Der deutsche Macron – aus Heft 12/2017


MacronDer neue Mann an der Spitze des Bundestags hat die Jackettärmel hochgekrempelt und gibt vom Podest aus Anweisungen. Wolfgang Schäuble sprüht vor Elan, und die Saaldiener folgen ihm aufs Wort. Er lässt sie Absperrbänder zwischen den Fraktionsreihen spannen. »Sichere Grenzen sind das A und O«, sagt er. Niemals werde er in seinem »Wohnzimmer«, wie er den Plenarsaal neuerdings nennt, Chaos dulden. Auf Schäuble wird es in den nächsten Jahren ankommen. Er muss das Parlament vor sich selbst, aber vor allem auch vor sich schützen. Schafft er das? Oder fehlt ihm mit seinen 75 Jahren für diesen Schicksalsjob die nötige Reife?

Neben Emmanuel Macron und Sebastian Kurz zählt Wolfgang Schäuble zu den großen Hoffnungsträgern Europas, den »fabulous three«, die man wegen ihrer jugendlichen Frische in der Brüsseler Szene auch »BEU-Group« nennt. Manchmal gehe ihm das alles etwas zu schnell, gibt Schäuble zu, dann weise er den Saaldiener an, ihn in die Brustwarze oder ein anderes empfindliches Körperteil zu kneifen, um sicher zu gehen, dass das alles nicht nur ein Traum ist. Es ist eine Karriere auf der Überholspur. Schäubles rasanter Aufstieg zum Bundestagspräsidenten macht viele Weggefährten sprachlos, was nicht nur daran liegt, dass die meisten von ihnen nicht mehr am Leben sind.

Obwohl so weit oben angekommen, wähnt sich Schäuble noch nicht am Ziel. Dass er das zweithöchste Amt nur als Sprungbrett für das dritthöchste versteht, wissen alle, die den badischen Senkrechtstarter genauer kennen, wie etwa Berlin-Kenner Wolfram Weimer, der in einem weitsichtigen Beitrag auf n-tv Schäuble als »Schattenkanzler« bezeichnete. Natürlich weiß auch Schäuble, dass bei ihm das Alter ständig ein Thema sein wird. Viele Konservative haben als Kanzler-Ideal immer noch Adenauer im Kopf, der erst mit 80 zur Hochform auflief, oder Vater Abraham, der mit 99 den ersten Sohn zeugte und noch viel später mit dem Lied der Schlümpfe seinen ersten Nummer-Eins-Hit landete.
Aber Schäuble will beweisen, dass man auch schon als Mittsiebziger den notwendigen Reifegrad erreicht haben kann. »Die Zeit läuft für mich«, sagt er.

Es kommt einem erst wie gestern vor, dass dieser Emporkömmling zum ersten Mal die politische Bühne betrat. Dabei hat er in seiner jungen Laufbahn durchaus schon beachtliche Erfolge vorzuweisen, mit denen er sich vor den Macrons, Kurzen oder Lindners nicht zu verstecken braucht. Nach dem Mauerfall gehörte er zu den legendären Unterzeichnern des Einigungsvertrags; seine Signatur steht auch unter der Proklamation zur Deutschen Reichsgründung, direkt unter den drei Kreuzen Bismarcks; und auch im Rathaussaal von Münster saß er mit an der Tafel und besiegelte zusammen mit Wallenstein und Tyll Ulenspiegel den Westfälischen Frieden (Quelle: Daniel Kehlmann).

Aufgewachsen ist Wolfgang Schäuble in badischen Verhältnissen. Sein Vater war gelernter Hornberger, seine Mutter ausgebildete Hornbergerin. Wie alle Kinder in seinem Alter besaß er als Haustier einen Hornochsen, auf dem er Reiten und Schlittenfahren lernte. Als der Heranwachsende Schäuble beim Hornberger Schießen aus Versehen ins Schwarze traf, musste er zur Strafe den Ort verlassen. Von diesem Verlust sollte sich seine Heimat nie wieder erholen. Aus dem einst prosperierenden Städtchen mit einer schwarzen Null im Haushalt wurde eine Schuldenhochburg. Heute gilt Hornberg als deutsches Saloniki.

