Aufstand im Zwergenland – aus Heft 5/2011

hennigerAm siebenten Schöpfungstag dachte der liebe Gott bei sich: Herrgott, jetzt schöpfst du hier schon eine geschlagene Woche vor dich hin –Harzer Käse, Steuerberater, Mundgeruch und eine ganze FDP hast du bereits geschöpft, jetzt ist aber auch mal gut! Und er überlegte, wie er wohl mit dem ewigen Neuerschaffen aufhören könnte. Bald fiel es ihm ein, denn er war nicht nur allwissend, sondern auch all einfältig. Seine Rechte als Arbeitnehmer waren bedroht! Weder hatte er gesetzlich geregelte Schöpfungszeiten, noch gab es einen Flächenschöpfungsvertrag! Da blieb ihm nur eine Lösung: Er musste eine Gewerkschaft gründen.

 

Etwas schwierig wurde das schon, denn wie sich zeigte, war der liebe Gott das einzige Mitglied der neuen Interessenvertretung – aber egal. Zum Ausgleich für die mangelnde Personalstärke besaß er ja einen fast grenzenlosen Einfluss. »Alle Schöpfung stehet still, wenn mein starker Arm es will!«, rief der liebe Gott deshalb, und weil sowieso gerade Sonntag war, legte er umgehend seine göttlichen Beine hoch, machte sich ein Bier auf und guckte Sportschau. Mit der Schöpfung aber war fortan Schluss.

Natürlich ist dies ein Märchen, verehrte Leser, denn in Wirklichkeit wurde auch am darauffolgenden Montag noch geschöpft – zum Beispiel das Montagsauto. Und Gewerkschaften mit nur einem Mitglied gibt es auch nicht. Das sollten schon wenigstens zwei, drei Großfamilien sein, wie bei der Gewerkschaft der Flugsicherung. Die sichert außer dem Flugwesen (Es entwickelt sich!) vor allen Dingenden eigenen Einfluss.

Wichtig im Gewerkschaftswesen (Es entwickelt sich erst recht!) ist nämlich längst nicht mehr die Zahl irgendwelcher Kollegen, sondern bloß noch der jeweilige Knopf, Hebel oder Drücker, an dem irgendwelche Kollegen sitzen. Im Zweifelsfall genügt dann schon ein einziger Schalter mit einem einzigen Schalterdrücker, um alle anderen zum Stolpern und Staunen zu bringen. Als Grund reicht »eine breit gestreute Unzufriedenheit … und Argwohn« (Gewerkschaft der Flugsicherung) gegenüber den Großen und Dicken der Branche wie Rainer Hunold, verdi und DAG.

Deshalb machen die Zwerge lieber gleich selbst mobil.»Spartengewerkschaft« lautet die schöne Bezeichnung für ihre Krümel verbände. Das hört sich zwar ein bisschen nach Geflügelzüchtern oder Kleingartenverein an, aber es tut ihnen Unrecht. Also den Geflügelzüchtern. Bei denen tritt nämlich bloß der Hahn die Henne und nicht der ganze Verein die Unbeteiligten vors Schienbein.

Unterhaltsamer geht es auf jeden Fall bei den Spartengewerkschaften zu: Drehen die Flugsicherer am Tarifrad, bleiben erst mal alle Fluggäste am Boden, haut der MarburgerBund auf den OP-Tisch, kriegen die Patienten Schüttelfrost, und lässt die Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger den eisernen Vorhang runter, sitzen die Zuschauer im Dustern. Nur den jeweiligen Tarifpartnern ist es häufig egal, denn die fahren Auto, sind sowieso gesund oder haben zu Hause ihr privates Theater mit der Gattin.

Trotzdem macht es natürlich Spaß, der Allgemeinheit mal zu zeigen, was eine Harke ist, wie es die Gewerkschaft der Harkenschwinger … ach nee, die gibt’s ja noch gar nicht. Aber die Gewerkschaft der Lokführer gibt es. Und fast jedem, der in letzter Zeit an einem Bahnhof vorbeigekommen ist, werden außerdem Geruch von alten Buletten noch die fröhlichen Gesichter der Reisenden in Erinnerung sein, die sich über den Einfallsreichtum der Lokführersparte freuten. Schließlich war der im Zuge (!) ihrer gewerkschaftlichen Erleuchtung etwas durch und durch Geniales eingefallen: Sie würde streiken! Und danach würde sie gleich noch etwas ganz Neues folgen lassen: nämlich einen Streik! Und wenn der nicht hülfe, würde man leider ganz andere Saiten aufziehen müssen – zum Beispiel in Form eines Streiks.Das Publikum war beeindruckt – darauf musste man erst mal kommen!

Wir aber kommen auf noch viel schönere Perspektiven des Gewerkschaftswesens (Es entwickelt sich noch immer!): Je kleiner, desto Ausstand, muss dessen Devise fortan heißen. Und prompt stehen auch schon die ersten Wettkämpfer am Start, um diese hehre Forderung mit Leben zu erfüllen. Die Fachgewerkschaft für die Beschäftigten auf den Containerterminals im Hamburger Hafen etwa. Sie hat rund 100 Mitglieder und wird wohl in Kürze dafür sorgen, dass jeder Einzelgewerkschafter 1 000 Blechkisten zu blockieren hat. Oder die Gewerkschaft der Servicekräfte: Sie umfasst ebenfalls 100 Hanseln und entspricht damit kongenial dem Serviceniveau in Deutschland.

Noch besser trifft es jedoch die Neue Assekuranz Gewerkschaft. Sie kann sogar nur ein paar Dutzend Angehörige vorweisen, sorgt damit aber wahrscheinlich punktgenau für die Interessenvertretung aller Versicherungsangestellten auf der linken Korridorseite, die Zahnlücken und graue Mako-Unterwäsche haben. Die Technik Gewerkschaft Luftfahrt verzichtet gleich ganz darauf, uns mit irgendwelchen Mitgliederzahlen zu behelligen (»keine Angabe«). Es reicht ja auch schon, wenn demnächst drei Mann den Kerosinhahn zudrehen. Die Spartengewerkschaft für Betriebsfeuerwehren lebt bislang sogar nur von der Ankündigung, sich demnächst gründen zu wollen. Bis dahin brennt’s auch von alleine.

Ich selber brenne jetzt aber darauf, die Arbeit an diesem Elaborat einzustellen. Das schwebt mir zwar schon lange vor, nun aber tut sich erstmals eine reale Chance dafür auf. Seit Neuestem gehöre ich nämlich drei verschiedenen Spartengewerkschaften an: den Schläfern am Laptop, den Vereinigten Spiegeltrinkern und den Verfassern echten Blödsinns, VEB. Ein wunderbarer Zustand! Dadurch bin ich endlich gezwungen, das ganze Jahr über zu streiken.

Reinhard Ulbrich
Zeichnung: Barbara Henniger

 

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