Das ist Weihnachten – aus Heft 12/2017

Heribert Prantl, Autor, Publizist und Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, wird oft als sozialdemokratisches Feigenblatt einer zunehmend neoliberalen Zeitung oder als frömmelnde Betschwester belächelt. Doch Prantls OEuvre ist vielschichtiger, wie sein im nächsten Jahr erscheinendes Buch – das fünfte in zwei Jahren – zeigt. Der Binsenweise aus der Oberpfalz läuft darin zur Höchstform auf. Hier exklusiv eine Leseprobe aus Kraft durch Prantl.



Anstößige Bibel Wer gibt schon noch Denkanstöße in schwierigen Zeiten wie diesen?* Denkanstöße sind nicht modern. Wer nur Denkanstöße geben will, so denken viele, ist zu faul, sich selbst Gedanken zu machen. Er stößt lieber an und lässt andere denken. Denkanstöße werden so selbst zum Stein des Anstoßes. Die Bibel weiß dazu: »Darum spricht der HERR also: Siehe, ich will diesem Volk einen Anstoß in den Weg stellen, daran sich die Väter und Kinder miteinander stoßen und ein Nachbar mit dem andern umkommen sollen.« Ohne Anstoß, man kennt es auch vom Fußball, fängt ein Spiel gar nicht erst an. Also muss man den Menschen etwas zum Anstoßen geben. – Beten Sie? Mit kaum einer anderen Frage kann man Menschen so irritieren. Außer vielleicht noch mit: Haben Sie beim Reinkommen das Einhorn handgewutzelt? – Denkanstöße!

Der Glaube selbst also wirkt anstößig. Der Glaube wird einem von den Eltern wie ein Mantel um die Schultern gelegt. Die einen wärmt der Mantel, den anderen wird er zu schwer und zu eng. Wenn er einem zu eng wird, kann man ihn wegwerfen; man kann ihn auch in Ehren halten. So mag ich es halten. Und ich mag am Sonntag mit meiner alten Mutter die alten Kirchenlieder singen. Halleluja!

Und noch ein Denkanstoß: Einen Ort für Utopien zu schaffen: Das ist Weihnachten. Hilfe in schwierigen Zeiten Als ich an der Universität Kalendersprüche und Aphoristik studierte, saß ich unter anderem beim berühmten Professor Soundso in einem Seminar für Phrasendrescherei. Nach einem Referat von mir zum Thema »Der Autor der Bibel hat seine Urheberrechte verwirkt« kam der Professor auf mich zu und sagte: »Prantl, Sie sind so ein aufgeblasener Hornochse, aus Ihnen wird mal was Großes.« Er sollte recht behalten. Vor allem als Kenner der Bibel bin ich gefragt, als jemand, der Geschichten darin in ein leicht verständliches Ranking bringt: Von allen furiosen Geschichten im Neuen Testament ist die Geschichte vom Lazarus aus Betanien die furioseste. Welche die geilste ist, verrate ich vorerst nicht, nur so viel:

Die Geschichte von der Ehebrecherin, die niemand verurteilt, ist eine der schönsten und frechsten Geschichten der Bibel; sie steht beim Evangelisten Johannes: Wir werden Zeugen eines Streitfalls im Tempel: Männer schleppen eine Frau herbei, die beim Ehebruch ertappt worden ist. Es gibt hier kein Vertun: Nach dem Gesetz muss sie gesteinigt werden. »Was sagst du?« fragen sie Jesus. Er antwortet nicht. Wie im Spiel schreibt er im Sand. Und dann sein Vorschlag an die Männer: »Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie!« Die Männer schleichen sich davon, einer nach dem anderen. Auch Jesus hat kein Verdammungsurteil. Die Frau ist frei. Sie wird nicht mehr sündigen.

So ist die Bibel – sie hilft einem in schweren Stunden, wenn die Seiten in der Zeitung mal wieder weiß zu bleiben drohen. Dann steht sie einem mit ihren unzähligen Anekdötchen, die sich herrlich lange paraphrasieren und kreativ deuten lassen, zur Seite. Schon oft hat sie mich aus misslichen Lagen gerettet. Immer dann, wenn das göttliche Los, das über die Leitartikel- Autoren entscheidet, mal wieder auf mich fiel. Also ja, natürlich strecke ich hier und da meine Texte. Wer das nie getan, werfe den ersten Stein!

