Die Heilhand von der Säbener Straße – aus Heft 1/2018



mayer-wohlfahrtgrHans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt stammt aus einer alten ostfriesischen Kaufmannsfamilie, die bereits vor 150 Jahren erfolgreich mit Wattwurmeintopf, Seeluft zum Einreiben und Bindestrichen handelte. »Aber nicht nur das Kaufmännische, sondern auch das Medizinische wurde mir gewissermaßen in die Wiege gelegt«, berichtet MW. »Mein Ur-Ur-Großvater ist zum Beispiel als Erster auf die Idee gekommen, Kniebeschwerden durch Amputationen zu heilen.

Und das, obwohl er eigentlich Schlachter war. Aber was heißt hier ›obwohl‹?«, lacht MW. »Papa!«, stöhnt Tochter Maren, die von ihrem Vater aufgrund des gescheiterten Versuchs, ihren Lebensunterhalt als Freundin von Lothar Matthäus zu bestreiten, gern »Betthupferl« genannt wird. »Du bist mal wieder der Einzigste, der das lustig findet!« – »Es heißt ›der Einzige‹, meine Einzigste!«, gibt MW launig zurück. »Im Übrigen könntest du ruhig mal mitlachen, schließlich finanziere ich deine Schmuckdesigner-Karriere!« Eine kleine Ungenauigkeit, wie er sogleich selbst feststellt, denn Maren ist gar nicht Schmuckdesignerin; sondern nichts. »Sorry, manchmal verwechsle ich sie halt mit Sandy Meyer-Wölden. Oder mit Gerhard Mayer-Vorfelder. Ich bin eben viel beschäftigt.«

Schon in jungen Jahren wurde es dem um
triebigen Jungarzt in der Heimat zu eng. Er ging erst nach Berlin, später nach München, wo er praktisch bei Null anfing. »In München fing ich praktisch bei Null an«, formuliert MW mit eigenen Worten seine Erinnerungen an diese entbehrungsreiche Zeit. »Es war schon hart, am ersten Morgen keine frischen Austern zum Frühstück zu haben!« Die kamen erst sehr viel später auf den Tisch. »Das muss so gegen elf gewesen sein.«

Gerühmt wird MW für seine Fähigkeiten, Muskelverletzungen zu ertasten. »Ich brauche kein MRT und keinen Ultraschall, das ist alles in meinen Fingern serienmäßig eingebaut. Sehen Sie mal!« Er richtet seinen Zeigefinger auf eine mehrere Meter entfernt am Fenster sitzende Fliege, die augenblicklich zu einem schwarzen Kügelchen verschmort. »Schon geheilt!«, lacht er zufrieden.

Zudem verabreicht er geheimnisvolle Injektionen, die wahre Wunder bewirken. Aber was heißt schon geheimnisvoll. »Es wird injiziert, was gerade da ist«, schmunzelt MW. »Das kann irgendeine Medizin sein, aber auch Mundwasser oder Eigenurin. Irgendwann ist es eh ausgeschwitzt! « – »Wessen Eigenurin, Herr Doktor?« – »Ja, manchmal springe ich bei der Bereitstellung auch persönlich ein. Meine Berufung ist es nun einmal zu helfen.«

Die Praxis von MW in der Münchner Innen - stadt ist mit 1600 Quadratmetern kaum größer als eben diese Innenstadt. Dort behandelt er seine prominenten Patienten, die aus aller Welt zu ihm kommen. Usain Bolt, Boris Becker, Bruce Springsteen. »Im Grunde ist aber auch jeder, der in München was zählt, durch meine Hände gegangen «, berichtet er nicht ohne Stolz. »Nur der Führer, der ist damals dem Dr. Morell treu geblieben.

