Hirsebrei oder Hundedurchfall – aus Heft 3/2018

HabeckRobert Habeck ist einer der beiden frisch gewählten Parteivorsitzenden der Grünen. Der linksgrün-verwuschelte Wuschelkopf dürfte der Partei nicht nur als Posterboy viele Stimmen bescheren. Auch programmatisch hat der Schriftsteller, schleswig-holsteinische Draußen-Minister einer Schwarz-gelb-grünen Landesregierung und radikale Extremist der linken Mitte einiges auf dem Kasten oder – besser gesagt – auf der Biogemüsekiste. Seine bloße Wahl hat schon das Klima positiv beeinflusst. Und wenn es nur das im Höschen von Tina Hassel war, der Chefin des ARD-Hauptstadtstudios, die nach der Wahl Habecks begeistert twitterte: »Frische #grüne Doppelspitze lässt Aufbruchsstimmung nicht nur in Frankreich spüren. #Habeck und #Baerbock werden wahrgenommen werden! #Verantwortung kann auch Spaß machen u nicht nur Bürde sein Wichtiges Signal in diesen Zeiten!«
Diese stilistisch fragwürdige Begeisterung muss Gründe haben. Wir haben Robert Habeck an seinem neuen Arbeitsplatz besucht …


»Wer ist diese Frau? Und wie kommt die hier rein?!«, schreit Robert Habeck erschrocken in seinem Büro in der Bundesgeschäftsstelle der Grünen in Berlin. Ein Mitarbeiter tuschelt ihm etwas ins Ohr. »Haha, kleiner Spaß, natürlich habe ich Annalena Bärbumms, meine Co-Parteivorsitzende bei den Grünen sofort erkannt«, sagt er beschwichtigend. Er lächelt sein charmant-spitzbübisches Grinsen und schiebt Dings, die sich selbst als »Frau an Roberts Seite« bezeichnete aus der Tür. Dann reibt er seine Hände an seiner Sweatjacke, als müsse er die Griffel nun sehr gründlich reinigen, und verzieht das Gesicht. – Humor, das ist eine neue Qualität, die es vorher bei grünen Parteivorsitzenden so nicht zu bestaunen gab.

Der geborene Lübecker hat die Gräben in seiner Partei vorerst befriedet wie ein Protestsong der 80er-Jahre den Kalten Krieg. Früher unterschied man innerhalb der Grünen die Mitglieder zwischen linken Fundis und realen Realos. Die Trennung war scharf wie die zwischen Plastikund Papiermüll. Habeck fühlt sich jedoch keiner der beiden Lager zugehörig. Er sieht sich schon irgendwie als links, möchte aber trotzdem alles daran setzen, mit der CDU zu regieren. Damit kommen sie in der Partei gut klar, weil man eben auch mal Kompromisse machen muss im Leben. Wer zum Beispiel ein geiles Flaschenpfand haben will, muss die Sozialsysteme abschaffen. Wo gehobelt wird, fallen recycelbare Späne …

Das Telefon klingelt. Habeck hebt ab. »Ja, Jürgen. Interessant, Jürgen. Auf Wiederhören Jürgen «, Habeck drückt seinen Gesprächspartner entnervt weg und sagt im Vertrauen: »Irgendwie habe ich immer ein schlechtes Gefühl, wenn der Trittin mit mir telefoniert. Keine Ahnung, woher das kommt. Kennen Sie den Film ›Agnes und seine Brüder‹, da gibt es so eine Szene … ?« Aber als Parteivorsitzender muss sich Habeck mit Trittin gut stellen, egal wie viele Schnauzbärte Letzterer trägt. Was für Außenstehende völlig abstrus klingt: Trittin gilt in seiner Partei als Linker. Hat man ihn auf seiner Seite, hat man auch den linken Parteiflügel unter Kontrolle. Den versucht Habeck mit wilden Parolen zu begeistern. Wie zum Beispiel dieser: »Nicht die Kapitalisierung des Humanen, sondern die Humanisierung des Kapitals. Das ist links sein heute.« Und dazu reicht es eigentlich schon, wenn man VW zwingt, ein paar Affen weniger zu vergasen.

