Die Dissoziation des Oberbefehlshabers - aus Heft 4/2011

dissoNoch bleibt das Militär neutral und verzichtet auf eine gewaltsame Durchsetzung des Doktortitels ihres ehemaligen Oberbefehlshabers. Sollte es sich einmischen, könnte es noch in absehbarer Zeit Tausende tote Wissenschaftler geben. Diese hatten Anfang März mit friedlichen Massendemonstrationen im Feuilleton den selbstgerechten Militärchef gestürzt. Aber im Internet, das schon die Revolution in Tunesien entschieden hat, regt sich Widerstand gegen die Akademiker.

Bayreuth – In den Gebäuden der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät herrscht dieser Tage Partystimmung. Vor dem Büro von Professor Oliver Lepsius, dem Nachfolger des momentan bekanntesten Doktorvaters im Land, feiern einige Sekretärinnen und der Hausmeister den Sieg der Wissenschaft mit einer Flasche Himbeergeist.

Eine Studentin kommt aus Lepsius’ Büro, zupft sich die Bluse zurecht und zieht ihren Rock nach unten. Als sie sieht, dass jemand vor dem Büro gewartet hat, wird sie rot und kichert. Im Büro sitzt Lepsius lachend hinter seinem Schreibtisch. »Ja, ja«, sagt er, »die Studentin, die sich eine gute Note durch Sex erschleicht. Ein uraltes Klischee. Ich weiß. Aber eines, das Spaß macht.« Doch darüber, so Lepsius weiter, wolle keiner mit ihm reden, allen ginge es nur um diesen Betrüger. Schlagartig ändert sich Lepsius’ Laune. »Bei diesem dreisten Lump war es nicht so wie bei der jungen Dame, die eben hier war.

Die wollte lediglich einen Seminarschein. Der Doktortitel aber ist der Gipfel der menschlichen Zivilisation! Da kann man doch nicht …« Fassungslos ringt er nach Luft. Erst nach einer Weile kann er fortfahren: »Das ›Dr.‹ signalisiert der Welt: Ja, dieser Mensch kann sich zwei bis drei Jahre lang auf seinen Hosenboden setzen und sich Tag und Nacht mit nichts anderem befassen als einer winzigen Nische innerhalb eines kleinen Spezialgebietes; und er hat genug Selbstvertrauen, um zu sagen: Es ist mir vollkommen egal, dass sich abgesehen von einer gelangweilten Prüfungskommission nie wieder jemand dafür interessieren wird.«

Das seien Standards, die eingehalten werden müssten. »Das formt den Charakter und nötigt Nichtakademikern ein anerkennendes Stirnrunzeln ab. Darum geht es doch!« Nachdenklich blickt er auf die feiernden Studenten vor seinem Fenster. Die ganze Affäre, gesteht er, habe allerdings auch ihre guten Seiten gehabt. Zwar wolle er seinem Vorgänger in keiner Weise unterstellen, einen Fehler bei dieser »unsäglichen Dissertation« gemacht zu haben, er persönlich werde jedoch vorsichtiger sein. »Ich«, erklärt er, »werde mir in Zukunft meine wissenschaftlichen Mitarbeiter, die die Doktorarbeiten lesen, ganz genau ansehen.«

Frankfurt – Auf dem Campus der School of Finance ist die Laune nicht gerade überschwänglich. Hier und da sitzen die in blau und rosa Uniformen gekleideten Studenten in kleinen Grüppchen und plaudern. »That’s unacceptable!«, sagt Rocko-Wilhelm. Der 18-jährige Erstsemester wollte im Sommer mit seiner Doktorarbeit beginnen und spätestens im Winter fertig sein. »Ich bin hier customer. Ich zahle 6 000 Euro pro Semester. Da muss es doch wohl possible sein, dass ich auch alle möglichen academic degrees bekomme! Und zwar ohne Wenn and but.«

Wie er beklagen viele Studenten, dass neuerdings genauer auf die Arbeiten geschaut werde, und vor allem dass die wenigen alten Professoren, die mit dem Internet nicht umgehen können, kaum noch Doktoranden annähmen. Der letzte Plagiats-Fall, da sind sie sich einig, hat die Bedingungen erschwert. »Es ist eine Schande!«,klagt Rocko-Wilhelm. »Die machen sich doch ihr gesamtes business model verreckt. Entweder sie wollen mehr Akademiker oder even not.«

Berlin, Comeniushöfe – Schon beim Betreten der Redaktionsräume des EULENSPIEGEL atmet man dicke Luft. Man merkt: Hier ist einer wirklich stinksauer! Von Weitem hört man den Chefredakteur des Witzblättchens fluchen. In seinem Zimmer dann vernimmt man die volle Lautstärke seiner Schimpftirade. »Aha. Guten Morgen! Auch schon wach! Text endlich fertig?« Es ist der Zorn auf »diesen gelackten Abschreiberling«, der Dr. Wedel so toben lässt. Alle Doktortitel, also auch seiner, kämen nun in Verruf! Und das, wo er doch so penibel darauf achte, dass alle Autoren einen Doktortitel tragen.

