Ganz klar eine Folge der Wetterverhältnisse – aus Heft 5/2018

Der ehemalige russische Doppelagent Sergei Skripal und seine Tochter Julia wurden im englischen Salisbury bewusstlos aufgefunden. – Ein kniffliger Fall, den nur Sherlock Holmes lösen kann. – EULENSPIEGEL traf ihn zum Interview.


Mr. Holmes, sind Sie von Scotland Yard oder der Polizei von Salisbury in die Untersuchungen eingebunden worden?

Dazu kann ich mich aus ermittlungstaktischen Gründen aktuell nicht äußern. Nur so viel: nein.

Könnte es daran liegen, dass Sie eine ausgedachte Person sind?

Daran kann es nicht liegen, denn bei diesem Fall scheint mir einiges ausgedacht zu sein.

Zum Beispiel?

Dass die Skripals vergiftet wurden. Waren Sie mal in Torremolinos oder auf Mallorca? Da liegen überall bewusstlose Engländer und Russen rum. Die wurden auch nicht vergiftet. Dass sich die britische Regierung in diesem Fall so früh auf eine unnatürliche Ursache für die Bewusstlosigkeit festgelegt hat, ohne die Ermittlungen abzuwarten, war ein großer Fehler.

Es deutet aber doch einiges auf eine Vergiftung hin, die nichts mit Alkohol zu tun hat. Immerhin könnte es sein, dass Skripal noch an den Folgen stirbt.

Selbst wenn: In den letzten zwölf Jahren sind über ein Dutzend Russen im englischen Exil gestorben. Und ihr Tod hatte durchweg natürliche Ursachen. Nur mal einige Beispiele: Der Oligarch Beresowski hatte die vielen Weiber und Londoner Partys satt und hat sich deshalb erhängt. Der ehemalige Aeroflot-Manager Gluschkow starb, ich zitiere den Autopsie-Bericht: »durch Druckausübung auf das Genick« – ganz klar eine Folge der Wetterverhältnisse hier auf der Insel. Der Geschäftsmann Perepilichny starb an einer Gelsenium-Vergiftung, hat also vermutlich Haggis oder ein anderes Traditionsgericht gegessen. Wollen Sie deshalb das Wetter oder die britische Küche vor den internationalen Strafgerichtshof zerren?

Wenn Sie so fragen …

Und der Agent Litwinenko war mit den englischen Tee-Zeremonien nicht vertraut und hat sich aus Versehen Polonium in den Earl Grey gekippt. – Unser schönes Land bekommt den Russen einfach nicht.

Aber all diese Leute haben auf die ein oder andere Weise Putin in Frage gestellt. Ist es nicht unter anderem Sinn und Zweck eines Geheimdienstes, Kritiker mundtot zu machen?

Dass die Exil-Russen alle nicht gut auf Putin zu sprechen waren, lag nicht an Putin, sondern daran, dass sie unter dem Einfluss der westlichen Propaganda standen. Vor allem aber: Putin hat nach dem Agentenaustausch, der auch Skripal betraf, gesagt: »Die Verräter werden ins Gras beißen. Diese Leute haben ihre Freunde betrogen, ihre Waffenbrüder. Was auch immer sie dafür bekommen haben, an diesen dreißig Silberstücken, die man ihnen gab, werden sie ersticken.« Und er beschimpfte Skripal und die anderen indirekt als »Vieh« und »Schweine«. All das deutet darauf hin, dass Putin mit der angeblichen Vergiftung von Skripal nichts zu tun hat. Denn Putin wäre ja schön blöd, wenn er jemandem im Fernsehen öffentlich droht und ihn dann beseitigen lässt – dann würde ja jeder sofort denken, dass er etwas damit zu tun hat. So dumm ist Putin nicht. Der Mann war Geheimagent – »geheim«, verstehen Sie?

Jemand möchte also Putin die Sache anhängen, um den Westen gegen die Russen aufzuhetzen und einen Atomkrieg herbeizuführen?

Vorsicht! Das erscheint zwar auf den ersten Blick die logischste Möglichkeit, dieser Um kehrschluss ist aber nicht zwangsläufig richtig. Man muss aufpassen, hier nicht irgendwelchen ab - strusen Verschwörungstheorien auf den Leim zu gehen. Man muss schon bei den Fakten bleiben. Ist es zum Beispiel Zufall, dass Skripal gerade dann etwas zustößt, als seine Tochter zu Besuch ist? Statistisch gesehen werden die meisten Morde von Verwandten begangen. Nur weil einer mal Spion war, muss das nicht heißen, dass wir Erbstreitigkeiten oder andere familiäre Animositäten von vornherein ausschließen können.

Vielleicht fühlte sich Julia Skripal von ihrem Vater verraten, vielleicht hatte er ihr mal ein Pony versprochen und dann nur einen Hamster gekauft. – Indem sie sich selbst ebenfalls vergiftet hat, hat sie sich geschickt aus der Schusslinie gebracht. Dass sie sich so schnell wieder von der Giftattacke erholt hat, ist jedenfalls sehr verdächtig.

Wenn man russischen Medien glaubt, sind für die angebliche Vergiftung wahlweise die Schweden, die Tschechen, die USA oder die Deutschen verantwortlich. Welche Indizien sprechen für diese Theorien?

Dass es Deutschland war, halte ich für unwahrscheinlich. Die hätten Skripal nach Stuttgart eingeladen, um ihn dort langsam und qualvoll an Stickoxiden sterben zu lassen. Man muss sich fragen: Wer hatte ein Motiv? Abgesehen vom Mossad – der Mossad hat immer ein Motiv, weil der Jude immer irgendwelche geheimen Spielchen spielt. Also: Cui bono? Und da muss man sagen: Theresa May profitiert am meisten von dieser Situation. Mit diesem Thema kann sie bequem von ihren Problemen wie dem verkorksten Brexit und ihrem fürchterlichen Gesicht ablenken. Die britischen Geheimdienste haben schon wegen weniger gemordet. 2003 zum Beispiel hat Tony Blair Giftgasanlagen im Irak erfunden und einen Krieg angefangen, um davon abzulenken, dass keine einzige englische Mannschaft ins Champions-League-Halbfinale gekommen ist. Das ist mittlerweile bewiesen. Im Internet steht’s.

Wieso behauptete dann der Leiter des Labors, das die giftige Substanz untersucht hat, man könne nicht nachweisen, wo das Gift herkommt? Hätte man die Berichte nicht fälschen können?

Ja, aber nein, aber ja, aber … Äh.

Jetzt aber mal Butter bei die Fische, Herr Holmes: Wer war der Täter?

Ich lege mich fest: Baronin von Porz mit dem Kerzenleuchter im Musikzimmer.

Carlo Dippold

 

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