Der gute Schwule – aus Heft 9/2017

NetterEines vorweg: Jens Georg Spahn ist ein Schwuler. Aber ein netter! Nicht so einer von der Sorte, die nebenan am Pissoir stehen und harmlosen Dackelzüchtern in Tracht mit ihren heißen Blicken die Nudel versengen.

Im Gegenteil, oder besser gesagt andersherum: Spahn ist ein bodenständiger Konservativer mit beiden Beinen auf dem Boden des Konservatismus und mit zwei Augen, die nicht nur auf den Toiletten immer geradeaus gerichtet sind. Na ja, nicht stur geradeaus. Spahn ist einer von uns – ein ganz normaler Fitnessstudiobesucher von nebenan mit Silberblick.

Das scheint der Grund dafür zu sein, dass er richtig gut in der Bevölkerung ankommt. Womöglich ist es auch der gewachsenen Toleranz gegenüber Homosexuellen geschuldet. Wenn ihn die Dorfkinder wieder einmal mit Steinen und Forken durch sein Münsterländer Heimatdorf treiben, spürt man jedenfalls nichts mehr vom kalten Ressentiment früherer Tage. Spahn ist darüber froh (Englisch: gay).

Klar, hier und da gibt es in seiner Partei noch Bedenkenträger, denen bei Jens Spahns Anblick das Herz in den String-Tanga mit Leomuster rutscht. Wenn der Parlamentarische Staatssekretär kommt, dann kneifen sie in den lokalen Ortsgruppen der CDU immer noch die Arschbacken zusammen, halten sich mit dem Rücken auffallend dicht an den schmuddeligen Raufasertapeten der Parteibüros und tragen Schutzanzüge aus dem Baumarkt, um sich nicht mit Aids oder Modebewusstsein anzustecken. Aber was sie von Spahn zu hören bekommen, gefällt ihnen dann doch und lässt ihre Schließmuskel ein wenig entspannen. Mit sehr warmen Blicken heimst der Politprofi dann den Applaus ein, und Darmwinde der Begeisterung wehen durchs Land.

Denn dass der Ali unser schönes deutsches Deutschland ein Stück weit ganz schön doll kaputtgemacht hat, das hat man nicht nur in den CDU-Ortsgruppen der Provinz schon lange geahnt. Seit der Nafri übers Mittelmeer geschwommen kam, geht es nämlich von der Zugspitze bis zur Ostsee bergab. Das ist so ein Gefühl, das die Leute haben und das Spahn bestätigen kann, ohne dass er sich mit irgendwelchen lästigen Fakten auseinandersetzen muss. Er sagt lieber Sätze wie: »Ich war gerade in München. Wenn Sie durch die Innenstadt gehen, sieht es dort ganz anders aus als vor zwei Jahren; es gibt etwa viel mehr Bettler.«

Und wer ist schuld daran? Der heißgelaufene Münchener Immobilienmarkt, den die Politik seit Langem interessiert bestaunt, kann es jedenfalls nicht sein. Nein, Spahn ist kein Typ für solche einfachen populistischen Schlussfolgerungen. Seine Argumentation läuft komplizierter: Der Ausländer war’s! Und zwar bestimmt derselbe Ausländer, der laut Spahns Ausführungen in der Fitnessstudio-Dusche nicht mehr seinen Schniedelwutz zeigen möchte. Ein Skandal, der veranschaulicht, warum man CDU wählen sollte und wie die Südländer unter der Latte der deutschen Freiheit und Gerechtigkeit ständig Limbo tanzen.

Das Schlimmste ist aber: Diese Leute bringen ihre Homophobie mit nach Deutschland und machen damit all das kaputt, was CDU-Politiker seit Konrad Adenauer aufgebaut haben. In bestimmten Gegenden Deutschlands ist es im Jahr 2017 schon gar nicht mehr möglich, offen schwul zu leben. Beispielsweise im thüringischen Themar während des dortigen »Rock für Identität«- Festivals. Klar, es sind nicht alle Ausländer so schlimm. Wenn Spahn gerade nicht dabei ist, Münchener Bettler zu zählen, dann lernt er auch viele ganz normale Migranten kennen, die sich vernünftig integrieren. Das betont er auch. Selbst Hitler soll ja flüchtige Bekanntschaft mit ein bis zwei ganz okayen Juden gemacht haben.

Aber Spahn ist kein Extremist! Er ist eher Freund eines moderaten Faschismus mit Augenmaß und verbindet Welten, die auf den ersten Blick als unvereinbar erscheinen. Für die Schwulen dürfte er jedenfalls ungefähr das sein, was Roberto Blanco für die wunderbaren Neger ist. So wie einst der bayerische Innenminister Joachim Herrmann vorm heimischen Fernsehgerät gedacht haben muss: »Menschenskinder, der Bimbo steht auf dieselbe Scheißmusik wie ich«, so dürfen sich jetzt auch Konservative vom Hinterlader aufgegabelt fühlen, wenn der ihre urdeutschen Befindlichkeiten artikuliert.

So gab er vor Kurzem dem Spiegel zu Protokoll: »Man darf in Deutschland alles kritisieren: Den Papst, den Spiegel, aber nicht den Islam.« Aber obwohl Artikel 1 Absatz drölf des Grundgesetzes Islamkritik mit Zuchthaus nicht unter 30 Jahren bestraft, lässt Spahn sich nicht den Mund verbieten. Darum sitzt der mutige Wahrheitsaussprecher mittlerweile wieder einmal rechtskräftig verurteilt in einer deutschen Justizvollzugsanstalt oder bei einer raffinierten Kürbiskernsuppe zu Tisch im Borchardt. Eins von beidem war’s auf jeden Fall …

Doch noch mehr kann Jens Spahn! Er steht wie kein anderer Peter Tauber in seiner Partei für die jungen urbanen Eliten, die dem Land ihren Stempel aufdrücken wollen wie ihre Kundenkarten auf die Scanner der Carsharingfahrzeuge. Dabei ist es ihm egal, ob die Leute einen Maibaum hissen oder eine Baumscheibe begrünen; nur die CDU sollten sie nach Möglichkeit wählen. Und wenn er gut drauf ist, dann kann er auch mal kurz seinen gerechten Zorn beiseite lassen und den Städtern in der ihnen eigenen sprachlichen Realness sagen: »Eine liberale, kreative Gesellschaft braucht Diversity.« Da ist er sich ausnahmsweise sogar mit Angela Merkel einig, mit der er sich mittlerweile verkracht hat. Kein Wunder: Merkel ist eine Leisetreterin. Spahn ist eher der Typ, der schon mal eine Tucke drauflegen möchte und pullerisiert. Sein Einsatz gegen die doppelte Staatsbürgerschaft kam bei der Kanzlerin deshalb gar nicht gut an.

Aber Spahn hat einen Trumpf: Als gelernter Bankkaufmann kann er rechnen und weiß, dass die Kanzlerin eines fernen Tages vor ihm das Zeitliche segnen wird. Solange bereitet er sich auf seine Machtübernahme vor und reist schon mal gelegentlich zum Netzwerken nach Amerika, wo er sich unter anderem mit Stephen Bannon trifft, dem Mastermind hinter Donald Trumps Geisteskrankheit.

Nach Informationen des Spiegel hält er Bannon für einen großartigen Charakterkopf. Er ist wirklich ein Netter, dieser Spahn!

Andreas Koristka
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

---Anzeige---