Kommen wir aber zurück zur Ehebrecherin, denn auch der Protagonist des Neuen Testaments, Jesus Christus, verhält sich interessant. Schauen wir zuerst, was er alles nicht tut. Weshalb? Weil es mehr ist als das, was er tut. Er eröffnet kein Tribunal – er eröffnet auch keine Eisdiele –, er fängt keine Befragung an. Er fragt die Frau überhaupt nicht. Er stellt ihr nicht einmal eine Frage. Er schreit sie auch nicht an. Er geht auch nicht nach Hause und macht sich dort kein Süppchen und kein anschließendes Nickerchen. Er lässt sich überhaupt nicht darauf ein, zum Richter zu werden. Genausowenig wird er Anwalt der Frau. Er entschuldigt sie nicht. Er bagatellisiert ihre Tat auch nicht, er verharmlost nichts. Jesus sagt nicht, dass die Männer Unrecht haben oder dass die Gesetze falsch sind. Er sagt auch nicht, wie das Wetter morgen wird oder was er von Margot Käßmann hält. Das alles tut Jesus nicht. Ein toller Typ! Aber Obacht: Allmächtige Engel gibt es womöglich nicht.

Besinnung auf die alte Zeit Der November gilt als Totenmonat; in diesen grauen Wochen liegen die offiziellen Tage für Trauer und Tod: am Monatsanfang Allerheiligen und Allerseelen, die katholischen Gedenktage; am Monatsende der Totensonntag der Protestanten. Dazwischen liegt der Volkstrauertag, der staatliche Gedenktag, der an die Kriegstoten und die Opfer von Gewaltherrschaft erinnern soll. Dann gibt es da noch Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag und natürlich den heiligen Sonntag. Nach Weihnachten ist dann das Jahr auch schon wieder rum.

So fliegt die Zeit. Und mit ihr verschwinden die schönen Bräuche. Die verblichenen bürgerlichen Trauerregeln begannen bei der schwarzen Kleidung und bei fein abgestuften Regeln dafür, wie lange und wie sie zu tragen war; diese Regeln des Trauerjahrs sind so vergessen, dass man sie selbst im Internet kaum noch findet. Das war früher auch anders. Heute muss man ganz tief in den Jahrhunderte alten Servern der Wikipedia graben. Es ist eine Schande! Es ist, so hört man, eine gottlose Jugend, die die Trauer aus ihrem Leben verbannt hat. Denn: Der Tod ist ein Störer. Weil er ein Störer ist, wird er heute aus dem Alltag ausgegrenzt, während er früher immer und überall zugegen war: in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit, mittags im Restaurant am Nebentisch, abends in der Opernloge – überall lagen die Leichen. Davon will man heute nichts mehr wissen.

Doch man muss der neuen Zeit vergeben. Vergeben kann nur der Verletzte, der Missachtete, der Geschundene, Gepeinigte. Lange Aufzählungen anführen dagegen kann nur der Synonymlexikon-Besitzer, der Schwafler, der Zeilenschinder, der sieht, dass die Spalte sonst partout nicht voll wird.

Wer kann vergeben? Das Gericht, die Richter – sie können es nicht. Die Macht der Vergebung ist dem Gericht nicht gegeben. Oder noch mal anders: Die Gerichtsbarkeit vergibt nicht. Das Gericht um Vergebung zu bitten – es ist vergeblich. Richter müssen Schuld oder Unschuld feststellen; sie können bei erwiesener Schuld die Strafe bemessen, »Im Namen des Volkes« steht über ihrem Urteil. Was weiß ich noch Banales über die Juristerei? Zum Beispiel: Als Anwalt muss man eine komische Robe anziehen. Auch interessant: »Vor dem Gesetz steht ein Türhüter«, schreibt Kafka. – Ein weiterer Denkanstoß, über den sich vor allem der Oberstudienrat freut. Und gleich noch einer: Es ist bitter, wenn das Wort Zukunft vom Frohwort zum Drohwort wird.

Tote Kinder
In der Zeit, die man zum Lesen dieses Leitartikels braucht, verhungern 84 Kinder. Soll man sich damit trösten, dass nach dem Hungertod dieses kurzen Lebens das lange ewige Leben wartet? Oder sollte man kürzere Leitartikel schreiben, damit weniger Kinder sterben? Die Antwort darauf kennt nur Gott.

Deshalb lassen Sie mich Ihnen am Ende dieses Vorabdrucks noch einen weiteren Denkanstoß mit auf den Weg geben: In Dortmund gibt es eine Hans-Litten-Straße, in Berlin auch.

* Alle kursiven Textstellen stammen aus: Prantl, Heribert. Die Kraft der Hoffnung: Denkanstöße in schwierigen Zeiten. 2017. Süddeutsche Zeitung Edition.

Gregor Füller

 

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