Ein Papst wie du und ich – aus Heft 2/2018



franzlgrEr gebietet über eine Milliarde Gläubige, istStaatsoberhaupt, Chef einer Unternehmung mit über einer Million Angestellten und einem geschätzten weltweiten Vermögen von zwei Billionen Euro – und er kommt mit einem Kinder-Tretroller zur Arbeit. Jorge Mario Bergoglio oder Papst Franziskus, wie er sich von allen scherzhaft nennen lässt, hat in seiner fast fünfjährigen Amtszeit eine der Weltreligionen revolutioniert. Die römisch-katholische Kirche ist unter seiner Regie herzlicher, offener, fluffiger geworden.

Eine seiner herausragenden Neuerungen: Wiederverheiratete dürfen an der Eucharistie teilnehmen. Sie können nun also unbehelligt in der Kirche ihre Oblate zu sich nehmen, ohne auf der Stelle vom Blitz getroffen zu werden, wie es bis dato vorgeschrieben war. – Eine Sensation! Auch die Bekleidungsvorschriften der Angestellten wurden gelockert. Die Kleider der Priester im Vatikan dürfen neuerdings gerne schon über dem Knie enden. Und wenn eine Nonne schwanger wird, darf sie zwar nach wie vor nicht abtreiben, sollte sie aber im achten Monat unerwartet die Treppe runterfallen, wird der Abgang unter göttlichem Willen verbucht. So liberal und weltoffen war der Katholizismus noch nie. Der nächste Punkt auf Bergoglios Agenda ist die Liberalisierung der Zehn Gebote. Erste Ergebnisse – »Du sollst Vater und Mutter ehren, es sei denn sie haben bei deiner Erziehung echt Mist gebaut« – liegen bereits vor und sollen demnächst in einer Enzyklika vorgestellt werden.

Nicht nur auf theologischer Ebene bricht Franziskus alte Verkrustungen auf. So hatte beispielsweise sein Vorgänger, der Deutsche Joseph Aloisius Ratzinger (Spitzname Benedikt XVI.), die korrupte Kurie nicht bändigen können. Die Finanzgeschäfte der Kirche und der firmeneigenen Bank waren intransparent und bewegten sich oft an der Grenze zur Illegalität. Damit hat Franziskus mittlerweile aufgeräumt. Er hat die Geschäftsbücher in Ordnung gebracht, die Jahrhunderte alten Verknüpfungen zur Mafia gekappt, die Geschäfte mit Despoten und Kinder mordenden Kondomherstellern eingestellt und weitere, auch teils eher persönliche Altlasten seines Vorgängers beseitigt. Im Schlafgemach, so erzählen es Insider, prangte direkt über dem päpstlichen Bett ein großer Weihwasserfleck an der Decke, den Benedikt nicht hatte entfernen lassen, weil er darin ein lebensgroßes und überraschend detailreiches Abbild der Heiligen Tera Patrick erkannt hatte. Schon am ersten Tag aber fuhr der Neue mit seinem Tretroller zum Baumarkt, kaufte Isolierfarbe und übermalte den Fleck, der seitdem nicht wieder aufgetaucht ist.

Wer bereits versucht hat, einen Wasserfleck zu übermalen, weiß: Was für eine Tat! Eine, die als das erste von ihm bewirkte Wunder gilt, weshalb Bergoglio nach seinem Tod auf eine zügige Heiligsprechung hoffen darf.

Am meisten jedoch begeistern Bergoglios demonstrative Bescheidenheit und Demut. Monatelange Aufenthalte in Golf- und Spa-Resorts sind ihm ebenso fremd wie kiloweise Blattgold zum Frühstück, Trakehnerzucht und der Wunsch nach einer eigenen Atombombe. Man erinnere sich an frühere Päpste! Extravagante Hallodris wie Johannes Paul II., der nachts gerne mal mit einem Lamborghini durch Roms enge Gassen bretterte und dabei massenweise Letzte Ölungen durchs offene Verdeck verteilte. Luxusverwöhnte Faulenzer wie Pius IX., der neben Netflix noch sage und schreibe zwei weitere Streamingdienste abonniert hatte. Oder Ragnarök III., der Erfinder des Klingelstreichs und heroinabhängige Massenvergewaltiger, der sich nach seinem Tod als rasierter Orang-Utan herausstellte.

