Millionen Sessel für Blingbling - aus Heft 6/2011

BlingblingDing Blingbling rührt mit aller Kraft in seinem Caffè Shakerato, so dass das Glas zu zerspringen droht. Immer wieder schauen andere Gäste des Cafés in der Passauer Innenstadt zu dem alten Mann herüber. Aber Blingbling lässt sich nicht stören in seinem Furor. Er ist wütend auf die chinesische Regierung und deren Umgang mit dem Künstler Ai Weiwei.

Ai Weiwei wurde vor geraumer Zeit verhaftet und ist seitdem verschwunden. Auch wenn die chinesischen Behörden ihm offiziell Wirtschaftsverbrechen vorwerfen, sind sich westliche Beobachter einig, dass Weiwei wegen seiner politischen Ansichten weggesperrt wurde.

»Klar ist China ein Polizeistaat!«, ruft Blingbling. »Erzählen Sie mir mal was Neues!« – Kaffee und Blingbling schäumen nun gleichermaßen. »Aber das ist doch kein Grund, von Kunst keine Ahnung zu haben!«

Blingbling, der sich vor ein paar Wochen diesen Künstlernamen zulegte und eigentlich Kurt Grundgschwendner heißt, fühlt sich sowohl von den Deutschen als auch von den Chinesen missverstanden. Er, Blingbling, meint er, sei der viel bedeutendere Künstler. Diese »Scheißkommunisten überall« jedoch hätten keinen Schimmer von seiner Begabung. Darum werde er in seiner Kunstfreiheit massiv eingeschränkt. Die Repressalien, die er in Deutschland zu befürchten hat, seien »drei, ach was: fünf Mal« so schlimm wie die, mit denen »Weichei« konfrontiert wird.

Bei der Bezeichnung »Weichei« muss er jedes mal laut lachen. Auf so ein tiefgründiges, lautmalerisches und provokantes Wortspiel, da ist sich Blingbling sicher, käme Weiwei nie im Leben. »Dafür ist der doch viel zu bekloppt! Haben Sie mal gesehen, was der den Leuten als Kunst verkauft? Das mit den übereinandergestellten Tischen zum Beispiel hab ich schon in der Grundschule gemacht. Der Lehrer hat die Tische einfach wieder ordentlich hingestellt und mir eine gepfeffert. Anschließend hatte ich zwei Wochen Hausarrest. Arrest, verstehen Sie? Als Kind! Und das mitten in Deutschland!«

Damals, so Blingbling, habe die Öffentlichkeit geschwiegen, und heute tue sie es wieder angesichts seiner Probleme mit dem deutschen Staat. Der deutschen Presse unterstellt er einen Herdentrieb in Sachen Ai Weiwei. »Die jazzen den Weichei, haha – die jazzen den zu einer Art Salman Rushdie für Analphabeten hoch!« Sein Plan, für die chinesische Presse das zu werden, was Weiwei für die deutsche ist, ging bisher nicht auf.

»Bei der Protest-Performance am Donauufer letzte Woche hat sich keiner blicken lassen«, regt er sich auf und malträtiert wieder seinen Kaffee. Bei besagter Performance hatte Blingbling mit drei Freunden einen fünfstündigen Sitzstreik am Donauufer veranstaltet, um auf seine Unterdrückung hinzuweisen.

Das Ganze hatte er obendrein mit einem Happening gegen Massentierhaltung verbunden, bei dem er öffentlich mehrere Kilo Tierfleisch über offenem Feuer verbrannt und gegessen hatte. – Die Bundesregierung, behauptet er, sei davon sehr beeindruckt gewesen, habe sich aber offiziell nichts anmerken lassen. In der chinesischen Presse habe er nichts darüber lesen können.

Um die Regierung vollends in die Knie zu zwingen, rief er tags darauf analog zur Aktion »1001 Stühle für Ai Weiwei« die Aktion »9 658 204 Fauteuils für Blingbling« ins Leben. Wenn er genug Sessel beisammen habe, wolle er damit einen Laden aufmachen. »Erstens sind neun Millionen viel mehr als tausend. Zweitens bringen die viel mehr ein als die Stühle. Und drittens sind sie bequemer«, erklärt Blingbling seinen Plan. »Der Weichei, haha, ist so doof, ich kann nicht begreifen, wieso die alle auf den abfahren.«

Auch den Kunstbetrieb kritisiert Blingbling aufs Schärfste. Während Weiwei in Berlin eine Professur angeboten wurde, wird Blingbling sowohl in China als auch in Deutschland von dieser Seite ignoriert. Dabei betreibt er seit einem Jahr einen sehr kontroversen Blog, der schon zu vielen Diskussionen zwischen ihm und seiner Frau geführt habe. Dass ihm bis jetzt noch keine Professur für Bloggerei angeboten wurde, könne er der Kunstszene niemals verzeihen.

»Da ist mein Atelier, da hat alles angefangen«, sagt Blingbling und deutet auf den Chinaimbiss auf der anderen Straßenseite. Der Laden ist geschlossen, an der Tür hängt ein Zettel mit einer Begründung vom Ordnungsamt. Blingbling jedoch spricht von Behördenwillkür und erklärt, dass die rechtliche Lage für die Schließung weiter unklar sei. Wo keine Demokratie herrsche wie in Passau, wo die CSU regelmäßig Zweidrittelmehrheiten erreicht, da könne sich niemand sicher fühlen.

»Ich hatte den Imbiss neu aufgemacht, als auch schon Ordnungsamtsmitarbeiter in Zivil auftauchten und eine lange Mängelliste ausstellten.« Blingbling, der damals noch Grundgschwendner hieß, reagierte sofort. Er meldete die Räume als Atelier an und gab sich einen Künstlernamen.

Seine künstlerischen Ziele sind aller Ehren wert: Er will aufrütteln und den entfremdeten Menschen wieder zu sich selbst führen. Indem er die Künstlichkeit und industrielle Herstellung der Nahrung auf die Spitze treibt, will er die Menschen auf ihre verkommenen Essgewohnheiten hinweisen. – Das Ordnungsamt folgt dieser Argumentation allerdings nur teilweise und verweist stur bürokratisch auf die hohen Pappmaschee- und Asbestanteile in den »sogenannten Kunstwerken«.

Nach mehrmonatiger schriftlicher Korrespondenz mit den Behörden bezüglich ausstehender Bußgelder war es dann passiert: Blingbling verkaufte gerade einem Atelier-Besucher ein Exemplar seines Stückes »Nr. 43« – eines seiner beliebtesten Werke –, als plötzlich die Ordnungsamtsmitarbeiter mit zwei bewaffneten Beamten auftauchten und das Atelier gewaltsam schlossen.

»Die können mich nicht mundtot machen wie diesen Weichei, haha!«, sagt Blingbling kämpferisch und leert mit einem triumphierenden Lächeln sein Glas. »Dieser Weichei, haha, wird schon bald vergessen sein. Meine Kunst aber wird in all den Menschen, die meine Werke erworben haben, weiterexistieren. Teilweise auch über deren Tod hinaus.«

Gregor Füller
Zeichnung: Burkhard Fritsche

 

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