Das liberale Luder - aus Heft 6/2011

koch-mehrinEs ist schwer, dieser Tage überhaupt an Silvana Koch-Mehrin heranzukommen. Ihr Pressesprecher kümmert sich zwar um alle Anfragen persönlich, dennoch hört man abseits seiner freundlichen Distanziertheit die Trauer, wenn er zum Abschluss des Telefonats sein abschlägiges Bitte-sprechen-Sie-nach-dem-Piepston in die Telefonmuschel seines iPhones raunzt.

Wer hartnäckig bleibt, kann die »attraktive«(Süddeutsche, 2009) Blondine trotzdem an ihrer gewohnten Wirkungsstätte ausfindig machen, wo sie – als hätte es den Skandal um ihre Doktorarbeit nie gegeben – diszipliniert ihren täglichen Pflichten nachgeht. Ebenda, im Brüsseler Star Bucks, ist sich »Das Gesicht« (FAZ, 2008) nicht zu schade, ihr Zuckerstäbchen höchst persönlich mit zarten Fingern aufzureißen. Schnell ist man mit ihr im zwanglosen Gespräch; über ihre Ämteraufgabe, ihre angeblich abgeschriebene Dissertation und die einstweilige Verfügung mit nachfolgender Erschießung, die sie einem androht, sollte man irgendetwas darüber schreiben.

Diese Frau hat viel verloren, nicht aber ihren Stolz. Sie lächelt tapfer, wenn man ihr einen aufmunternden Klopfer auf den Po gibt. »So hat es Dirk Niebel auch immer getan«, seufzt sie gedankenverloren und lädt sogleich in ihr Heim, welches in einem billigen Brüsseler Außenbezirk liegt.

»Das Schlafzimmer haben Sie ja schon gesehen«, kichert das ehemalige »Glamour-Girl der Liberalen« (Welt, 2005) und lotst einen in die Wohnstube. »Hier müssen wir hausen«, bemerkt sie süffisant. Es ist ein Wohnwagen, in dem Koch-Mehrin, ihr Gatte und die drei Kinder es sich nach besten Möglichkeiten gemütlich gemacht haben. Die Räder wurden entfernt und der Aufbau notdürftig durch ein geräumiges Einfamilienhaus ersetzt.

Die »Frau des Jahres 2000« (Freundin, 2000) lächelt. »Für mich ist das kein Provisorium«, sagt sie und fügt hinzu: »Ich bin stolz, dass ich mit der ganzen Hinterlist und der Gemeinheit der Politik nichts mehr zu schaffen habe.« Man merkt ihr die Erleichterung darüber an, dass sie nur noch pro forma an das politische Tagesgeschäft durch ihr Mandat im Europaparlament gebunden ist.

Silvana hat ihre Mitte wiedergefunden, nachdem sie bei der großen Ämterrochade, initiiert von Philipp Rösler, nicht einmal im Gespräch gewesen war. Geradezu entsetzt sei sie gewesen, als abgesehen von ihr alle ehemaligen Amtsträger in neue Würden gehievt wurden. »Sogar die Homburger!«, sagt sie mittlerweile entspannt. Früher sei Silvana für alle Stellungen gut gewesen, und nun musste sie sich von jemandem, den nur ein Buchstabe von einem gewöhnlichen Fastfoodgericht unterscheidet, abspeisen lassen?

Der Ärger darüber ist allerdings gegessen. Auch wenn sie früher alles für die Partei getan hat. Als sie damals nach Europa ging, nahm sie den ganz normalen harten Weg, den viele Mädchen einschlagen, wenn sie neu auf dem Kontinent sind. Erst ließ sie sich regelmäßig in der Praline ablichten, danach kamen die härteren Sachen. Ihre Mitgliedschaft im Förderverein der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zusammen mit Friedrich Merz zum Beispiel. »Das war streckenweise richtig eklig«, gibt »Westerwelles schöne Hoffnung« (Spiegel, 2004), wie sie damals genannt wurde, heute zu.

