Grüne Freuden in der Wanne - aus Heft 11/2010

Grüne FreudenAn einem beliebigen Tag an einem beliebigen Nachmittag in einer beliebigen Universitätsstadt: Ein beliebiger Rathaus-Saal wird von Parteimitgliedern der Grünen feierlich geschmückt. Die Wände des Raumes sind mit Raufasertapete beklebt. Unregelmäßig erheben sich die Noppen in launigen Abständen. Die Massen drängen sich vor dem Einlass. Immer mehr Stühle werden hereingetragen. Darauf liegen Sitzkissen, die mit Schnüren an den Lehnen befestigt sind. Die Schleifen hängen wie schlaffe Brezeln in der wohltemperierten Luft. Auf einen eiligen Beschluss des hiesigen Kreisverbandes werden schließlich lange Stuhlreihen in den Raum geschoben, die so unendlich scheinen wie die Einleitung eines Spiegel-Artikels. An diesem Ort will der örtliche grüne Kreisverband seine neuen Mitglieder feierlich begrüßen.

Über 50 000 grüne Parteigänger gibt es wieder in Deutschland. Hier, in der beliebigen Universitätsstadt, spürt man ihre Diversität: Im Raum steht ein Student mit Rasta-Locken. Er wirkt wie ein Relikt vergangener Tage – beinahe wie ein Maskottchen. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass die anderen Neu-Grünen ihn mit Bio-Bananen und Karitébutter-Seife zu Kunststückchen animieren.»Wir waren ja früher genauso«, sagt grinsend ein Enddreißger in einem fleischfarbenen Hemd mit rosafarbenen Knöpfen und pinker Krawatte und deutet auf den Filzkopf seines politischen Mitstreiters. »Wir trugen eben Haargel anstelle von Kopfläusen, hörten statt Jimi Hendrix Udo Jürgens, und unser Che Guevara hieß Hans-Dietrich Genscher«, sagt Hugo Balg, früheres FDP-Mitglied und nun überzeugter Grüner. Die Gründe für seinen Parteiwechsel kann er nicht nennen. »Sonst wäre ich ja nicht zu den Grünen, sondern zu den Gründen gegangen«, kalauert er augenzwinkernd.

Der Forsa-Chef Manfred Güllner, der zufällig zugegen ist, um die Szenerie mit Wohlwollen zu betrachten, erklärt den bemerkenswerten Erfolg der Partei: »99 Prozent der Deutschen empfinden den Umgang der SPD mit mir als ungerecht und laufen scharenweise zu den Grünen über. Zudem findet der Wähler nur hier diese besondere Beliebigkeit, die er schätzt. Hier fühlt sich der Pazifist genauso wohl wie der Befürworter von auslandsähnlichen Einsätzen des Stabsmusikkorps der Bundeswehr. Die konservative militante Nichtraucherin sitzt friedlich neben dem nichtrauchenden militanten Konservativen. Außerdem merken die Leute eben, dass es der Ökopartei ernst ist mit ihrer Verteidigung von und ihrer Kritik an der Agenda 2010.«

Das Erfolgskonzept lässt sich noch besser verstehen, wenn man den Ausführungen Fritz Kuhns lauscht, der aufgeregt vom Nachbartisch winkt und den »New Green Deal«, dem sich die Partei verpflichtet fühlt, folgendermaßen erklärt: »Ich habe früher gern in der Badewanne die Neue Zürcher Zeitung gelesen, da musste man ja irgendwann immer heißes Wasser nachlaufen lassen. Kostet zu viel Energie. Das mache ich heute nicht mehr.« Grün sein bedeutet also, zu heiß gebadet worden zu sein und nicht die Zürcher zu lesen. Schätzungsweise trifft dies auf die allermeisten Deutschen zu. Ein enormes Potential! Folgerichtig stellt Kuhn fest, dass »wir unsere politischen Möglichkeiten voll ausschöpfen müssen«. Auch Streit könne es geben, jedenfalls im vernünftigen Rahmen, betont er. Niemand habe beispielsweise etwas gegen einen Joghurt-Tortenwurf auf den Fraktionsvorsitzenden, solange der Täter hinterher zärtlich Trittins Gesicht sauberschleckt.

