Der National-Humanist – aus Heft 10/2017

SupergauDer Spitzenkandidat der AfD wartet bereits auf der Veranda seiner idyllischen, von Stacheldraht eingerahmten Potsdamer Landhausvilla. Das Hakenkreuz, das linksextre me Muslime, wie er vermutet, an die Stuckfassade gesprayt haben, hat er stehen lassen, als Mahnmal, und weil es so schön mit den Fensterläden harmoniert. Die Lederschuhe eingefettet, das Tweed-Sakko gebohnert, die Cordhose gewichst, so kennt man den Grandseigneur der neuen Rechten und des aufgeklärten Nationalsozialismus normalerweise.

Doch heute empfängt Alexander Gauland im Freizeitlook: legerer Thor-Steinar-Hoodie und dazu flauschige Springerstiefelpantoffeln. »Sie sind doch von der Zeitung Junge Freiheit?«, vergewissert sich Gauland. Als die Reporter die Frage verneinen, bindet sich der Gastgeber schnell seine Lieblingskrawatte um, auf der sich englische Jagdhunde gegenseitig ins Rektum starren. »Über die Form kann man streiten«, sagt er zum Motiv, »aber die Richtung stimmt.«

Gauland hält die Tür auf, ganz alte Schule, und wirft sie erst zu, als die Besucher die Türschwelle erreichen. Seine guten Manieren müssen auch linksgrün versiffte Hater anerkennen. In Gaulands Privatbibliothek sind sämtliche deutschen Klassiker vereint, und mit den Gesammelten Werken von Kant, Hegel und Perry Rhodan auch die Riege seiner wichtigsten Vordenker vertreten. Die Holzvertäfelung zeugt von ausgewähltem Geschmack und einem Herz für regionale Produzenten. »Alles Hölzer aus deutschen Kolonien «, sagt er. Man fühlt sich in Gaulands Reich auf Anhieb heimelig.

Aus dem Grammophon besingt Zarah Leander die Wonnen germanischer Jugend. Auf dem Schreibtisch steht eine Schreibmaschine aus tansanischem Elfenbein. Einen Computer sucht man vergeblich. Gauland ist aus Überzeugung offline. Bis vor ein paar Jahren publizierte der Schöngeist noch auf Granitplatten.

Nach der Bundestagswahl hatte Gauland geplant, als Alterspräsident die konstituierende Sitzung leiten zu dürfen. Es wäre die Krönung einer Laufbahn und eine schöne Gelegenheit gewesen, im Scheinwerferlicht des Parlaments dem Volk eine launige Hetzrede angedeihen zu lassen. Doch die Altparteien hatten etwas dagegen und ließen die Geschäftsordnung ändern und seine Geburtsurkunde anfechten. Gauland hätte nun allen Grund, vor Wut aus der weißen Haut zu fahren, doch so schnell bringt ihn nichts aus der Ruhe. »Der Bundestag ist ohnehin völlig überbewertet, der Parlamentarismus lediglich eine Brückentechnologie«, sagt er. Heißt das, er wolle das Parlament abschaffen? »Das haben Sie gesagt, Sie Faschist!«


Gauland tut gerne so, als wäre er der brave Biedermann, bodenständig, bibliophil, bisschen blutrünstig. Doch seine Biografie weist einen hässlichen dunklen Fleck auf: Gauland war Mitglied der CDU. Dass er der NSDAP-Tochterpartei vierzig Jahre lang die Treue hielt, sagt einiges über seinen Charakter aus. »Man muss die Vergangenheit auch mal ruhen lassen«, verlangt er höflich. Zu den alten Kameraden habe er ohnehin längst keinen Kontakt mehr. Wirklich nicht? »Nun ja, mit Ausnahme von Franz von Papen. Aber das läuft nur auf der transzendenten Schiene und geht niemanden etwas an.«

Es gibt noch einen zweiten dunklen Fleck: Gauland hat Migrationshintergrund. Weil ihn die DDR nicht Katholizismus und nationalsozialistische Wirtschaftslehre studieren ließ, flüchtete der gebürtige Chemnitzer nach Hessen, wo er am Bahnhof mit bunten Luftballons und D-Mark-Regen empfangen wurde. Prägen diese Erfahrungen nicht auch den Blick auf die heutigen Flüchtlinge? »Vergleichen Sie bitte keine Äpfel mit Bananen«, erwidert Gauland. »Als ich in die Bundesrepublik flüchtete, hatte ich keine ansteckenden Krankheiten, trug keine Burka und hatte es nicht auf die westdeutschen blonden Frauen abgesehen. Ich stehe, wie Sie sich denken können, auf Rothaarige, weil die keine Seele haben.«