»Aber es war nur Arbeit. Wenn man den Kopf ausschaltete, ging es phasenweise ganz gut.« Trotz all dieser Mühen wurden ihr die kleinsten Fehler sofort angerechnet. Als sie 2005 in Bunte verriet, dass sich die meisten Kollegen in den Bordellen benehmen wie auf »Ausflügen im Landschulheim«, bekam sie Ärger. Letztendlich war es dann aber ihre Doktorarbeit, derentwegen Philipp Rösler dann »Ruhe im Puff« haben wollte, gibt sie zu.

»›Ruhe im Puff‹, das waren natürlich nicht seine, sondern meine Worte. Das Schwein hat sich mal wieder wie der Bambus im Wind gedreht und mich abserviert.« Dabei musste sie die Dissertation wegen des auslaufenden Stipendiums der Friedrich-Naumann-Stiftung in Windeseile zusammenschustern. »Da sagen dann alle plötzlich ›Plagiat, Plagiat‹ und nicht mehr ›cum laude, cum laude‹, und niemand denkt daran, wie viel Überwindung es kostet, auf 66 Seiten Handbücher zu zitieren. Daran sollte die Presse auch mal denken«, sagt sie wütend.

Überhaupt, die Presse: Sie hat »der Schönen« (Zeit, 2011) übel mitgespielt. Denn Printmedien waren es, die sich erdreisteten, schon vorab von der Aberkennung ihres Doktortitels durch die Uni Heidelberg zu berichten. Eine bodenlose Frechheit! Silvana gibt zu bedenken, man solle in Journalistenkreisen einsehen, dass man auch dort nicht frei von Fehlern ist.

Aus Wut über all diese Ungerechtigkeiten hat sie sich im Keller ihres Wohnwagens ein kleines Ventil geschaffen. Dort unten steht ihre Modelleisenbahn, Märklin H0, im Maßstab 1:87. Seit Neuestem hat Philipp Rösler einen Platz in Silvanas Keller. Lange hat sie überlegt, wohin sie den neuen Wirtschaftsminister stellen soll. Dann hat sie ihn auf eine Diesellok geklebt, die sie ständig gegen eine Wand wirft.

Wie lange sie sich dieses Hobby allerdings noch leisten kann, weiß sie nicht. Ihr Mann ist nur Anwalt, und die Diät für ihr Mandat beträgt läppische 7009 Euro ohne Spesenzulage. Da kommt »das liberale Luder« (EULENSPIEGEL, 2011) schon mal ins Grübeln: Wird sie es je schaffen, ihrer misslichen Lage, in die sie unverschuldet geriet, zu entrinnen? Wenn die derzeitige Schikane anhält, dann glaubt sie nicht daran.

Neulich ist sie auf dem Weg ins Europaparlament gewesen, um ihr Recht auf freie Toilettenbenutzung wahrzunehmen. Schon beim Pförtner ist sie abgewiesen worden. Trunkenheit hat der ihr unterstellt, und wenn sie nicht schon vor langer Zeit auf ihren Idealismus zugunsten des Pragmatismus verzichtet hätte, dann hätte sie auf ihren Eintrag in der Sitzungsliste bestanden und ihm nicht an Ort und Stelle auf die Schuhe gepinkelt.

Und überhaupt, froh hätten sie sein müssen, in der Partei und in Deutschland, dass sie endlich eine Politikerin hatten, die so beliebt wie Guttenberg hätte werden können. »Ich kann jedes Programm vertreten, das Sie mir vorschlagen, und ganz ehrlich, ich hab bisher keinen gesehen, der genauso effizient ist und nur mit einem plakatierten Lächeln gegen Roaming-Gebühren ist, die Aufhebung des Glühlampenverbots fordern kann und die ständigen Umzüge des Europaparlaments nach Straßburg geißelt. Apropos umziehen, ich schlüpfe mal in etwas Luftigeres. Mein Pressesprecher kann mich ja weiterhin verleugnen.«

Andreas Koristka

 

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