Gib dem Affen Stickstoff – aus Heft 3/2018

Mehrere deutsche Automobilhersteller wurden kürzlich für wissenschaftlich nutzlose Tier- und Menschenversuche kritisiert, mit denen sie die Unbedenklichkeit von Autoabgasen beweisen wollten. EULENSPIEGEL sprach mit einem der an der Untersuchung beteiligten Wissenschaftler.



Herr Professor Dr. Dr. Dr. Schmitt, können Sie kurz erläutern, was Sie hier in Ihrem Institut tun?

Wir führen wissenschaftliche Tests aller Art durch und arbeiten dabei hauptsächlich für die Automobilindustrie. Das hat in erster Linie wissenschaftliche Gründe. Über ein kompliziertes Ausschlussverfahren konnten wir nämlich herausfinden, dass die von uns gestellten Rechnungen für unsere Untersuchun gen von den Auftraggebern umso großzügiger beglichen wurden, je stärker unsere Messergebnisse mit den zuvor von den Auftraggebern formulierten Hypothesen korrelierten. Das war zwar zu erwarten, die Automobilindustrie allerdings übertraf in dieser Hinsicht unsere Erwartungen deutlich. Stichwort: brasilianische Nutten.

Sind die bei den Autoherstellern nicht traditionell den Gewerkschaftsfunktionären vorbehalten?

Das war früher mal so. Anders als man es aufgrund des sehr schleppend bis gar nicht vonstatten gehenden Wandels zur Elektromobilität vermuten könnte, ist die Auto-Branche in diesem Punkt sehr flexibel, investitionsfreudig und innovativ.

Können Sie den von der Öffentlichkeit beanstandeten Versuchsaufbau kurz erläutern?

Das war eine banale Inhalationsstudie und im Grunde ganz einfach.
1. Schritt: Auto an, Gang raus, Handbremse rein, Fahrertür öffnen, ein Fenster leicht geöffnet lassen. 2. Schritt: Eine Kiste Bananen auf den Rücksitz stellen, die zehn Affen aus den Käfigen lassen und warten, bis alle im Auto sind. 3. Schritt: Fahrertür schließen, einen Schlauch vom Auspuff durch das leicht geöffnete Fenster ins Wageninnere legen. 4. Schritt: Vier Stunden warten und gucken, was passiert. – Ein Experiment von unschätzbarem Wert für das gesamte
Wissen der Menschheit!

Wie waren die Ergebnisse?

Uneindeutig. Bereits beim zweiten Schritt traten unerwartet Probleme auf, die im Nachhinein betrachtet auf schlechtes Timing zurückgeführt werden müssen. So zeigte sich, dass Affen ihre Präferenz für Bananen ablegen, sobald Mitarbeiter eines Catering-Betriebes zwei Dutzend Schnittchenplatten auffahren, die ursprünglich für Wissenschaftler vorgesehen waren, die sich auf eine vierstündige Wartezeit einstellen.

Ärgerlich.

Es kam tatsächlich zu einigen unwissenschaftlichen Szenen, auf die wir nicht stolz sind.

Ich kenne das Youtube-Video, Herr Schmitt. Es waren noch viele Lachsschnittchen da, Sie hätten das Tablett mit den Wachteleier- Canapés ruhig dem Affen überlassen können.

Ich möchte nicht darüber reden.

Was viele Menschen interessiert: Was wurde im Anschluss aus den zehn Affen?

Sie wurden an das Germanistik-Institut der Uni Duisburg-Essen verkauft, wo sie das »Infinite-Monkey-Theorem« bestätigen sollen. Dieses Theorem besagt, dass wenn man Affen endlos auf Schreibmaschinen herumtippen lässt, irgendwann – alleine aufgrund statistischer Zufallswahrscheinlichkeiten – sämtliche großen Werke der deutschsprachigen Literatur entstehen. So weit ich von den Kollegen dort richtig informiert bin, kommen dabei jedoch immer nur Romane von Sebastian Fitzek heraus. Im Schnitt alle zwei Tage einer.

Barbarisch!

Was haben Sie von Geisteswissenschaftlern erwartet? Immerhin müssen die Affen das Zeug nicht lesen, sondern nur schreiben.

Woran arbeiten Sie gerade?

Dort drüben führen wir momentan eine in der Automobilindustrie geradezu klassische Kontaktstudie durch. Als Probanden verwenden wir in diesem Fall Rehkitze. Der Versuchsaufbau ist recht schnell erklärt. Die kleinen Bambis werden am Hals mittels eines 1,5 m langen Hanfseils von 12 mm Dicke an eine im Boden einbetonierte Eisenstange gebunden. Vor dem Reh positioniert sich einer unserer Doktoranden mit einer sogenannten Prüflatte. Die Prüflatte ist 80 cm lang – sie erinnert in ihrer Form ein wenig an einen Cricketschläger – und ist in der Konsistenz einer Stoßstange nachempfunden. Sodann beschleunigt der Doktorand die Prüflatte und bewegt sie im regelmäßigen Abstand von einer Sekunde immer wieder auf das Rehkitz zu, so dass die Latte mit 1000 Newton oder – wissenschaftlich korrekt ausgedrückt: mit Schmackes in Kontakt mit der Schädeldecke des Versuchstiers tritt.

