Schwarz ist das neue Trallala - aus Heft 4/2011

trallalaDie Fans gefühlsechter Sangesdarbietungen mit Kiwi-Lemon-Aroma reiben sich die vor Rührung ertrübten Augen: Zwischen den Zombis, die sie seit früher Jugend begleiten – Peter Kraus, Nicole, DJ Ötzi und »Manchmal möchte ich schon mit dir«-Roland Kaiser –, erblickt eine unheimlich schwitzige Glatze das Rotlicht der Kameras. Wer ist der Mann, denn einem solchen gehört dieselbe, im Outfit von Herrn Kaiser – nicht dem Roland, sondern dem von der Versicherung? Der, umspielt von giftigen Dämpfen aus der Nebelmaschine und von einer solchen namens »Carmen« launig angekündigt als »Der Graf« von »Unheilig«, Unheimeliges zum Besten gibt und dabei mit dem Armen rudert, als tummelten sich aasliebende Schadinsekten in seiner Kluft?

Er ist der Frontmann der jüngst wie Blasen aus der Gülle aufgestiegenen Crossover-Band der Stilrichtungen »Elektroschrott« und »Neue Deutsche Bärte« namens »Unheilig«. Dieser neue Silbermond am Himmel des Trivialo-Pop mit dem singenden Bestatteranzug an der Spitze arbeitete sich ausgerechnet im Schrebergarten der schunkelnden Schlagerzwerge ans Licht des unschuldigen Tages: Gelsenkirchener Barocklyrik mit Nietengürtel und Gruftie- Leibchen! »Wer Liebe lebt« mit schwarzem Bumsvallera!

Der Erfolg der unterweltlichen Dumpfmucke ist keine der bemühten Pseudoüberraschungen von Carmen Nebel, sondern die Gnade des schlichten Gemüts. Man nehme einen Namen, der omatauglich zwar, düster und schaurig nach Legende müffelt, und adele sich selbst hinein in die Reihe gräflicher Prominenz: Graf Dracula, Otto Graf Lambsdorff und Graf Zahl, dazu ein grausam peinliches Mephisto- Bärtchen à la Küchenchef Ralf Zacherl und die Teilnahme am VHS-Kurs »Vom Niemand zum Jemand – Personality und Charisma in 3 Abendveranstaltungen «.

Um seine Person rankt der Graf selbst dunkle Geheimnisse, verschafft sich die Aura eines Untoten und verrät nicht einmal, mit welchem Namen er geschlagen ward, nachdem ihn die Hebamme aus der mütterlichen Nährlösung gezogen hat. Doch die Menschheit soll es wissen: Bernd! Doch was hat der Bernd zu verbergen? Seinen Rauhaardackel? Die Geranien vorm Fenster? Seine Abenteuer und exzentrischen Verirrungen als Hörgeräte-Akustiker, Mutti in der Kittelschürze? Oder die muffige Langeweile von Aachen, die er mit sich schleppt wie einen faulen Fuß? Oder will er sich Fans vom Leibe halten?

Fans? Was für ein abwegiger Gedanke! Und doch sind ungezählte Menschen bereits dem Gruselbombast von »Unheilig« verfallen, und tiefergelegten Texten, wie diesem: »Komm setz dich zu mir, erzähle mir von dir. Ich hab so oft daran gedacht, dich so vieles zu fragen.« Wer in diesen Zeilen »Philosophie« zu ahnen vermeint, den muss Wolle Petry mit seiner intellektuellen Durchdringungstiefe im Nanobereich geradezu kafkaesk überrollen.

Was sind das für Leute, die dafür Einfühlung und im schlimmsten Falle sogar Geld investieren? Darf man sie beschimpfen, in Sprachkurse zwingen, sie abschieben oder als auffällig bei der Behörde melden? Oder gehören sie genauso zu Deutschland wie die großen Toten, die wir in unserer christlich-jüdischen Schatztruhe verwahren? Die Freunde von »Unheilig« sind für »Tokio Hotel « zu alt und für die volksdümmliche Hitparade zu jung. In Ermangelung eines eigenen Lebens sind sie, wie ihr Idol, Freunde der Verkleidung und des Rund-um-die-Uhr-Faschings in Dunkelschwarz: Gothics, Grufties, Fetischisten, Satanisten mit viel Schuhwichse und Vorhängeschlössern im Gesicht.

Ihre satanische Fachpresse nennt das »düstermystisch«. Vor dem großen Schlafzimmerspiegel sind sie schrecklich allein und müssen vielleicht sogar manchmal über sich selber lachen. Aber in Gruppe erwachen sie zum Leben wie der Bovist nach Dauerregen. Ihr Brevier ist die »Unheilig«-Fanpage im Internet. Dort stammeln sie mit Hilfe schwarzer Fingerstumpen im abgeschnittenen Gazehandschuh, wie »geil« sie die Notdurft von »Unheilig« finden: »Die berührenden Songs von Der Graf tragen autobiografische Züge: Die Tür geht auf, die Tür geht zu / Hier stehe ich und da stehst du.« Wer hat das nicht selber auch schon einmal erlebt, besonders im Windfang eines ALDI-Marktes!

Faninnen des Grafen dichten sofort weinend los, im Stil von »Unheilig«. Was herauskommt, ist so ekelhaft wie der Vorgang selbst: Sie drücken sich aus. Einige wenige Getreue der ersten Stunde scheinen jedoch kühlen Kopf zu bewahren und folgen dem Grafen nicht in die mainstreamige Suhle. Sie sehnen sich zurück in die Anfangstage des Grafen. Da war er als Dracula-Imitat unterwegs, mit schwarz lackierten Fingernägeln, weißen Haftschalen auf den Augäpfeln und schien nach Leiche zu duften, weil er vorgeblich seinen Schlafplatz in aufgelassenen Gräbern des Ruhrgebietes wählte und zum Frühstück das Blut lebender Ratten trank.

