Der wunderbare Feuerblumenschießer – aus Heft 11/2017

FeuerblumenscheißerDer bayerische Innenminister Joachim Herrmann kam 1956 zur Welt, als er in München ein bisschen zu fest aufgepustet wurde. Seitdem kann er sich nicht mehr völlig unbeschwert bewegen. Kontakte mit spitzen Gegenständen sind für ihn tabu. Sieht man ihn in den unzähligen Talkrunden, dann weiß man, dieser Mann könnte bei jeder unachtsamen Regung seines Körpers platzen. Dann müssten Maischberger, Anne Will und Co. sich mühsam die bayerische Innenministerpelle und halbverdaute Fränkische Schäufele von den Ausstatter-Klammotten pulen. Damit das niemals passiert, sitzt Herrmann angespannt in seinem Anzug und rührt sich nicht. Das Lachen ist ihm dabei aber niemals vergangen, sondern zu einer schmerzverzehrten Fratze entrückt. Das wirkt für einen Politiker, einen von der CSU dazu, vergleichsweise menschlich und milde.

Seinen mittelfränkischen Frohsinn und Lebensmut pflegt Herrmann seit eh und je. Er ist der bestgelaunte Innenminister, den der Weißwurststaat jemals zu Gesicht bekommen hat. Der stolze Besitzer eines katholischen Glaubens hat eine dermaßen fröhliche Natur, dass man ihn früher sogar gelegentlich in einem roten Kostüm durch die Welt spazieren sah. Mit dem Kopf sprang er gegen freischwebende Kisten, aus denen daraufhin magische Pilze und Feuerblumen wuchsen. Wenn er diese aufsammelte, befähigten sie Herrmann dazu, Feuerbälle auf seine Gegner zu schießen. Sein italienischer Bruder Luigi half ihm bei seinem Vorgehen. Und auch sonst war alles wie beim Nintendo-Klassiker Mario bros.
Joachim Herrmann weiß darum, was er sagt, wenn er vor Computerspielen mit den Worten warnt, dass »Dinge, die virtuell am PC umgesetzt werden, irgendwann auch in der Realität umgesetzt werden«.

Dieser Fakt unterscheidet Killerspiele von der Bundeswehr. Darum spielt Herrmann heutzutage lieber gar keine Videospiele mehr und ist lieber Oberstleutnant der Reserve. Natürlich kommt Joachim Herrmann aus Bayern. Das ist eine Brezelweisheit. Was eigentlich offensichtlich ist, muss man sich aber bei Betrachtung seiner Vita vor Augen führen. Denn für den Durchschnittsmitteleuropäer muten manche seiner Handlungen vergleichsweise bizarr an. Wenn man nicht gerade aus Mittelfranken kommt, dann wundert man sich vielleicht darüber, dass Herrmann fordert, dass Sechsjährige von der Polizei erkennungsdienstlich behandelt werden sollen dürfen.

Oder man schüttelt den Kopf, wenn Herrmann dafür kämpft, dass in Bayern ein Gesetz eingeführt werden kann, das es wie in Guantanamo erlaubt, Menschen ohne rechtskräftiges Urteil unbefristet gefangen zu halten. Oder man fragt sich, ob es vernünftig ist, wenn Herrmanns CSU Migrantenfamilien gesetzlich zwingen möchte, in ihren eigenen vier Wänden Deutsch zu sprechen.

Oder man hält es für relativ gewagt, wenn Herrmann im Fernsehen über »wunderbare Neger« schwadroniert oder bei einem ersten Spatenstich in Bayern einen von ihm gesteuerten Bagger umkippen lässt (Youtube-Empfehlung: »Spatenstich der Nordspange Kempten«).

Wie gesagt: Außerhalb Bayerns wundert man sich. Für die Süddeutsche Zeitung, das linksliberale Leitmedium der besten Bundesrepublik seit Menschengedenken, ist der bayerische Innenminister dagegen »besonnen, seriös, kompetent«. Aber im Freistaat sind sie eben andere Kaliber gewohnt. Dort gilt schon als geistig gesund, wer nicht gerade Markus Söder ist. Herrmann sowieso. Dafür bekommt der ruhige passionierte Lockenhelmträger von allerorten viel Lob: Joachim Herrmann zum Innenminister gemacht zu haben, bezeichnete Horst Seehofer sogar als die allerbeste Idee, die ihm Gott jemals in den Kopf gepupst hat.

Noch besteht die Chance, dass auch wir diesen Mann, den sie in der CSU nur liebevoll »Balu« nennen, künftig noch viel öfter zu Gesicht bekommen. Und er uns auch! Als möglicher neuer Innenminister auf Bundesebene könnte Herrmann bald das Sicherheitskameraressort übernehmen. Dann wird endlich gefilmt, was das Zeug hält! Denn was Thomas de Maizière kann, das könnte ein freundlicher Bär aus einem Zeichentrickfilm schon lange: Überall Überwachungskameras installieren und Merkel die Honigbrötchenkrümel von den Hosenanzügen ablecken. Walt Disney würde sich im Grabe aufrichten, um Standing Ovations zu geben!

Aus Herrmanns Umfeld, nämlich aus dem um ihn herum alles ausfüllenden Horst Seehofer, hört man, dass der stolze Besitzer einer bayerischen Nasenhaarsammlung den Job schon gerne machen würde. Merkel müsse nur noch ein bisschen erpresst und gedemütigt werden und schon wird sie Hermann das Innenressort übertragen. Für den überzeugten Christen Herrmann, der schon einen Fernsehsender wegen Blasphemie anzeigte und eine Verschärfung des Gotteslästerungsparagraphen forderte, damit Jesus Christus in der deutschen Öffentlichkeit nicht mehr als – zum Beispiel – »Neger« o.ä. bezeichnet werden darf, dürfte damit ein Traum in Erfüllung gehen. Denn Herrmann könnte bald selbst bestimmen, wann, wie und wo die Sicherheitsorgane eingesetzt werden, um gegen die Ungläubigen mit aller Macht vorzugehen.

Aber das wird er mit aller Besonnenheit tun. Angesprochen auf das bayerische Gefährdergesetz sagte er einst: »Die effizienteste Abwehr von Gefahren ist doch, diese gar nicht entstehen zu lassen.« Aus diesem Grund benötigt man auf vielen bayerischen Baustellen einen Qualifikationsnachweis für das Bedienen von Baggern und sitzen dort potentielle Gefährder in Haft. Aber rennen da draußen nicht noch viele andere potentielle Straftäter herum, gegen die man vorgehen muss? Es ist anzunehmen, dass der besonnene, seriöse und komplett blutrünstige Herrmann, der vor ein paar Jahren aus Versehen einen 3-D-Egoshooter seines Sohnes auf dem Rechner öffnete, bald mit einem Feuerwerfer bewaffnet durchs Land rennen wird. Dabei wird er alles niedermetzeln, was ihm begegnet. Noch steht nicht fest, ob ihm sein italienischer Bruder Luigi wieder dabei helfen wird. Aber die Süddeutsche wird begeistert sein! Herrmann darf vorher nur nicht platzen.

Andreas Koristka
Zeichnung: Frank Hoppmann


 

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