Und zack wäre Gauland Reichskanzler! – aus Heft 1/2018

Das Ergebnis der Bundestagswahl und die daraus resultierenden Schwierigkeiten bei der Regierungsbildung haben ein Machtvakuum hinterlassen, das von einer nur geschäftsführend tätigen Bundesregierung nicht ausgefüllt werden kann. Das Land und seine Bevölkerung sind alleine. Führerlos dümpelt das Dieselschiff Deutschland auf den Wogen der Zeit. Weit und breit ist kein Kapitän in Sicht, der das Ruder in die Hand nehmen könnte. Wie geht das Land mit dieser schweren Krise um?


Berlin. Seit Stunden irrt Sören Klebrig schon durch die Flure verschiedenster Ministerien und Regierungsgebäude, doch keiner dort will sich mit ihm unterhalten. »Das Hinauszögern einer Regierungsbildung grenzt schon an Arbeitsverweigerung. Ein inakzeptables, unkollegiales Verhalten, finde ich«, findet der oberste Politikerberater des Bundesverbandes der pharmazeutischen Industrie. Sein sonst so gepflegtes Erscheinungsbild hat stark unter dem Stress gelitten – sein Anzug ist seit zwei Wochen aus der Mode, und er war schon seit vier Tagen nicht beim Friseur. »Ich weiß nicht, an wen ich mich noch wenden soll«, sagt Klebrig. Tränen treten ihm in die Augen. Beschämt wendet er sich ab und schluckt ein paar Antidepressiva aus seinem Probeköfferchen. »Niemand fühlt sich für meine Anliegen zuständig, weil niemand weiß, wie lange er noch im Ministerium arbeitet.

Dabei gibt es viele strenge Beschränkungen für die Pharmaindustrie, die zeitnah gelockert werden müssten. – Angela Merkels marktkonforme Demokratie«, sagt Klebrig, »funktioniert eben nur mit Demokratie.«

Stuttgart. Maik-Kevin von und zu Habsburg-Lothringen sitzt bei seinem Lieblingsitaliener in einer Einkaufspassage. »Machst du mir noch ein Bier, Vapiano?«, fragt er einen Mitarbeiter hinter dem Tresen. »Hach, der Vapiano macht halt immer noch die beste Pizza in der ganzen Stadt.«

Zu Habsburg-Lothringen ist in aufgeräumter Stimmung, und das nicht erst seit dem fünften Bier. »›Geschäftsführende Kanzlerin‹ – das klingt schon nach Tod und Verwesung«, sagt er. »Und jetzt, wo die Merkel nicht mehr im Amt ist, geht’s dem Land auch schon viel besser: weniger Ausländer auf der Straße als sonst, hab ich das Gefühl. Und die, die da sind, gucken ziemlich schuldbewusst. Gell, Vapiano? Ach, der Vapiano, der weiß schon, dass er nicht gemeint ist. Es gibt ja auch immer ein paar, die ordentlich schaffen.«

Als Ingenieur bei Mercedes ist zu Habsburg-Lothringen für die Software zuständig, die Treibstoff aus dem Tank ablässt, sobald das Auto durch sogenanntes vorausschauendes und achtsames Fahren unter zehn Liter pro hundert Kilometer verbraucht. »Ein bisschen enttäuscht bin ich lediglich von meinen Partei-Kameraden in Berlin«, gesteht er. »Diese Lücke der Macht müsste unsere Bewegung sofort füllen und die aktuelle Verwirrung, wenn kaum einer im Reichstag sitzt, für eine spontane Kanzlerwahl nutzen – und zack wäre der Gauland Reichskanzler.« Er bestellt einen Grappa aufs Haus und fährt fort: »›Regierungsfähig erst in ein paar Jahren, wenn wir stärker geworden sind‹ – bla, bla, bla. Das ist mir alles zu verzagt.« Doch zu Habsburg-Lothringen will sich die Laune nicht verderben lassen. »Auf die regierungslose Zeit!«, ruft er. »Heil Hitler! Und danke, Merkel! Aber echt jetzt.«

Er steht auf, legt eine Handvoll Bitcoins auf den Tresen und kramt in seiner Jacke. »Wo hab ich denn die Autoschlüssel? Mutter wartet zu Hause mit dem Essen«, erklärt er. »Hier sind sie ja. Mal sehen, ob ich die 500 Meter ausnahmsweise mal unfallfrei schaffe. Haha. Drecks-Radfahrer.«

Würselen. Vor dem Haus von Martin Schulz steht ein Pulk Fotografen. Auch einige SPD-Anhänger haben sich versammelt. »Martin, jetzt komm doch raus!«, rufen sie, die Reporter: »Herr Schulz, ein kurzes Statement nur, bitte!« Nach einiger Zeit öffnet sich ein Fenster im ersten Stock. Zu sehen ist allerdings niemand, lediglich der Vorhang wackelt. »Hier wohnt kein Martin Chulz!«, ruft ein Unbekannter mit merkwürdiger Fiepsstimme. Reporter und SPD-Anhänger schau en sich achselzuckend um. »Ach so?« – Nach und nach löst sich die verdutzte Menge auf und verschwindet in der sich schnell ausbreitenden winterlichen Dunkelheit.