»Dieses Mindestmaß an Respekt vor dem zukünftigen Kanzler wird man wohl erwarten können! Oder doch nicht? Nein, ich leg mich fest: Kann man! Andererseits ... Naja, sagen wir: fifty-fifty?« Fritz Kuhn wird blass. Ihm ist bewusst, dass jeder falsche Satz, jedes falsche Wort falsch sein könnte. Ein Absturz wie bei der FDP, die lediglich die Klientelpolitik ausführte, die sie versprochen hatte, wäre programmiert.

Mahnende Beispiele gibt es überall: Der SPD wurde sogar zum Verhängnis, dass sie einen Eugeniker kritisierte. Als sie sich später teilweise zu dessen kruden Thesen bekannte, war das dann auch wieder nicht richtig. Die Wähler sind einfach ein wankelmütiges Pack. »Deshalb schlagen wir ja auch vor, dass ihnen durch Volksentscheide mehr Macht in die Hand gelegt wird. So können die Menschen alles gleich selbst beschließen, ohne dass wir die Sündenböcke sind. Beispielsweise könnten sie doch entscheiden, dass Muslime in Deutschland keine Atomenergie mehr nutzen dürfen«, wendet plötzlich Claudia Roth ein. Die Prominentendichte auf dieser Neu-Mitglieder-Party in der beliebigen Universitätsstadt ist beachtlich.

Allerdings ist der weinerliche Fritz Kuhn auf einmal verschwunden. Claudia Roth streicht mit der Zunge genüsslich über ihre Lippen und sagt: »Wir haben sowieso nicht das Personal, das nötig wäre, um Deutschland regieren zu können: Jürgen Trittin, Cem Özdemir, Renate Künast und ich. Die kann man doch an vier Fingern ablecken. Mehr bekannte regierungsfähige grüne Politiker haben wir überhaupt nicht.« »Doch: Fritz Kuhn«, ruft jemand mit einem grünen Bio-Ballon aus einer Ecke. »Jürgen Trittin, Cem Özdemir, Renate Künast und ich«, wiederholt Claudia Roth ernst und rülpst.

Sie piekt aufgeregt mit einem Zahnstocher in ihren Zahnzwischenräumen und sagt: »Gemessen daran, dass wir jetzt eine Volkspartei sind, leiden wir unter Personalarmut. Das muss man ganz klar bekennen, und ich versichere Ihnen, dass das niemandem schwerer im Magen liegt als mir. Wir müssen die guten Umfragewerte erst mal verdauen, damit hintenrum gute Politik heraus kommt. Aber Gott sei Dank begrüßen wir heute unsere neuen Mitglieder einer beliebigen Universitätsstadt!«

Die neuen Mitglieder werden auf eine Bühne gebeten und unter dem feierlichen Abspielen von »Hey Ho, leistet Widerstand!« begrüßt. Als sie das Podest wieder verlassen wollen, ertönt aus der entferntesten Ecke des Saales ein »O-ben blei-ben! O-ben blei-ben!«. Der Rasta-Locken-Student rennt zur Bühne und kettet sich mit seinen Hanf-Schnürsenkeln am Schlüpfergummi eines Neumitglieds fest. Er wolle das derzeitige Bühnenbild aus ökologischen und ökonomischen Gründen auf keinen Fall aufgeben. Die anderen Menschen im Raum schließen sich sofort an. Die Scharmützel mit dem Saaldienst des Rathauses der beliebigen Universitätsstadt dauern die ganze Nacht an.

Andreas Koristka

Zeichnungen: Burkhard Fritsche

 

---Anzeige---