Dass mit dieser Tradition Schluss sein würde, zeigte schon Bergoglios Spitzname, den er – anders als an Schulen oder am Arbeitsplatz üblich – sich selbst verlieh: Er benannte sich nach dem Heiligen Franz von Assisi. Dieser steht für eine Kirche der Armen und Unterdrückten, für Umweltbewusstsein und gute Gespräche mit den Tieren des Waldes. Diese Namensgebung war ein Wink an alle Gläubigen in der Welt. Er sagte: Ich bin einer von euch – demütig, bescheiden, und schon aus rein logischen Gründen nicht päpstlicher als der Papst.

Seine täglichen Handlungen spiegeln diese Einstellung wider. Eine Tasse Kaffee, eine Zigarette und zwei Ave Maria – mehr braucht Franziskus meist nicht, um morgens auf Touren zu kommen. Nach einem Bad, wenn es schnell gehen muss auch mal nur einer Dusche in der Menge, fährt er auf seinem Tretroller zur Frühmesse.

Manchmal wird er dabei aufgehalten, muss quasi im Vorbeigehen schmutzige Pilgerfüße waschen und eincremen, leprakranken Kindern die ihm entgegengehaltenen Gliedmaßen küssen, Aussätzigen ein paar Pickel ausdrücken oder einem armen Sünder beim Umzug helfen.

Nach der Messe rollt er meist in einen Vorort Roms zu einem Großraumbüro, in dem sich jeder für kleines Geld einen Büroplatz mieten kann – sein Arbeitszimmer im Vatikan hat er einer christlichen Punkband als Proberaum überlassen. Die meisten Geschäfte erledigt Franziskus am Telefon. Er hat schon mit den Astronauten auf der ISS telefoniert und Gläubige, die ihm Briefe geschrieben hatten, spontan angerufen. Legendär ist sein Anruf beim damaligen Bundespräsidenten Gauck, der auf der Stelle den Hörer neben das Telefon legte und stundenlang aufgeregt über die Flure des Schlosses Bellevue lief, um lauthals (und vergeblich) nach jemandem zu suchen, der Reinsch heißt.

Nach der Mittags- und der Nachmittagsmesse, der Vorabendandacht, zwei, drei Exorzismen, der Abendmesse, der Spätabendmesse und der Mitternachtsandacht ist meist auch schon Feierabend. Dann gönnt Franziskus sich oft noch in »Oberin Uschi’s Bierstüberl«, der legendären Gewölbe- Kneipe unter der Sixtinischen Kapelle, drei, vier schlichte Herrengedecke.

Seine Beliebtheit ruft selbstverständlich zahllose Neider auf den Plan. Kritiker werfen ihm vor, ein wenig wie Donald Trump zu sein und es mit der Wahrheit nicht ganz so ernst zu nehmen. So behauptete Bergoglio vor kurzem, ein überirdisches Wesen habe mit einer Frau ein Kind gezeugt, das als Erwachsener hingerichtet wurde, um die Menschheit zu erlösen. Fakten blieb er der Öffentlichkeit schuldig. Wie bei Trump waren auch hier schnell Psychologen gefunden, die bereitwillig Ferndiagnosen stellten, die auf die Befunde »Neurose«, »infantiles Abwehrverhalten « oder »Plemplem« hinausliefen. Doch ist ein kleiner Spleen, ist die ein oder andere fixe Idee wirklich ein Grund, weshalb einer nicht dennoch ein guter Papst sein kann?

Letztlich ist es nämlich auch mit Franziskus wie mit Trump: Die Leute mögen ihn und haben ihn deshalb gewählt. Denn Franziskus steht für eine Kirche, die sich gegen das Establishment richtet, gegen die beziehungsweise den da oben. Franziskus steht für Normalität und gegen die Elite. Er wäscht seine Soutane und Messgewänder selbst, er verzichtet weitestgehend auf Schminke, geht bei Penny einkaufen und lässt sich die Haare von seiner Frau schneiden. Kurz, Franziskus ist ein Papst wie du und ich. Preiset diesen Herrn!

Gregor Füller

 

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