Detmold. Jean-Klaus Hernandez-Johnson ist einer der führenden Köpfe der Detmolder Startup-Szene. In Holzfällerhemd und kurzer Hose sitzt er auf einem Gymnastikball und massiert sich die Reste eines Chai-Latte in seinen Zwirbelbart. »Die Künstliche Intelligenz, die wir hier programmieren, basiert hauptsächlich auf Aussagen von besonders erfolgreichen Politikern wie Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Markus Söder«, erklärt Hernandez-Johnson. »Das Programm erkennt und analysiert die darin enthaltenen Denkmuster, errechnet daraus die für zukünftige Wahlerfolge vielversprechendsten Aussagen und brennt dann alles auf DVD. Oder so ähnlich. Zur Gänze habe ich die Sache selbst noch nicht verstanden.«

Der Norweger mit samoanischen Wurzeln ist sich sicher, dass diese Art Künstlicher Intelligenz (KI) bald sämtliche Politiker wird ersetzen können.

»KI – KanzlerIn« heißt dementsprechend seine Firma. Parteien würden mit dieser Technik überflüssig, glaubt Hernandez-Johnson. Wahlen würden dennoch nicht obsolet. »Schließlich müsste man immer noch demokratisch entscheiden, ob die KI von Google, Apple oder Facebook Kanzler werden soll. Ich sehe diese regierungsfreie Zeit als große Chance, dass am Ende mal jemand regiert, der nur von Vernunft und nicht von persönlichen Interessen geleitet ist.«

Lübbenau. Maybrit Illner blickt in ein dunkles Nichts. Sie bibbert, schaut sich hilfesuchend um, starrt dann wieder ins Schwarze. Panisch weiten sich ihre Pupillen. Hinter ihr schreien Kinder. Sie hätte nicht hier hoch kommen sollen, denkt sie.

»Los! Spring schon, Oma! Grüner wird’s nicht«, ruft ein etwa zehnjähriger Junge mit einer tätowierten »88« auf dem Oberarm. Dann geht ein Ruck durch die Talkshowmasterin des ZDF. Deutschland ist ohne Regierung, denkt sie. Sie lässt die Griffe los und stürzt sich in die dunkle Tiefe …

»Krasse Scheiße«, sagt die Moderatorin, als sie aus der Wasserrutsche steigt und von zwei Jungen, die ihr in die Hacken rutschen, noch mal umgerissen wird. »Weg da, Oma!« Die beiden Jungs sind schon wieder unterwegs in Richtung Treppe. »Eine völlig schwarze Röhre«, schwärmt Illner, als sie wieder zu sich kommt. »Man rutscht in die Tiefe, schlägt mit dem Kopf immer wieder gegen die Wand und sieht dabei nichts, wirklich gar nichts. Toll!« Ob sie vor Angst während des Rutsches eingepullert hat, will sie nicht sagen.

Sie legt sich auf die einzige freie Liege und reibt ihre vom Chlor geröteten Augen. »Ob es für solche Wasserrutschen gesetzliche Regelungen gibt? Falls nicht, wer soll sich nun darum kümmern? Das geht doch ohne Regierung nicht. Die Regierung beschließt doch die Gesetze, so weit ich weiß. Wie lange soll dieser Zustand denn noch anhalten?«, fragt sie resigniert, doch die Mittdreißigerin, die neben ihr liegt, ist mit ihren zwei schreienden Enkeln in den Armen eingeschlafen.

»Die letzten Regierungen haben doch hervorragende Arbeit geleistet«, ruft Illner, um das mannigfach von den Glaswänden wider hallende Geschrei zu übertönen. »Ich verstehe nicht, dass sich niemand findet, der aufbauend auf dieser Basis Deutschland noch schöner machen will. Das regt mich ziemlich auf. Und immer wenn ich mich aufrege, gehe ich zum Entspannen in ein Spaßbad, um ein paar ruhige Bahnen im Wellenbecken zu schwimmen. Aber vorher muss ich was essen.« Sie steht auf und zwängt sich zwischen den ausnahmslos massiv übergewichtigen Gästen hindurch zum Imbiss. Zwölf mit Runen-Tattoos überzogene Kinder rennen kreischend an ihr vorbei, rutschen allesamt in der Kurve aus, schlagen mit Knie, Ellbogen oder Gesicht auf die Fliesen und rennen blutend weiter.

»Dieser Kampfgeist angesichts der schwierigen politischen Lage – das gibt mir Kraft. Einmal Currywurst mit Extrapommes, ein kleiner Eimer Cola und ein Bum-Bum-Eis, bitte!« Mit ihrer Bestellung auf dem Tablett sucht Illner einen freien Sitzplatz. Ein Mädchen mit dem großflächig tätowierten Gesicht ihrer Mutter auf dem Rücken hat ihre Füße auf den Hocker neben sich gelegt.

»Darf ich mich zu dir setzen, süße Maus?«, fragt Illner. »Dumme Fotze«, murmelt das Mädchen, rennt davon und macht eine Arschbombe ins Genick eines circa 30-jährigen, glatzköpfigen Frührentners. »Naja, die Pubertät«, sagt Illner. »Ich war genauso.« Verträumt liest sie die tätowierte Inschrift auf dem Bein des Kindes, das seine mit Mayonnaise verschmierten Hände an ihrem Badeanzug abwischt. »›Scheiß Regierung!‹, steht da«, sagt sie.
»Vielleicht hat das Kind recht. Ich werde das in meiner nächsten Sendung mal mit Peter Altmaier und Cem Özdemir bereden.

Fazit: Deutschland ohne Regierung – kann das gutgehen? Stimmen Sie auf Facebook darüber ab, liebe Leser!

Gregor Füller

 

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