Barschel: Es war Mord! - aus Heft 11/2010

Wer tot ist, kann trotzdem im Fernsehen auftreten

BesenmannZum Glück sind Persönlichkeiten wie Rudi Carrell, Unser Charly oder Otto Waalkes schon lange ot und können nicht mehr im Fernsehen auftreten. RTL gönnt uns das aber nicht mehr und will in »Das Medium« reihenweise Tote fragen, wie es ihnen geht, gesundheitlich und so. Das Projekt wurde bereits mit den höchsten Vorschuss -Lorbeeren (»Volksverdummung«, »geschmacklos «, »wer da zuschaut, dem gehört das Wahlrecht entzogen«) geadelt. Die Kritik wies RTL jedoch von sich: »Es ist jedem Trauernden selbst überlassen, sich im Fernsehen zum Vollidioten zu machen.«
 
Der Star des Ganzen ist Kim-Anne Jannes, eine Mischung aus Frau Elster und Pumuckl auf Valium. Das dauerlächelnde, in menstruationsrote Bettvorleger gewandete Medium wiegt zwar dreimal weniger als ihre Kolleginnen von Astro-TV, ist dafür aber 437 Jahre alt: »So weit kann ich meine Inkarnationen zurückverfolgen. 1583 wurde ich als Tochter einer Hexe geboren, danach war ich ein Hofnarr, dann eine Milchkuh, dann die linke Titte von Königin Viktoria, dann eine Schuppenflechte, und schließlich ich.«


Anfangs lief Jannes’ Totenbefragung schleppend; die meisten Kunden waren verzweifelte Angehörige, die wissen wollten, wohin der Verstorbene die Fernbedienung verlegt hat. Doch dann der Erfolg! Dirk Bach will Elvis fragen, wo Presley kurz vor seinem Tod noch Anzüge in seiner Größe gefunden habe. Die Sensation: Der King gibt keine Antwort! »Der Beweis dafür, dass Elvis noch gar nicht tot ist!«, quiekt Bach.
 
Seitdem hagelt es prominente Grüße aus dem Jenseits, z.B. von Jürgen Möllemann, der dem schockierten Westerwelle offenbart, dass statt eines Fallschirms nur ein Kürbis in seinem Rucksack gewesen sei. Vorwürfen, Jannes sei bestechlich und würde nur erzählen, was ihr Gegenüber hören wolle, entgegnet die Gescholtene: »Geister sind nicht bestechlich – nur Menschen.« Dann die Sensation: »Ich muss unbedingt Hitler zu seinem Todeskampf befragen, sonst wird das nie was mit ›Hitlers Sterbehelfer!‹«, sagt Guido Knopp. »Der Führer muss einfach mit mir sprechen, niemand hat sein Andenken so sehr bewahrt wie ich! Dann wird er merken, dass verglichen mit mir der Goebbels eine Pflaume war!«

Doch der Führer bleibt stumm, selbst als Knopp sich hysterisch auf alle Viere begibt und Hitlers Schäferhund »Blondie« vortäuscht. »Meister, warum hast du mich verlassen?«, stößt er unter Tränen hervor. Jannes beruhigt: »Es gibt manchmal Verstorbene, die keine Lust haben, Kontakt aufzunehmen. Vielleicht ist er im Gespräch mit seinen Mitmenschen zu Lebzeiten zu oft enttäuscht worden. Oft sind die Geister auch redseliger, wenn ich mal eine Biografie über sie gelesen habe.«

Hubert Stramm, ein Wiener Ernährungsberater, will seinen toten Geschäftsfreund Jörg Haider befragen, ist aber skeptisch: »Bist’ wirklich der Haider?« Plötzlich beginnt das Medium, die Beschäftigungspolitik der Nazis zu loben und schnarrt: »Wer abtreibt, gehört vergast.«
»Das ist er, mei Jörgl!«, ruft Stramm. »Wie bist g’stobbe?«
»Es war ein Logenmord der Freimaurer: Die riesigen Mengen Wodka und Brezeln, die mir vor dem Unfall eingeflößt wurden, waren Teil eines Ritualmordes, auch die okkulten Zeichen, die ich mit den Radspuren hinterlassen habe, gehören dazu.« Leider muss die Sitzung abgebrochen werden, da Stramm sich mit einer »doppelten Klötenkurbel« von Haider verabschieden will.

Die Sendung Ende Oktober ist dem Andenken des in der Badewanne verblichenen Ministerpräsidenten Uwe Barschel gewidmet. Seine Witwe Freya wird erstmals seit Jahren wieder mit ihm sprechen. Es sei noch nicht zu viel verraten. An dieser Stelle nur so viel: Jannes eröffnet: »Angeblich ist der tödliche Medikamenten-Cocktail in Barschels Blut auf den Verzehr der kompletten Minibar des Hotelzimmers zurückzuführen …«
»Quatsch!«, fährt Witwe Freya Barschel dazwischen. »Hier gab es Fremdeinwirkung. Das isst keiner freiwillig!«

Erst nachdem sich die Witwe mit einer Engholm-Voodoo-Puppe beruhigt hat, fährt sie fort: »Ich zahle ein Extra-Honorar, wenn sie Kontakt aufnehmen. Je mehr ich erfahre, desto mehr Geld gibt’s!« Exakt nach der ersten Werbepause, passiert es: »Moin, Moin«, grüßt der ehemalige Ministerpräsident Schleswig-Holsteins durch Jannes in die Kamera; Barschels Witwe stockt der Atem. Dann folgt etwa zehn Minuten lang nichts, erst eine Werbepause später regt sich der Geist erneut: »Schönes Wetter heute!« »Uwe, wer hat dich ermordet?«, fragt Freya mit zitternder Stimme.
»Weiß nicht, ist mir inzwischen eigentlich auch egal.« Die Witwe wird kurz ohnmächtig, nach der Werbung versucht sie es noch mal: »Wer ist dein Mörder?«
»Es war… äh, na dieser Dings, wie hieß er noch? Dieser kleine zänkische Gnom …«
»Gregor Gysi?«
»Nein, nicht so klein … Er trug immer diese braunen Schuhe …« Da macht es bei Freya Barschel endlich Klick:
»Erich Böhme, der Spiegel-Chefredakteur?«
»Genau der! Er hat mich gezwungen, die Minibar zu verzehren. Darauf gebe ich mein Ehrenwort, ich wiederhole, mein Ehrenwort.«

Dann scheint der Geist zu verstummen, Freya Barschel legt einen Batzen Geld auf den Tisch, damit das Medium sich anstrengt. In Jannes Augen blitzt ein Funkeln auf, der Geist scheint wieder da zu sein: »Böhme war nicht allein. Stefan Aust und Rudolf Augstein haben geholfen. Dann haben sie mir noch verraten, dass Aust der Kopf der RAF war, der Spiegel vom KGB gegründet wurde und Augstein gerne putzige Babyrobben mit bloßen Händen tötete.«
»Oh mein Gott!«, schluchzt Barschels Frau, »ich wusste es! Warum sind Aussagen von Medien nicht rechtskräftig, so wie in Brasilien!«

Doch der Geist hat noch eine letzte Botschaft: »Und noch was, Freya …«
»Ja, Uwe, was? Was?«
»Hinter unserem Sofa liegt seit 27 Jahren ein angebissenes Käsebrot von mir. Schmeiß es weg, gib es nicht den Kindern!«
Mehr wird nicht verraten. Damit die Spannung bleibt.


Erik Wenk
Zeichnung: Peter Thulke

 

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