Überhaupt ist das mit dem Linkssein so eine Sache … Auf Habecks Tisch liegen ein angegangener Hirsebrei und daneben ein Teller gefüllt mit dampfendem Hundedurchfall. Habeck reicht einen Löffel. »Dies ist ein Gleichnis«, sagt der Doktor der Philosophie und erläutert: »Bei dem Rechtsruck, der gerade abgeht in Europa, werden die Grünen ohne eigenes Zutun wieder attraktiver und auch linker! Wenn Björn Höcke zum Beispiel den Islam in der Türkei ausrotten möchte, fällt der erste deutsche Angriffskrieg nach 1945 unter unserer Federführung vergleichsweise okay aus. Denken Sie da mal drüber nach! Und jetzt wählen Sie!«, fordert er uns auf und drückt uns den Löffel in die Hand.

Habeck ist ein dynamischer Typ. In seinem Büro zeugen viele Fotos von seinen Aktivurlauben. Robert im friesischen Watt, Robert beim Bergwandern in den französischen Alpen oder Robert bei der Erkundung des bayrischen Lochs Seehofers. Habecks Devise ist, dass man beweglich bleiben sollte. Im Politischen heißt das, dass man gucken muss, was man in unterschied - lichen Konstellationen an grünen Forderungen durchsetzen kann. Nicht alles muss dabei funktionieren, was man schön bei Jamaika im Bund gesehen habe. Und natürlich könnte es sein, dass sich bei der ein oder anderen Entscheidung Hans-Christian Ströbele im Grabe umdreht. »Was? Der ist noch gar nicht tot? Dann ist er wohl untot!« Habeck lacht. Spaß beiseite, es komme eben auf das Konkrete an.

Das Konkrete will er am Beispiel der Linkspartei konkretisieren. Die sei gar nicht mehr links, weil Wagenknecht und ihr Lover-Taine die Grenzen dicht machen wollen. Was kommt als nächstes? Fordert Wagenknecht eine Obergrenze für Flüchtlinge? Plant sie, den Asylbewerbern die Sozialleistungen zu kürzen? Beauftragt sie Dobrindt, eine konservative Revolution auszurufen? Oder geht sie beim nächsten Karneval mit Markus Söder als Liebknecht und Luxemburg? Vielleicht. Und deshalb sei es gut, dass es mit der Union einen alternativen Koalitionspartner gibt, falls Rot-rot-grün nicht funktioniert, gibt Habeck zu bedenken.

Habeck ist an den kleinen Schritten, an den kleinen Erfolgen interessiert. Wenn er wieder mal bei Anne Will eingeladen ist, dann nimmt er sich gern Tupperdosen mit, in denen er das Catering vor dem Müll bewahrt. »Das ist nachhaltig und mein Büro lebt von den Resten eine ganze Woche«, sagt er stolz und bedeutet seiner Mitarbeiterin mit der ihm eigenen lässigen Gestik, den Raum zu verlassen, um sich andernorts zu übergeben.

Für diese Lockerheit lieben ihn die Medien. Der Mann ist »spannend«, und Habeck möchte es bleiben. Er zeigt stolz auf ein Konzept, das er ausgearbeitet hat: Falls es mit der Großen Koalition nichts wird, dann bliebe immer noch die Option auf Schwarz-blau-grün. »Da müsste nicht nur die Storch, sondern auch wir Grünen so manche Kröte schlucken«, gibt Habeck zu bedenken. Letztlich käme es aber darauf an, was man an grüner Programmatik in einer möglichen Koalition durchsetzen könnte. Klimaneutrale Abschiebungen, der Lovi-Day bei Pegida, wo alle Teilnehmer einmal im Monat gesetzlich verpflichtet werden, keine Ausländer zu hassen, und ein Pfand auf Brandsätze in Flüchtlingsunterkünften. Das müsste doch vielleicht auch mit der AfD zu machen sein.

Und die Humanisierung der AfD, das würde nun wirklich links sein bedeuten.

Andreas Koristka
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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