Ist das nicht schmerzhaft?

Zum einen tragen unsere Doktoranden gut gepolsterte Arbeitshandschuhe, zum anderen bestehen die Prüflatten – wie eben auch Stoßstangen – aus relativ leichtem Plastik, das schnell nachgibt. Vor allem aber ist Schmerz äußerst subjektiv und muss daher aus rein professionellen Gründen ausgeklammert werden.

Tierschützer könnten an dieser Stelle aber vielleicht doch den ein oder anderen Einwand vorbringen.

Sie haben recht. Da sich die mit den Rehkitzen gewonnenen Ergebnisse nicht einfach so übertragen lassen, führen wir diese Kontaktstudie natürlich auch an anderen Arten durch. Das ist nur fair. Und tatsächlich reagieren die Probandengruppen unterschiedlich. Paviane, Schäferhunde und Jugendliche zum Beispiel werden im Verlauf des Experiments zunehmend unleidlich, Bisons dagegen zeigen keine messbaren Veränderungen in ihrem Verhalten.

Und die Rehe?

In 20 Prozent der Fälle ermüdet der Doktorand, bekommt Blasen an den Händen oder muss aufs Klo und bricht das Experiment ab, während das Rehkitz arttypisches Fluchtverhalten an den Tag zu legen versucht. In fünf Prozent der Fälle ist dies von Erfolg gekrönt, das heißt, das Rehkitz reißt sich los und muss dann leider erschossen werden.

Wieso das denn?

Wir können in einer hochtechnisierten wissenschaftlichen Einrichtung doch nicht unkontrolliert irgendwelche Wildtiere rumlaufen lassen! Wie sind Sie denn drauf?

Verzeihung. Und weiter?

In 75 Prozent der Fälle schränkt nach einer Weile das Reh seine sonst zum Teil eher hektischen Bewegungen auf ein Minimum ein. Nicht selten geht diese Verhaltensänderung einher mit dem Auftreten einer roten Flüssigkeit, die sukzessive aus Körperöffnungen des Rehs sickert.

Es geht also kaputt?

Laienhaft ausgedrückt, ja. Der Fachmann spricht von dauerhaft eintretender Immobilität. Das Erstaunliche aber ist, dass letztgenannte Symptome zu beinahe 100 Prozent und in signifikant kürzerer Zeitspanne auftreten, sobald die Prüflatte vor der Beschleunigung und dem Kontakt mit der Schädeldecke an die Frontseite eines Kraftfahrzeugs montiert wurde.

Interessant und unerwartet.

Allerdings! Zweifelsfrei erwiesen ist nämlich somit, dass das Material der Stoßstange nicht oder zumindest nicht allein Auslöser der am Reh auftretenden Defekte ist. – Weshalb das so ist, ist noch nicht abschließend geklärt und deshalb auch Gegenstand aktueller Untersuchungen.

»Schädel«, »Latte«, »Klo« – das klingt alles doch sehr akademisch. Wie praxisnah sind solche Untersuchungen überhaupt?

Die Praxistauglichkeit hat sich beispielsweise bei dem mittlerweile berühmten Elchtest gezeigt. Als man damals feststellte, dass Autos einem Elch nicht ausweichen können, wurden Fahrzeuge entwickelt, die einem Elch nicht mehr ausweichen müssen. Im täglichen Stadtverkehr zweifellos ein Zugewinn an Lebensqualität, den keiner mehr missen möchte.

Woran arbeiten Sie sonst noch?

Seit Jahrzehnten schon arbeiten wir an einer großangelegten Langzeitstudie mit Millionen von Probanden. Die Fragestellung lautet: Wie lange lässt sich der Konsument von der Autoindustrie in den Arsch ficken, bevor er zu Fuß geht? Wir erwarten die ersten Ergebnisse Ende Mai 2053.

Werden Sie Ihre Untersuchungsmethoden aufgrund der Kritik ändern?

Ja. Wir haben einen Ethik-Codex erarbeitet, an dem wir uns von nun an orientieren. Im Kern besteht er aus einer Regel: Wenn die Vorstände der Automobilhersteller den Bundesverkehrsminister dazu überreden können, das Versuchstier bei einem Experiment zu ersetzen, ist es ethisch unbedenklich. Im Grunde ist also ab sofort alles erlaubt, was den Autokonzernen dient.

Gregor Füller

 

---Anzeige---