Angriff auf Anatolien – aus Heft 9/2017

Lange genug durfte uns Recep T. Erdoğan auf der Nase herumtanzen, deutsche Staatsangehörige wegsperren und Hitlers Andenken mit unsäglichen Merkel-Vergleichen schänden. Viel zu lange hat sich das deutsche Volk den Unflat aus Anatolien gefallen lassen. Doch nach Gabriels Machtwort ist damit Schluss. Deutschland »macht Ernst« (Cicero), »zeigt klare Kante« (Hannoversche Allgemeine) und »schaltet« endlich »auf Angriff« (Welt)! Denn, hurra, »die Zeit der Beschwichtigungen ist vorbei« (Tagesschau), der »Geduldsfaden«, dem Himmel sei Dank, »gerissen« (Focus) und »die Bereitschaft da, das Osmanenreich in Schutt und Asche zu legen« (Chrismon).



Das hat der Türken-Herrscher jetzt von seiner Hetze: Im Zorn auf ihn ist Deutschland geeint wie sonst nur bei der Fußball-WM. Mehr noch: Die Aufbruchstimmung erinnert an das Jubeljahr 1914. Weil seit der letzten Mobilmachung aber ein paar Jährchen vergangen sind, und die Friedensmacht aus der Übung ist, gilt es, die militärische Allgemeinbildung aufzufrischen – mit den FAQs zur erfolgreichen Großoffensive in Kleinasien.

Wie heizen wir die Stimmung an? Vor dem Einmarsch sind weitere Provokationen ratsam. Nicht dass man uns wieder einen Angriffskrieg unterstellt. Gabriels Warnschuss war ein Anfang, aber deutsche Politiker sollten noch konsequenter auf Erdoğans Ehre abzielen. Da versteht der Osmane keinen Spaß. Damit er die Fassung verliert, könnten ein paar subtile Anspielungen auf die Körperbehaarung der Mutter oder seinen Penisminimalismus hilfreich sein. Wir Deutschen sind da wesentlich entspannter und haben uns mit den eigenen anatomischen Tragödien längst abgefunden.

Immer wieder haben uns Erdoğan und seine Leute mit Wahlkampfauftritten auf deutschem Boden herausgefordert. Die passende Antwort wären Gegenauftritte, die sich im Vorfeld der Bundestagswahl anböten. Man muss sich nur mal den Gesichtsausdruck von Erdoğan vorstellen, wenn Martin Schulz plötzlich auf dem Taksim-Platz für die Rente mit 47 würbe, Cem Özdemir vom Minarett aus die Vorteile eines Dieselverbots herunterbetete oder Thomas de Maizière sich im Galatasaray-Stadion für die Wiedereinführung der Todesstrafe für Minderjährige stark machte.

Wann geht’s los?
Auch Kriegsparteien müssen gewisse Regeln beachten, das gilt besonders für die Startphase. Damit alles seine Ordnung hat, führt die Europäische Union im Auftrag der Bundesregierung mit der Türkei Kriegsbeitrittsverhandlungen. Eine Einigung scheitert noch an der Waffenfrage. Das Angebot, ausschließlich deutsche Fabrikate zu benutzen, lehnten die undankbaren Türkenlümmel bislang ab.

Ist auf die SPD diesmal Verlass?
Schlachten entscheiden sich an der Heimatfront. Davon kann unsereins ein Horst-Wessel-Lied singen. Der deutsche Soldat mag auf dem Feld noch so tapfer kämpfen, wird ihm zu Hause der moralische Beistand entzogen, kann er einpacken. Doch auch wenn der Dolch nach hundert Jahren noch tief sitzt, die Genossen haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Das beweist das Duo Gabriel/Schulz, das im deutschtürkischen Konflikt mit gutem Beispiel voranmarschiert. Wenn jemand dem Sultan von Anatolien bisher überzeugend die Stirn geboten hat, dann die beiden Kampfkartoffeln aus dem Willy-Hauptquartier.

Wer hat die bessere Kriegsbilanz?
Ein direktes Kräftemessen blieben sich die beiden Kriegsparteien bislang schuldig. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber doch: Sowohl Deutschland als auch die Türkei mussten schon peinliche Niederlagen gegen einen Alpenstamm einstecken: die Schlacht am Kahlenberg und die Schmach von Cordoba gehören zu den wunden Punkten ihrer Erinnerungskultur.
In der Kategorie Völkermord steht es zwischen Deutschland und der Türkei allerdings vorerst drei zu eins.

Wo sind die besonderen Schwachstellen der Türkei?
Der Kriegsratgeber Cicero hat als türkische »Achillesferse« die Wirtschaft ausgemacht. Mit seiner Rückrufaktion deutscher Fabriken in der Türkei und dem Stopp der Herpes-Bürgschaften hat Gabriel folglich ins Schwarze getroffen. Aber der Außenminister weiß auch: Wirtschaftssanktionen sind auf Dauer keine Lösung, weshalb Gabriel im Stern-Interview auch jammerte: »Mir blutet das Herz«, was übersetzt so viel heißt wie: »Lange will ich mir dieses Vorgeplänkel nicht mehr zumuten.«

Geht noch was beim Gefangenenaustausch?
Zurzeit befindet sich ein knappes Dutzend deutscher Staatsbürger in türkischer Haft – Tendenz steigend. Bevor es zur Sache geht, sollten wir unsere Leute unbedingt da rausholen. Am besten bringt man so was mit unbürokratischen Gefangenentransfers über die Bühne. Als mögliche Wechselkandidaten sind im Gespräch: Mesut Özil für Deniz Yücel (plus 222 Mio. Ablöse); Ilkay Gündogan für drei Menschenrechtler (sofern bei dem Star von Manchester City eine entsprechende Ausstiegsklausel vorliegt); Christoph Daum (ehemaliger Trainer von Besiktas und Fenerbahce Istanbul) für einen halben Menschenrechtler.

Wird im Kriegszustand die Reisewarnung verschärft?
Nicht unbedingt. Es sollte genügen, wenn Urlauber einige Regeln beachten wie: Nicht bei Gewitter im Meer schwimmen, Bargeld im Brustbeutel mit sich tragen und nicht aus öffentlichen Toiletten trinken!

Was haben wir davon?
Für einen erwartbaren Triumph über einen Militärzwerg kann man sich natürlich nichts kaufen. Aber Deutschland setzt ein Ausrufezeichen: Wir sind wieder da! Außerdem sind Kriege gut für die Wirtschaft. Fragen Sie Cicero, die Krupps oder Dieter Zschäpe! Gerade jetzt, wo der Ruf unserer Autoflotte darniederliegt wie die 6. Armee, kann ein bisschen Reklame für die deutsche Rüstungstechnik nicht schaden.

Worin besteht die größte Gefahr?
Ganz klar: Dass der Krieg auf der Zielgeraden noch abgewendet wird. Es gibt dafür immer wieder beunruhigende Anzeichen: Erdoğan-Leute bezeichnen die Terrorliste mit deutschen Firmen neuerdings als Missverständnis; der Vize-Premier führt ein Kuschel-Interview im Spiegel; Gabriel bedankt sich bei den Türken für den Wiederaufbau und beleidigt unsere Trümmerfrauen – ist er da doch wieder, der antideutsche Reflex des gemeinen Sozen? Wollen wir’s zum Wohle des Vaterlandes nicht hoffen.

Florian Kech

 

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