass die hier ist«, sagt einer der Männer und deutet auf die einzige Frau in der Runde. »Frauen sollten auf ihre Kinder aufpassen. Das ist nicht gut so. Gar nicht.« Manche nicken, die meisten aber rühren sich nicht. »Gott merkt sich solche Äußerungen«, ätzt die Frau und blättert dann wieder in ihrer Bibel.
Die Not hat diese Menschen im Keller zusammengeführt – Ausgestoßene, Aussätzige, aber auch solche, deren innerer Trieb, sich zu profilieren, einfach zu groß ist, als dass sie in diesem Moment woanders sein könnten.

Den Anwesenden ist eines gemeinsam: Sie haben keine Heimat mehr in der Politik. Seit eine Frau aus dem Osten mit einer Multikultitruppe aus schwulem Außen-, behindertem Finanz-, asiatischem Gesundheitsminister und dem lustigen BDI-Maskottchen Brüderle das Land anführt, sehen sie, was sich sonst keiner zu sehen wagt. »Das wird man doch wohl noch sehen dürfen in Deutschland!«, schreit der Medienwissenschaftler Norbert Bolz immer und immer wieder in die Runde. »Kommunistische Moslems haben die Herrschaft übernommen!« »Seh ich auch so«, pflichten ihm Martin Hohmann, Jörg Schönbohm und René Stadtkewitz wie aus einem Munde bei. Peter Sloterdijk nickt bedeutungsschwer, und Henryk Broder fügt angewidert hinzu: »Wie die schon riechen!« 
Seit einiger Zeit treffen sich konservative Vordenker hier in diesem Keller, weil sie den Untergang Deutschlands nicht ohne Gegenwehr hinnehmen wollen. Sie wollen den fünf sozialistischen Bundestagsparteien eine wahrhaft christliche Kraft entgegenstellen. Umfragen bescheinigen ihnen, dass eine Sarrazin-Merz-Koch-Clement-Partei auf Anhieb 20 Prozent bekäme.
»Also: Wie soll die Partei denn jetzt heißen?«, fragt Friedrich Merz, und plötzlich kommt Leben in die Runde.
»Ich wäre ja für irgendwas mit Schill.«
»Die Nicht-CDU«, ruft Hohmann. 
»Reaktionär Wirtschaftsliberal Energiefreundlich – RWE!«, verkündet Wolfgang Clement siegesgewiss.
»RBS – Ronald Barnabas Schill.«
»MSP – Moslems-stinken-Partei!«
»Die Schillpartei. Ganz klar.«

»Ich hab’s!«, schreit Eva Herman und springt auf einen Tisch. Gebannt starren alle zu ihr hoch.
»Neue sozialkritische deutsch-abendländische Partei.« Stolz blickt sie in die Runde. »Abgekürzt also: NSD… ähm, nee, doch nicht. Verdammtes Copyright.« Betreten setzt sie sich. »Aber die Richtung stimmt schon mal. Da sollten wir dranbleiben«, sagt Stadtkewitz. »Richtig so, keine Denkverbote!«, ermuntert Bolz, woraufhin alle schweigend in sich kehren und Undenkbares zu denken wagen.

»Hab ich eigentlich schon erzählt, dass die Islamisierung mittlerweile bei mir in der Familie angekommen ist?«, fragt Arnulf Baring und senkt traurig den Kopf. »Meine Enkelin war kürzlich zu Besuch, und als ich sie frage, was sie trinken möchte, sagt sie doch glatt, sie möchte einen Tee.« Mitfühlend legt ihm Schönbohm einen Arm um die Schulter. »Das muss sie in einer dieser unsäglichen türkischen Teestuben gesehen haben, die jetzt überall aus dem Boden schießen. Die verderben unsere Jugend. Mit ihrem Alkoholverbot und ihrem, ihrem … na, euch muss ich’s nicht sagen, man sieht ja überall, wie die Moslems in allen Lebensbereichen unsere Kultur verdrängen.«

»Die braucht einen richtigen Mann, der ihr ordentlich den Schützengraben bearbeitet und ihr diese islamistischen Wahnvorstellungen austreibt«, stellt Schönbohm fest.
»Ich hab sogar einen für sie«, erklärt Baring, »aber jetzt stellt euch vor: Sie will den Walter Kohl nicht. Dabei ist schon alles mit ihm und seiner Familie geklärt.«
Mit wässrigen Augen blickt Baring in die verständnisvollen und trostspenden Mienen seiner Mitstreiter. Für alle Anwesenden ist es das Logischste von der Welt: Die Moslems haben ihre religiösen Werte aus dem Mittelalter. Wenn sich da die richtigen Deutschen nicht auf ihre christlichen Werte aus dem Mittelalter zurückbesinnen, gehen sie in der heutigen Welt unter.
»Von solchen Geschichten liest man in unseren gleichgeschalteten Medien natürlich nichts«, stellt Bolz nachdenklich fest. »Was die mit unserem armen Thilo gemacht haben!« Alle blicken zu dem müde in einer Sofaecke kauernden Sarrazin, der keinen Ton herausbekommt, weil er heiser ist. »Mindestens zwei überregionale Zeitungen haben keinen Vorabdruck von seinem Buch gebracht. So wird er einfach mundtot gemacht. Und bei Anne Will haben sie gesagt«, schluchzt Bolz, »sie könnten mich nächste Woche nicht schon wieder einladen.« Weinend bricht er zusammen, und seine Tränen vermischen sich mit dem Schaum in seinen Mundwinkeln.