Als einen »Giganten« hat IWF-Chefin Christine Lagarde ihn neulich bezeichnet. »Wo sie recht hat, hat sie recht«, sagt Schäuble. Es ist diese badische Bescheidenheit, die ihn allseits beliebt macht. Im aktuellen Beliebtheitsranking steht er an der Spitze. »Wundert Sie das?«, fragt er rhetorisch. Selbst im fernen Griechenland wird er wie eine antike Gottheit geehrt: Einmal wöchentlich bastelt man dort lebensgroße Schäuble-Puppen und übergießt sie feierlich mit Benzin.

Aber Schäuble macht sich nichts aus Sympathiewerten, denn letztendlich, das weiß er, wird er an seinen Leistungen gemessen. Mit Druck kann er umgehen. Mehr noch: Er braucht ihn, um sich fortzubewegen, und gesteht: »Unter drei Bar rollt bei mir gar nichts.«

Und er weiß auch, welche Verantwortung mit dem neuen Amt auf ihm lastet. Den radikalen Kräften im Deutschen Bundestag will Schäuble mit einer gesunden Mischung aus Paranoia und Ordnungsfanatismus begegnen. »Der Kampf gegen die Extremisten wird nicht einfach«, da gibt sich der Bundestagspräsident keinen Illusionen hin, »aber wir kriegen die Sozen in den Griff.«

Neben der angepassten Hausordnung, die sich an den bewährten Sozialistengesetzen orientiert, wird Schäuble auf die populistische Herausforderung mit einigen technischen Finessen reagieren. An seinem Platz hat er die Haustechniker einen roten Buzzer installieren lassen. Haut er drauf, öffnet sich hinter dem Rednerpult eine Falltür.

»Meine patentierte Populismus-Falle«, wie er nicht ohne Stolz anmerkt. Das Gerücht, dass sich unter dem Pult ein Krokodilbecken befinde, will er nicht bestätigen und belässt es bei einem unschuldigen Zähnefletschen. Um nichts dem Zufall zu überlassen, testet er die Fallapparatur täglich – mit lebendem Material, versteht sich.
Der Saaldienerverschleiß in den ersten Schäuble-Wochen übertrifft denjenigen seiner Vorgänger um ein Vielfaches. »Keine Sorge«, sagt Schäuble, »die sind alle nicht sozialversichert.«

Klar ist: Populisten müssen sich im Parlament warm anziehen. Um die Gemüter kühl zu halten, hat der neue Hausherr im Namen des Volkes die Demontage sämtlicher Heizkörper angeordnet.
Über den rechten und linken Rändern wurde außerdem eine multifunktionelle Sprinkleranlage montiert. »Die kann auch Hagel«, sagt Schäuble, »in der Größe variabel zwischen Taubeneiern und Kokosnüssen.«

Die Prügelstrafe im Bundestag, wie sie unter Kohl noch gute Praxis war, will Schäuble vorerst nicht wieder einführen. Das hat er in seiner Antrittsrede deutlich gemacht, die er außerdem dazu nutzte, seinem Amtsvorgänger tiefen Respekt zu zollen. Norbert Lammert folgte den Worten auf der Zuhörertribüne mit wässrigen Augen. Eine emotionale Entgleisung, die Schäuble gerade noch durchgehen ließ. Allerdings nicht ohne der Heulsuse hinterher eine schriftliche Rüge angedeihen zu lassen. »Was für ein Lammerlappen«, stöhnt er.

Dass ausgerechnet er, der so tief in die CDU-Spenden-Affäre verstrickt war, nun dafür zuständig ist, die Parteispenden zu überwachen, hält er für unproblematisch. Schließlich sei er reifer geworden, sagt er, während seine Hand schlagbaummäßig auf den Buzzer saust. »Wieder einer weniger.«

Florian Kech
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

 

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