Jedenfalls löste sich der »offizielle Fanclub« von »Unheilig« mit Worten auf, die Worte von ihm sein könnten: »Es war schön, lass uns geh’n. Wir sagen Graf auf Wiederseh’n«. Der trällernde Bedeutungskasper haucht sich durch die Formate: Raab, NDR-Talkshow, GZSZ, Viva, Kika, Bravo, Lokus (das schwarze Szene- Journal). Natürlich ist der singenden Bulimie auch der Sieg beim Bundesvision Song Contest mit seinem Titel Dünnpfiff ist auch Kagge (bzw. Unter Deiner Flagge) sicher, den der Graf seiner Mutti widmete.

Man ahnt es schon, die Grafen-Mutti wird demnächst als Überraschungsgast bei Carmen Nebel aus der Torte springen. Als einstweilige Krönung wurde der unheilige Aushub kürzlich gesetzmäßig mit dem Bambi vergoldet, für den Der Graf poetische Dankesworte fand: Vom Bambi habe ich geträumt, schon die Vitrine ausgeräumt. Nun ist es wahr, das Wunder: Ich trag nach Haus den Plunder und stell das Reh* in meinen Schrank! Von ganzem Herzen vielen Dank! So ein wundervoller Preis für den Musik geword’nen …

Anke Behrend
Zeichnung: Harm Bengen

* Der Red. ist bekannt, dass es sich um einen Hirschen handelt.

 

Kommentare 

 
#11 Anna 2011-05-03 14:51
Einfach nur köstlich! Vielen Dank, Frau Behrend.
Zitat
 
 
#10 Pat 2011-04-23 16:20
Vielfalt bereichert. So freuen wir uns neben Schlager tirilierenden Bösebuben demnächst auf die unverständlich dreinglotzenden Fischaugen unserer kleinen Liebsten, wenn mitteldeutsche Oma demnächst gepierct und frisch schwarz weiss gefärbt "geboren um zu leben" in die Fruchtschaukel zischt. Erlaubt ist, was gefällt.
Und der Text gefällt sehr - bravo...
Zitat
 
 
#9 Dr. Langhammer 2011-04-13 14:04
Gratulation für die famosen Zeilen. Und nachdem der Klassenbeste des VHS Kurses "Vom Niemand zu Jemand", Karl Theodor von und zu Guttenberg die Segel streichen musste, bleibt unserem gelobten Land nur noch der Graf mit seinen lyrischen Exkrementen als Heilsbringer übrig. Für alle, die denken, sein Siegeszug sei bald beendet, die weise ich mit Nachdruck darauf hin, dass nächstes Jahr die EM ins Haus steht. Da wird der Graf vielleicht mit hymnischen Pathos die Rolle des Motivators eines ganzen Volkes übernehmen und nicht nur der Prinz, der Poldi Prinz, wird Ihm lauthals zujubeln, sondern alle, auch Boris Becker. Doch bevor dies passiert, lass ich noch ein paar Songtitel sprechen, von Kollegen, die in ähnlich schäbiger Weiße wie "DER GRAF" Ihrem stupiden Klientel die Taler aus der Tasche singen. Mit etwas Glück beherzigt er einen der Titel und verschwindet von der Bildfläche mit seinem lächerlichen Plastik-Image. "Ich will Dich nie mehr sehen" (Oomph), "Wann kommt die Flut" (Joachim Witt)
Zitat
 
 
#8 Harry 2011-03-31 20:23
"[...] und stell das Reh* in meinen Schrank! Von ganzem Herzen vielen Dank!"

...auch an Sie, Frau Behrend, für die köstlich vergnüglichen Leseminuten.
Zitat
 
 
#7 Neara 2011-03-25 18:25
Auch ich bin einer der "satanistischen vor dem spiegel heuler" *weglach*, aber über Ihren Bericht habe ich tränen gelacht. Perfekt. Genau so sehe ich das auch. Vielen dank dafür
Zitat
 
 
#6 Dave Armstrong 2011-03-25 13:28
Der Graf im Interview beim DarkKasperle:
http://www.youtube.com/watch?v=_EW30UtHMfg
Die konsequente Fortsetzung dieses Artikels!! ;-)
Zitat
 
 
#5 Yves 2011-03-25 12:08
@Zidon:

Das ist ein Satiremagazin. Warum sollten die mittendrin damit aufhören? (-;

Ich als Rund-um-die-Uhr-Karnevalist fands lustig.
Zitat
 
 
#4 Zidon 2011-03-25 10:09
Vielen Dank Frau Behrend,

man mag ja über den "Grafen" denken was man will, aber über eine komplette Subkultur mit Spottnamen herzuziehen, ist alles andere als professionell. Solche archetypischen Klichees wie Sie propangieren entbehren jeglicher Grundlage. Wenn Sie mir "satanistisch" anderst meinen fühlen wir uns geschmeichelt. Aber das Bild des suizidgefährdet en Einzelgängers ist völlig deplatziert. Viele der "Bovisten" engagieren sich mehr für ihre Mitmenschen als manch einer Ihrer Zunft.

Dennoch einen schönen Tag und freundlichste Grüße!

Zidon A.
Zitat
 
 
#3 Alex 2011-03-25 10:00
danke :)
Zitat
 
 
#2 Anke Behrend 2011-03-24 23:54
Jaja, das hätte ich jetzt auch gesagt! *ggg*

;-)
Zitat
 

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