»Wir sollten aufhören, uns den Mund verbieten zu lassen!«, nuschelt Sloterdijk und kaut kämpferisch an den Enden seines Schnauzbarts. »In der letzten Sendung des ›Philosophischen Quartetts‹ konnte ich gerade mal einen einzigen Gedanken – und den auch nicht in all seiner Schichtentiefe –, den ich in drei vollständigen Satzkonstruktionen zum Ausdruck zu bringen gedachte, zu seinem, und man muss natürlich sagen, nicht nur vorgesehenen, sondern auch beinahe glorreichen Ende führen, als die Sendung plötzlich und in geradezu rüder Weise abgebrochen wurde, weil die 60 Minuten angeblich schon abgelaufen waren. Dieses ZDF ist komplett durchseucht mit Kommunisten!«

»Richtig! Die Politik ist doch korrumpiert. Die da oben machen nur noch, was der faule Pöbel will«, stellt Roland Koch fest. »Die Faulenzer-Lobbyisten und Moslem-Lobbyisten sitzen in allen Bundestagsgremien und schreiben sich die Gesetze selbst, erhöhen sich die Arbeitslosengelder, wie es ihnen passt. Und die Leistungsträger lassen sich das alles gefallen. Mit diesen Gutmenschen müssen wir Schluss machen!«
»Jawoll!«
»Bravo!«
»Heil, Koch!«
»Wenn das die Gutmenschen sind, was sind dann wir eigentlich?«
»Ich als Militär«, stellt Schönbohm fest, »sehe nur eine Lösung: Wir müssen raus auf die Straße! Wir müssen dahin, wo diese Faulenzer sind und ihnen mal so richtig vor den Bug schießen!«
Aufbruchstimmung herrscht. Taxis werden gerufen, die alle dorthin bringen sollen, wo man die Leistungsverweigerer trifft. Nach einem kleinen Gerangel, weil Hohmann nicht mit Broder, und Bolz und Schönbohm nicht mit Herman in einem Taxi fahren wollen, geht die Revolution der christlich-konservativen Intellektuellen endlich los.
Schon nach wenigen Metern öffnet Bolz sein Fenster, kramt eine Deutschlandfahne unter seinem Hemd hervor und lehnt sich, die Fahne in der Hand, mit dem ganzen Oberkörper aus dem Auto. »Schland! Schlaaaaand!«, schreit Bolz und knufft den neben ihm sitzenden Merz an. »Na los, Fritz! Macht alle mit! Das ist dieser fröhliche Patriotismus, von dem ich immer so viel erzähle. Damit kriegen wir auch die Jungen. Leitkultur, Fritz, du weißt schon. Hopp!«

Eines der anderen Taxis hält zwischendurch an einer Kirche, um Unterstützer aus dem einfachen Volk einzusammeln. Mit der Behauptung, es ginge gegen das Internet und diese Ausländer, lassen sich auch prompt alle zwei Besucherinnen der Abendandacht mobilisieren. Zwar beschwert sich Broder während der gesamten Fahrt über die Kopftücher der beiden Achtzigjährigen, aber schon ist man an der U-Bahn-Station.

Johlend und Fahnen schwenkend steigen die Retter des Abendlandes zur U-Bahn hinunter. Am Eingang der Station sitzt eine Bettlerin, die Sloterdijk natürlich nicht einfach so sitzen lassen kann. »Lassen Sie mich Ihnen kurz meine Theorie von der gebenden Hand erläutern«, hebt er an. »Das wird Sie sicher interessieren. Zuerst möchte ich sagen, dass ich es großartig finde, dass Sie sich nicht auf staatliche Leistungen verlassen, sondern darauf, dass Ihnen jemand aus freiem Willen etwas gibt. Den Armen freiwillig etwas zu spenden macht nämlich viel mehr Spaß, weil man deutlich klarstellen kann, wer hier der überlegene Mensch und also der bessere Mensch ist. Dadurch allerdings, dass Sie hier sitzen, fühle ich mich wie durch den sattsam bekannten paternalistischen Staat genötigt, Ihnen etwas zu geben. Zum Glück jedoch habe ich einen freien Willen und kann sagen: nö. Verstehen Sie? Schönen Abend noch!«
Durch diese Machtdemonstration aufgestachelt, stürmen die Leistungsträger jauchzend und Freudensprünge vollführend den Bahnsteig und schaffen es gerade noch in den Waggon. Schon kommen auch die ersten Sozialschmarotzer auf unsere Helden zu. Jetzt endlich kann es losgehen! Schluss mit den leeren Worthülsen! Die Zeit ist gekommen, diesen Leistungsverweigerern zu zeigen, wozu die gebende Hand fähig ist. »Schlaaand!«, ruft Bolz, Schill unterdrückt seinen Drang, nach Koks zu fragen, Schönbohm kräuselt gefährlich die Augenbrauen, Broder ballt die Fäuste.

»Fahrkartenkontrolle!«
»Ähm.«
»Puh.«
»Tja.«
»Hmm.«
»Dann muss ich Sie bitten, alle an der nächsten Station mit uns auszusteigen.«
So endet denn der erste Versuch, eine Volksbewegung rechts der CDU zu etablieren. Aber beim nächsten Mal klappt es bestimmt.

Gregor Füller

 

---Anzeige---