»Scotch oder Whisky?« Gauland steht an der Hausbar und wartet auf eine Antwort. »Tut mir leid, wir sind im Dienst. Für mich bitte ein Oettinger.« Mit spitzen Fingern reicht er seinem Gast den Billigfusel. Dann nippt er an seinem Scotch on the rocks. »Ich liebe die Schotten«, schwärmt er. »Wie sie bleibe auch ich untenrum am liebsten blank.« – »Sie tragen keine Unterwäsche?« »Das haben Sie gesagt, Sie kranker Perversling!« Kann jemand, der so vornehm seine Lippen mit edelstem Scotch benetzt, ein Schandmaul sein? Dieser Widerspruch geht einem nicht in den Kopf. »In Anatolien entsorgen« wollte Gauland die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz, nur weil sie zur Auslöschung der deutschen Kultur aufgerufen hatte. Inzwischen bereut er die Wortwahl. »Anatolien hätte ich mir sparen können. Aber die Richtung hat gestimmt.«

Wir setzen uns auf die Terrasse. Aus der Nachbarvilla grüßt uns ein dunkelhäutiger Riese, der dort vor einiger Zeit seinen Zweitwohnsitz eingerichtet hat und sein breitestes Grinsen aufsetzt. Es ist Jerome Boateng. »Ich habe nichts gegen den Herrn Bimboteng«, versichert Gauland, »und ich hätte noch weniger gegen ihn, wenn er sich anständig integrieren würde. Denken Sie, er wäre von sich aus mal auf die Idee gekommen, meinen Rasen zu mähen oder in meinem Gewächshaus die Baumwolle zu pflücken?«

Wird man es nicht irgendwann leid, sich ständig zu rechtfertigen? »Überhaupt nicht«, beteuert Gauland, »wir haben ja nichts zu verbergen. Ich kann mich nur wiederholen: Mir ist in der AfD noch kein einziger Rechtsextremer begegnet. Kinderschänder, Sodomiten, Teufelsanbeter, Mitglieder im Helene-Fischer-Fanclub – okay, aber keine Extremisten!«, stellt er klar. Und was sagt er dazu, wenn Parteifreund Bernd Höcke mal wieder den Holocaust verharmlost? »Er hat den Holocaust nicht verharmlost, sondern ausdrücklich kritisiert – dass man ihn nicht zum Abschluss gebracht hat. Darüber mag man geteilter Meinung sein. Aber es ist nun mal eine Tatsache.«

Die AfD sei die toleranteste Partei Deutschlands, sagt Gauland. »Oder nennen Sie mir eine andere Partei, die einen Transsexuellen zur Spitzenkandidatin gewählt hat!« – »Reden Sie von sich?« – »Ich rede von Alice Weidel, Sie Gutmensch! « – »Aber Frau Weidel ist lesbisch.« – »Das haben Sie jetzt gesagt, Sie Sexist!« Für seine politische Karriere bezahlt der AfD-Spitzenkandidat einen hohen Preis. Die eigene Tochter, »eine linksgrün versiffte Pastorin«, wie er sie liebevoll nennt, hat sich von ihm öffentlich distanziert. »Sie soll wissen: Meine Tür steht ihr jederzeit offen«, sagt Gauland. »Wenn sie aufrichtig Reue zeigt, nehme ich ihr auch die Beichte ab.«

Zum ersten Mal an diesem Nachmittag wirkt Alexander Gauland nachdenklich. Ist es das alles wert? Die Anfeindungen, die Schmierereien an seiner Hauswand, der Polizeischutz, die ständigen Einladungen des schrecklichen Plasberg, die kraftraubende Dauererektion? Er zieht seine Krawatte gerade und betrachtet die Jagdhunde.

»Sollte mich nach den Wahlen die Merkel-Regierung unter Arrest stellen, werde ich den Hess machen.« Ein tiefes Aufatmen. »Über die Form mag man streiten, aber die Richtung stimmt.«

Florian Kech
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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