Besonders der Umstand, dass »dieser Aufschneider « die Zulassung zur Dissertation offenbar seiner Parteizugehörigkeit verdankte, lässt Wedel, der fast ein Jahr lang über positive Satire in der Sowjetunion promovierte, keine Ruhe. »Es war ja eigentlich alles schlecht«, ruft Wedel, »aber in der DDR gab es so was nicht!«

Köln – Ingo S. sitzt vor seinem Computer und schüttelt den Kopf. »Furchtbar!«, murmelt er immer wieder. »Furchtbar! – Wie kann man denn so eine Arbeit verfassen! Ein Skandal!« Ingo S. hat die berühmte Doktorarbeit gelesen und ist entsetzt. Als professioneller Ghostwriter kennt er sich aus in dem Gewerbe. Seit zehn Jahren ist er Chef von ›Onkel Doktor – der Bruder vom Doktorvater‹, einem deutschlandweiten Ghostwriter-Netzwerk.

Doch die Geschäfte laufen schlecht seit einigen Wochen. »Die Leute denken jetzt natürlich, dass alle Ghostwriter nur mit Copy und Paste arbeiten «, erklärt Ingo S. die mangelnde Nachfrage. »Dabei bieten wir ein Siegel an, das garantiert, dass der Ghostwriter die Arbeit tatsächlich selbst verfasst hat. Nach bestem Wissen und Gewissen. Das kriegt jeder Kunde schriftlich.« Deshalb wisse er genau, dass diese Arbeit von keinem seiner Leute stammt. »Entweder der Herr Ex-Doktor hat einen Amateur beauftragt«, erklärt er, »oder er hat die Arbeit wirklich selbst abgeschrieben. Im ersten Fall würde ich es an seiner Stelle mit einer Klage auf Schadenersatz versuchen. Im zweiten Fall hat er den Titel wirklich nicht verdient, denn so dumm, sich als Anfänger selbst diese Mühe zu machen, ist ja wohl niemand!« Die, die bei ihm ihre Dissertation haben anfertigen lassen, versichert Ingo S., säßen jedenfalls heute alle noch im Kabinett.

Üchtelhausen – Betrübt und leicht angesoffen kauert Michael Glos am Stammtisch der CSU-Ortsgruppe. »Eine bodenlose Riesensauerei« sei das, schimpft der ehemalige Wirtschaftsminister. »Die Ilse ist die Nächste«, sagt er und meint damit Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner. »Die ist Elektrotechnikerin. Das ist doch ein schöner Beruf. Den ganzen Tag unter Strom. Aber denen in Berlin langt des net. So wie es denen net gelangt hat, dass ich Müllermeister bin. Oder der Karl-Theo adelig. Die Damen und Herren Doktoren wollen lieber unter sich sein. Als ob man dann alles versteht, was da so geredet wird bei dene Sitzungen, nur weil man Arzt is!«

Berlin-Westend – Zuerst sieht alles in den Gängen der Grundschule so aus, wie man es sich vorstellt: Kinder toben, es ist laut, Lehrer werden gehänselt. Doch hört man bei den Gesprächen genauer zu, merkt man, es gibt nur ein Thema: die Plagiatsaffäre. Auf dem Pausenhof steht die zehnjährige Anna. Die Aufregung um ihren Vater scheint ihr den Appetit verdorben zu haben – ihr Käsebrot landet im Abfall. »Ich war geschockt!«, gesteht sie. »Klar denkt man zuerst, es war ja nur Papas Dissoziation oder so. Aber natürlich fängt man an nachzudenken, und dann kommt unweigerlich die Frage: Hat er meine Hausaufgaben wirklich selbst gemacht?« Für einen kurzen Moment ist sie den Tränen nahe, doch dann fängt sie sich. »Ich weiß auch schon, wie ich das herausfinde. Ich verstecke eine Kamera in seinem Arbeitszimmer, dann komme ich rein und frage ihn, ob er nicht meine Hausaufgaben aus dem Internet zusammensuchen kann. Und wenn er zusagt, kommt das Kamerateam und Mutti. Und dann ist er fällig!«

Gregor Füller
Zeichnung: Andreas Prüstel

 

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