Dabei hätte ich ›Heil Hitler!‹ wirklich umsetzen können!« Klingt da ein wenig Neid an? MW weist das entschieden von sich: »Allein wenn ich mir anschaue, welche Schwierigkeiten der Kollege nach dem Zusammenbruch 1945 hatte …«

Seine freie Zeit verbringt MW, der nicht gern in der Öffentlichkeit steht – es genügt ihm völlig, wenn Presse, Funk und Fernsehen täglich über ihn berichten –, am liebsten im Sonnenstudio. Ist das nicht gefährlich für die Haut? »Ach was!«, winkt er lachend ab. »Ich creme sie regelmäßig mit Collonil-Schuhwichse hellbraun ein, da kann gar nichts passieren!« Die Schuhwichse hat er auch im Portfolio seiner Firma, die mit Nahrungsergänzungsmitteln und Kosmetika handelt. »Bei uns heißt es natürlich nicht Schuhwichse, sondern Hautpflege. Kostet dann auch ein bisschen mehr, der Kunde will schließlich Qualität für sein Geld.« Als er mit dem FC Bayern noch per Du war, warb man dort auf allen Kanälen für die Quacksalben und Pülverchen des Doktors, so dass der eigentliche Unternehmenszweck, die kostenpflichtige Verfertigung und der Vertrieb von Fußballunterhaltung, dahinter kaum noch zu erkennen war.

Beim FC Bayern lief es lange Jahre wie geschmiert. Gemeinsam hüpfte man von einer Meisterschüssel in die nächste. Den ersten Krach gab es 2008 mit Rennsemmel und Trainerdarsteller Jürgen Klinsmann, der es in seiner Zeit als Profi mit Demonstrativ-Sturzflügen und Dramolett
-Überschlägen bei günstigen Windverhältnissen bis aufs Dach der Ehrentribüne schaffte, damit der Schiri auch wirklich sah, dass er gefoult worden war. Klinsmann mobbte MW weg, bekam bald darauf selbst den Blauen Brief, angeblich weil sich seine Taktikkenntnisse darin erschöpften, dass er sich die Zahl der auflaufenden Spieler merken konnte, jedenfalls ungefähr. Als er aber einmal eine »Startacht« aufs Feld schicken wollte, hatten die Verantwortlichen die Nase voll. Wer sind »die Verantwortlichen«? Ist es MW egal, wer unter ihm Cheftrainer ist? Der Doktor lächelt fein, entblößt sein Gesäß und injiziert sich intramuskulär eine honigfarbene Substanz. »Dazu sage ich gar nichts!«

Das Jahr 2015 war der vorläufige Tiefpunkt in der Karriere des charismatischen Heilhändebesitzers. Beim FC Bayern München lagen dank seines Wirkens bis auf zwei Kartenabreißer und den Ersatzzeugwart praktisch sämtliche Vereinsmitglieder im Sterben. Beim Spiel gegen Werder Bremen sollten darum sogar die Hoeneß-Brüder auflaufen, was nur daran scheiterte, dass Uli damals noch keinen Freigang hatte. Bayern-Trainer Pep Guardiola hatte genug von MW und ließ ihn rausschmeißen.

Warum es zwischen ihm und Guardiola nicht klappte? »Medizinische Gründe können es nicht gewesen sein. Ich nehme an, es war Haarneid«, mutmaßt MW und streicht sich das seidige Haar aus der Stirn, das praktisch ohne jedes Styling auskommt. »Am Morgen rasch für zwei, drei Stunden zum Coiffeur nach Paris, mehr mache ich wirklich nicht!«

Als in der laufenden Saison der FC Bayern bereits nach wenigen Spieltagen aussichtslos auf Platz eins der Bundesligatabelle stand, musste Trainer Ancelotti (58) gehen, ein Fußballfachmann, der Titel dadurch gewinnt, dass er sich einfach die jeweils mit weitem Abstand beste Mannschaft aussucht und sein gelegentliches Vorbeischauen auf dem Übungsgelände als »trainieren« bezeichnet. Für ihn kam Alt-Trainer Jupp Heynckes (72) zurück. Kaum war das erledigt, reaktivierten sie auch MW, das Stehaufmüllerchen.

Eine Überraschung? Nicht für MW: »Ich habe es immer gesagt: Mir und dem Jupp spuckt keiner in die Supp’!« Er schmunzelt, dass sich die nicht vorhandenen Runzeln in seinem nicht vorhandenen Gesicht biegen: »Ja, wie Sie sehen, kann ich auch überraschend witzig und volksnah sein.«

Robert Niemann
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

 

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