Kein deutscher Skispringer – aus Heft 5/2018

Kein SkispringerWenn man auf den Pfaden der Onomatologie »Plasberg« recherchiert, und das machen wir mit journalistischer Sorgfalt, findet man: nichts. Nichts Unanständiges und nicht mal was Anständiges. Der Name ist so rein wie ein frisch erfundenes Start-up, das Laken einer alten Jungfrau oder ein bislang unentdeckter Tiefseefisch. Ein Plasberg war nicht in der NSDSAP und war auch nicht ein deutscher Skispringer. Plasberg kann also von nun an und für alle kommenden Generationen mit »Frank« verwachsen sein: Wer Plasberg sagt, muss Frank sagen, Plasberg – das ist der integre Journalist mit dem Habichtprofil, der Erfinder des harten, gleichwohl fairen Journalismus im deutschen Sprachraum und öffentlich-rechtlichen Sendegebiet, der maulflinke Rächer der Armen, Enterbten und Geschundenen (eine Spur nach Sachsen, wonach der Plasberg ein bei Homosexuellen beliebter Anstieg im Elbsandsteingebirge sei, lassen wir versanden).

Ein neues Jahrtausend brach an und mit ihm begann die Mission des Plasberg im WDR. Er wollte, ließ er die Intendanz über Flurfunk wissen, den arbeitsamen Arbeiter, die putzige Putzfrau, ja selbst den schändlichen Kinderschänder ins Fernsehen bringen. Das gemeine Volk sollte nicht länger als Sidekick schummrig ausgeleuchtet neben dem Podium hocken, hüstelnd nur und Bekenntnisbeifall spendend – wie bei der Christiansen (das Feindbild schlechthin all der jungen Pferde im Journalistenstall), oder wie bei der Will auf einem Extrasofa »dazu gebeten«, oder von der Illner an einem Stehtischchen vernommen werden. Nein, das Volk sollte, wie mühsam auch immer, durch Plasberg wieder Wörter finden, sprachmächtig wer den. Das Bekenntnis zur Unterschicht zieht sich durch die Karriere des journalistischen Überflie gers, wie Chemtrails über den Berliner Frühlingshimmel ziehen. Von da an hieß es raunend in Köln: Der Plasberg, das wird mal eine ganz hohe Gehaltsstufe!

Fragen ohne vorzuführen, nachhaken ohne zu verletzen, mutig erscheinen ohne es zu sein – so sieht Frank Plasberg seinen Arbeitsauftrag bei »Hart aber fair«. Sein journalistisches Credo hat sich nach üblen Erfahrungen an einem Service- Schalter der Deutschen Bahn geformt: »Jeder wird so lange Auskunft geben müssen, bis die Frage wirklich beantwortet ist.«

Mit der Kombi aus bübischer Keckheit, bildungsbürgerlichem Wissensvorsprung und der Falschbehauptung, einen mächtigen und emsig arbeiten den Apparat unerbittlicher Faktenprüfer für den »Faktencheck« hinter den Kulissen sitzen zu haben, machte Plasberg »Hart aber fair« zum Straßenfeger beim WDR. Als 2007 Sabine Christiansen, gelegentlich nicht nüchtern, endlich weggeheiratet wurde, und als Beispiel dafür, wie man Talkshows nicht machen sollte, in den Lehrmaterialien der Journalistenausbildung verschwand, schlug Plasbergs Stunde – immer noch nicht. Man nahm statt seiner den aaligen Jauch, was Plasberg wohl nie verwunden hat: Als sich dann auch Jauch im Gasometer zu Ende gestammelt hatte, schickte ihm sein Kollege Plasberg, der Mann der Fairness und der Integrität, via Spiegel den Satz hinterher: »Man kann nicht gefühlter Bundespräsident und zugleich kantiger Journalist sein.«

Kantig – ein Kotzwort aus der K-Reihe: knifflig, knuffig, keck und kantig! Aber erst einmal nahm sich der Senkrechtstarter, der bis dahin im drittten Programm mit einer müden Quizshow reüssiert hatte, eine jüngere Frau, nämlich die Anne, die im Klüngel allgemein als ziemlich nett galt und beim »Morgenmagazin« für Entschleunigung sorgte. Das half: Man gab ihm in Anerkennung karrieristischer Ausdauer den Trostsendeplatz, den Sendeplatz, an dem im DDR-Fernsehen immer der Film aus dem Dritten Reich lief – den Montagabend.

Seitdem liefert er. Es wird nicht gelabert, sondern gefaktet. Statt Kniestreicheln gibt es Kreuzverhör. Seit fast zehn Jahren lassen sich namhafte Vertreter »aus Politik und Gesellschaft« wie hinter einem Schießbuden-Tresen aufreihen und geben brav Antwort, wenn sie dran sind. Nur wenn sie dran sind. Man nimmt sich nicht das Wort – Plasberg, am Steuerpult zum Abrufen kompromittierender Einspieler, erteilt, gewährt es. Nach einer geheimen Choreografie kommen zwei, maximal drei Gelegenheiten für den Moderator, einen Gast zurechtzuweisen, ihn an die eben gestellte Frage zu erinnern oder ihm zu bescheinigen, dass er schon genug geredet habe. Das mögen die Momente sein, für die der Frank sein Leben liebt.

