Ilse Aigner will sich rasieren - aus Heft 7/2011

aus Heft 06/2011

Berlin, 22. Juni 2011. Angela Merkel steht vor dem Holocaust-Mahnmal und schreit laut in ihr Handy. Wolfgang Schäuble improvisiert vor dem Hauptbahnhof auf einer Akustikgitarre und schnorrt wahllos Passanten an. Auf dem Schiffbauerdamm schrammt Roland Pofalla immer wieder mit seinem Segway an parkenden Autos entlang. – Wer an diesem Tag durch Berlins Regierungsviertel schlendert, kann viele derartige Szenen beobachten.

Schuld daran sind die schlechten CDU-Wahlergebnisse von Hamburg und Bremen, in deren Anschluss Unions-Fraktionschef Volker Kauder eine mangelnde »Großstadtkompetenz« konstatierte. Die Union, sagte er, müsse das Lebensgefühl der Menschen in den Großstädten wieder besser treffen. Auch Angela Merkel äußerte sich zum Zustand ihrer Partei: Die CDU müsse es schaffen, »im vorpolitischen Raum präsenter zu sein«. Überraschend deutliche Worte der Kanzlerin, die sonst eine klare Linie eher scheut.

Und es kam Bewegung in die Partei.Umgehend gründete man die Taskforce »Street Credibility«. Sie soll die Partei bis zur Wahl in Berlin im September fit für die Großstadt machen. Gestern Abend noch hatten sich alle Teilnehmer spontan zu einer zwanglosen Party im Kanzleramt getroffen. Dort stand alles im Zeichen der Annäherung an die urbanen Milieus. Es gab vegetarischen Döner und Ingwer-Bärlauch-Hefe togo. Ein in der Ukraine geborener Japaner legte Gothic Drum & Bass auf. »Es war der Wahnsinn!«, schwärmt Annette Schavan. »Als dann auch noch Norbert Röttgen gegen Mitternacht immer wieder das Licht ausknipste und ›Darkroom, darkroom!‹ rief, war es einfach da, dieses urbane Lebensgefühl!«

»Es wurden aber auch ernste Gespräche geführt, die in erster Linie von den Problemen der Großstadt handelten«, berichtet Volker Kauder. »Während sich in meinem Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen alles darum dreht, wer den größten Traktor fährt und wer die hübsche Cousine heiraten darf, sind die Probleme in der Stadt ganz andere: Hundescheiße auf den Gehwegen, zu viele private Feuerwerke, Schwule. Darauf ist die CDU noch nicht vorbereitet.«

Heute jedoch ist Schluss mit der grauen Theorie. Jedes Mitglied hat vom Leiter der Taskforce eine Aufgabe erhalten, die er an diesem Tag zu bewältigen hat. Die Politiker zieren sich allerdings und fremdeln noch mit ihrer neu erlangten städtischen Hipness.

Vor allem Angela Merkel fühlt sich inmitten der Stelen des Mahnmals sichtlich unwohl in ihren mit bunten Blümchen bedruckten Gummistiefeln und den schwarzen Leggins. Ein wenig besser geht es Wolfgang Schäuble, der zwar kaum Geld bekommt für sein Gitarrenspiel, aber immerhin der Meinung ist, der neue Schnauzbart stünde ihm ganz gut.

Ilse Aigner, die nichts weiter zu tun hat, als ein Rudel von acht Hunden durch den Tiergarten zu führen, hält dagegen wenig vom Revival der Oberlippenbehaarung und würde sich entgegen der Anweisung gerne mal wieder rasieren.

Norbert Röttgen wiederum weigert sich seit Stunden vehement, auf den Gehsteig zu spucken, und Roland Pofalla bekommt seinen Elektroroller partout nicht unter Kontrolle.

Lediglich Thomas de Maizière scheint Gefallen daran zu finden, mit einer neongrünen, mit schallplattengroßen Gläsern ausgestatteten Sonnenbrille auf der Nase und Sprungfedern an den Füßen den Potsdamer Platz hoch und runter zu hüpfen.

»Dieses Unbehagen in der Stadtkultur gibt sich«, meint Philipp Mißfelder. Der Vorsitzende der Jungen Union ist in Gelsenkirchen geboren und der mit Abstand lässigste und coolste Unionspolitiker: Sein Nachbar kennt angeblich jemanden, dem schon mal Haschisch angeboten worden sein soll. Das CDU-Präsidium ernannte Mißfelder deshalb zum Leiter der Taskforce.

»Bundestagsabgeordnete kommen aus allen Teilen Deutschlands«, sagt Mißfelder. »Wenn man in, sagen wir, Hoffenheim geboren wurde, ist vieles natürlich erst mal neu in einer großen Stadt: Vierstöckige Häuser, Ampeln, sanitäre Einrichtungen – man kann sich einfach nicht in Menschen hineinversetzen, für die das alltäglich ist.« Auf dem Land sei alles einfach, da gebe es zwei Gruppen: die Landwirte und den Intellektuellen, also den Pfarrer. In der Stadt sei die Gesellschaft differenzierter. Deshalb müsse sich die Union dort »breiter aufstellen«.

Das soll unter anderem mit Hilfe einer ausgeklügelten Rollenverteilung klappen. Alle Großstädter sollen eine Identifikationsfigur unter den Unionspolitikern finden, erklärt Mißfelder und nennt einige Beispiele: Ursula von der Leyen und Kristina Schröder mimen die Tussen, die sich ununterbrochen anzicken; Angela Merkel dient den vielen Kreativen, die nicht wissen, was sie wollen und von einem Projekt ins nächste stolpern, als Identifikationsfigur; und Volker Kauder spielt den zugezogenen Schwaben, den keiner mag.

»Ein weiter Weg«, meint Kauder, der mit der ihm gestellten Aufgabe zweifellos das Highlight des heutigen Tages liefert. Kauder wird einen Konzept-Laden in der Friedrichstraße eröffnen. Lange hatte er über das Konzept gegrübelt. Da es in Berlin mittlerweile an jeder Ecke einen Concept Store gibt, der Lampen und die dazu passenden Sneaker verkauft, fiel das von vornherein aus. In die engere Wahl kamen die Varianten Waschmaschinen und Buntstifte, Badeschlappen und Eternitplatten sowie Tischzentrifugen und Hundewelpen. Am Ende entschied sich Kauder jedoch für die klassische Variante aus Bier und Bockwurst.

»Von der Form her als Konzept-Laden sehr urban und angesagt,inhaltlich aber konservativ biszum Gehtnichtmehr«, lobt Kaudersich selbst. Und er hat noch ein weiteres Ass im Ärmel. »Die jungen Leute kaufen nicht mehr im Geschäft«, erklärt er. »Der Trend in der Stadt geht eindeutig in Richtung Internet.« Die Waren sollen deshalb nur online bestellt werden können und schon drei Tage später beim Kunden sein.

Auf die anfängliche Euphorie folgt jedoch schnell Ernüchterung.Trotz des bestechenden Konzepts bleibt die Taskforce am Eröffnungstag unter sich, Kundschaft findet sich keine in Kauders Laden mit dem Namen »Bier und Bockwurst auf christlich-konservative Weise genießen, aber mit Augenmaß«. Die Stadtbevölkerung scheint noch nicht reif zu sein für eine solche CDU.

Gregor Füller

 

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