Dünn, dick, tot - aus Heft 7/2011

fischerklEs ist ein berührender Film. Zu Beginn sitzt der Protagonist noch im Gefängnis, später kommt alles anders. Er stählt seinen Körper durch Sport, wird entlassen und schließlich von seinem Land beauftragt, aus humanitären Gründen in den Krieg zu ziehen. Dort angekommen wird alles niedergemäht: Kopfschuss, Bauchschuss, Sockenschuss. Joseph Martin Fischer sitzt im Kinosessel und verdrückt vor Ergriffenheit einige Tränen. »Rambo II ist sehr bewegend«,schluchzt er. Da könne er direkt ein Stück weit mitfühlen, gibt er zu Protokoll, bevor er in selbiges schnäuzt.


Doch auch Fischers eigener Film, der im Anschluss gezeigt wird und das Leben des besten Jockels aller Zeiten zeigt, ist beeindruckend. Gedreht wurde er von Pepe Danquart, Macher von »Höllentour«, dem einzigen Dokumentarfilm über das Team Telekom, in dem das Wort »Doping« kein einziges Mal vorkommt. Auch in seinem neuen Werk verzichtet er auf naheliegende Reizwörter wie »Kriegstreiber«, »Jutta Ditfurth« oder »Jojo-Diät«. Trotzdem musste Fischer lange überredet werden, an Danquarts Projekt teilzunehmen. Denn»die Eitelkeit, die Fischer oft unterstellt wird, die hat er gar nicht«, lässt der ebenfalls anwesende Filmemacher verlauten und reinigt sanft eine Halsfalte Fischers.

Der uneitle Fischer sitzt aufrecht hinter seinem Bauch und lässt sich ohne größere Beschwerden von Danquart eine Weintraube in den Mund schieben. Er zeigt auf seinen Nabel und krächzt knarzend: »Hier, an dieser Stelle unter dem haarigen Muttermal, hat der Pepe mich so lange gepinselt, bis ich zusagte. Ich war mir erst nicht sicher, ob ich mir das in meinem hohen Alter noch zumuten muss: die kritischen Zwischenfragen, das hinterlistige Nachbohren und die Konfrontation mit den Brüchen der eigenen Biographie. Doch dann sagte ich mir ›so what‹, mir fällt kein Zacken aus der Krone, wenn ich Pepe, meinem guten Freund, genau das verbiete. «

Auch Danquart gibt zu: »Sicherlich, Joschka und Herr Fischer ist frei von kritischen Zwischentönen geblieben, aber das gilt für andere Meilensteine der Kinogeschichte wie z.B. Bambi oder Triumph des Willens ebenso.« Viel wichtiger sei, dass man Fischer im Film erlebt, wie man ihn noch nie erleben durfte. »Und warum kann man nicht auch mal einen ausnahmslos positiven Film über einen Politiker drehen«, gibt Danquart zu bedenken. Egal ob er Joseph Fischer oder Josef Stalin heißt. Spricht’s und sprüht Fischer ein wenig Sprühsahne ins leicht geöffnete Mäulchen.

Danquart sagt: »Ganz nah ist man dran, wenn der Joschka auf der Leinwand die Maske des selbstverleugnenden fetten Völkerrechtsbrechers und genügsamen Lobbyisten eines Kernkraftwerksbetreibers abnimmt und untypisch offen erzählt, was für ein geiler Typ er ist.« Während Danquart von seinem Machwerk berichtet, sitzt Fischer bescheiden, wie jeder andere normale Kinogänger in einem ganz normalen Joschka-Fischer-Sessel für extrem Übergewichtige seines vollklimatisierten Joschka-Fischer-Heimkinosaals, im Joschka-Fischer-Haus, in dem auch seine Beraterfirma Joschka Fischer Consulting residiert, und sieht den abendfüllenden Film über Joschka Fischer.

Danquart schiebt ihm mittels eines Brecheisens und einer Zaunlatte ein gedünstetes Lämmchen in den Hals. Die Leinwand flackert. Im Film läuft Fischer (damals konnte er das noch) durch den extra abgesperrten Berliner Szeneclub »Tresor«, wo er auf Videoinstallationen Stationen seines Lebens sehen kann. Dann kommentiert er. Gebannt kann man Fischer lauschen, wie er wohlwollend und ausführlich beschreibt, wie Fischer wohlwollend und ausführlich eine originale Joschka-Fischer-Szene beschreibt.

Im Kinosessel hält er derweil artig still, während er sich von Danquart die gröbsten Blähungenaus dem Bauch herausmassieren lässt.Man merkt, Fischer ist bodenständig geblieben, kein windiger Typ. Im Film bleibt er vor einem Ausschnitt stehen, der seinen Heimatort in den 50er-Jahren zeigt. »Man war Kind«, kommentiert er lässig schnarrend unter der Benutzung des Pluralis majestatis allgemeinensis. Selbst ein so vorzüglicher Ex-Politiker ist also nicht davor gefeit, eine Jugend zu besitzen. Sympathisch, dass Fischer diese kleine Schwäche unumwunden zugibt.

Die Schweinsäuglein funkeln, wenn er von seiner Kindheit als Metzgersohn erzählt. »Der Junge, den du da siehst, war eher Junge Union«, stellt er süffisant fest. Damit ist eigentlich schon alles über Fischers politisches Leben gesagt. Der Film geht dann aber trotzdem noch zweieinhalb Stunden.

Fischer in seinem Kinosessel macht das nichts aus. Er ist so langmütig, dass er sich mit keinem Wort über die nicht enden wollende Beweihräucherung seiner Person beschwert. Nicht einmal Danquarts Ungeschicktheit geißelt er, als dieser kleckernd einen Eimer Bratensoße in den Körper des besten Europäers fließen lässt.

Erst als er eine Badewanne voller Tiramisu serviert, verliert Fischer die Geduld. »I am not convinced«, schreit er aufgebracht und schlägt mit seinem fetten Fäustchen auf die Sessellehne. Denn die typische reichliche Kakaoschicht der kleinen Leckerei ist etwas spärlich ausgefallen. »So ist er eben auch, der Joschka: eine grundehrliche Seele!«, sagt Danquart lächelnd.

Als Fischer sieht, wie er im Film sieht, wie er einen Polizisten verprügelt, bestätigt er noch mal die Worte, die er auch auf der Leinwand benutzt: Um die Überwindung der eigenen Angst sei es ihm damals vorrangig gegangen, wie meistens im Leben. Dass ihm andere plötzlich hilfreich zur Seite standen, als er wieder und wieder im fairen Zweikampf auf den Bullen einschlug, dafür konnte er nichts. Um ehrlich zu sein, spüre er in diesem Augenblick schon wieder eine ebensolche Barriere in seinem Kopf, die es zu überwinden lohne. Fischer blickt zornig zu Danquart, der sich mit dem Wildschweinbraten verspätet.

»Wissen Sie, manchmal kommt es mir vor, als wäre mein eigenes Leben ein einziger Kinofilm gewesen«, sagt Fischer in seiner schlichten Art, während ihm Danquart mit etwas Schweinssülze die Lippen benetzt. Eigentlich ist es das durch die Filmbiographie auch geworden. Und wir durften diesen einfachen Menschen bis zu diesem Moment live dabei begleiten. Dünn, dick, dünn, dick …

Andreas Koristka
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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