Allerliebst und heute schon aus der Geschichte des deutschen Fernsehens nicht mehr wegzudenken: die »Versöhnungsrunde«, die mit einem infantilen Händeschütteln endet: Jeder Teilnehmer wird gefragt, mit wem aus der Runde er/sie gern mal fremdgehen bzw. begraben sein oder vier Wochen in einem Krankenhaus verbringen möchte. Das ist so himmlisch originell, das menschelt so rasant, dass man Plasberg ohne Übertreibung auch den Rudi Carrell der Polit-Talkshow nennen könnte. Dabei ist der Mann im Sender bekannt als unerbittlicher Choleriker. An seiner Bürowand ist manche Kaffeetasse zerschellt und manche kleine Karriere zerdrückt worden. Weinende Volontäre, noch lieber Volontärinnen, werden wöchentlich aus den Klokabinen geschweißt, verzweifelte Autoren der Einspielerfilmchen haben sich zu Kindergärtnern umschulen lassen, und verängstigte Kabelhalter lassen sich wegen Tennisarm krankschreiben. Plasbergs Team muss viel ertragen. Aber das ist nun mal der Preis für den Deutschen Fernsehpreis. Frank ist ein Getriebener, getrieben von seinen Ansprüchen, heißt es in der Kantine. Sensibelchen können ja bei der Will anheuern oder in den Rhein springen.

Brigitte Büscher, die »Zuschaueranwältin«, ist nicht gesprungen. Manch spitzes Wort aus dem Munde des Meisters musste sie ertragen. Manchmal schien es, als habe sie vor ihrem Kurzauftritt geweint oder vor Angst gebetet und werde es danach gleich wieder tun. Frauen im Öffentlich-Rechtlichen sind manchmal ganz oben – wie die Sandra, die Maybrit oder die Anne. Aber wenn ein Fußabtreter für einen genialen Moderator gebraucht wird – dann ist das nie ein Mann.

Doch auch ein Plasberg macht Fehler. Auf der Hochzeitsreise mit der Anne G. soll er seinen Ehering vergessen haben. Oder haben sich die beiden diese Story ausgedacht, um den unerbittlichen Pedanten Frank ein menschliches Gesicht zu geben? Seine Firma »Ansager und Schnipselmann« (Anmerkung der Red.: voll lustig!) soll den Markennamen von »Hart aber fair« für Lobbyveranstaltungen missbraucht haben. So was passiert schon mal, wenn man noch Kohle nebenbei machen muss. Dabei ist der Frank ein bescheidener Typ. Mit 17 000 Euro pro Sendung kommt er inzwischen mit Ach und Krach über die Runden. In der Ausgabe »Hartz gleich arm – geht diese Rechnung auf?« lächelte er dieses Der-Gentleman-genießt-und-schweigt-Lächeln, als die Rede auf seine Bezüge kam. Er ist kein Angeber, und hohes Einkommen bedeutet ja auch hohe Steuerlast. Er weiß, wie hart und unfair das Leben für arme Menschen ist, sagt er. Seine Putzfrau hat ihm davon erzählt.

Frank musste erst mühsam lernen, was man mit Geld macht, das man plötzlich übrig hat. Bei Plasbergs zu Hause wurde mehr gespart als geschlagen. Also wurde Frank ein geltungsbedürftiges Einzelkind. Er diente sich tapfer hoch, vom Lokalblatt übers Radio zum WDR. Auf diesem Weg lernte er, wie man Kolleginnen zum Kaffeekochen schickt und ihnen in die Handmulde ascht. Das waren die 90er, Rauchen war da noch erlaubt und es herrschte der raue Ton der investigativen Einzelgänger vom Schlage eines Hans Meiser und Heinz Klaus Mertes. Plasberg war vorn mit dabei in der Recherche-Meute bei der Gladbeck-Entführung. Heute möchte er zu diesem Punkt seiner Karriere aus Gründen der Bescheidenheit nicht als Zeitzeuge zur Verfügung stehen.

Nun führt Frank Plasberg ein ruhiges Leben, gegen seine Anfälle hilft ein Wutball in der Anzugtasche. Die Sendung läuft, die Frau, besagte Anne, harrt seiner zu Hause. Die beiden haben eine ungute Phase hinter sich. Anne beklagte sich mehrmals öffentlich, nur noch die »Frau an seiner Seite« zu sein. Inzwischen hat sie zwei Romane geschrieben – was man so macht, wenn das »Morgenmagazin« nicht mehr anruft. Und sie hat ihn zum »Mann an ihrer Seite gemacht« – als ewiger Klugscheißer neben einer charmanten, kicherigen Plaudertasche im »Paarduell«, der Quiz-Show mit Belohnungsbussi und Intimbekenntnissen. Er kann eben auch ganz, ganz lieb sein, der Frank.

Felice v. Senkbeil
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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