Er ist wieder da! – aus Heft 8/2017

AckerBebte der Saal, dass das Haus zu platzen drohte? Sprudelten wilde Bravorufe aus dem Publikum auf, wurden Hüte begeistert in die Luft geschmettert, riss es die Leute mit ihren Stühlen von den Sitzen?



Fast. Es regnete warmen Applaus, als Gerhard Schröder auf dem Parteitag der SPD plötzlich am Rednerpult stand und aufmunternde Worte in die Menge warf. Lange Jahre war er tot gewesen, jetzt sorgte der Altkanzler dafür, dass eine zaudernde, von Selbstzweifeln und stinkenden Umfragewerten zermürbte Partei sich Mut zutrinken konnte.

Lange Jahre war den Sozialdemokraten die Erinnerung an den von brüllendem Ehrgeiz getriebenen, von dampfendem Testosteron überschwemmten Breitbeiner peinlich gewesen. Jahre, in denen niemand sein mit Siegerzigarre vollgestopftes Gesicht vermisste. Jahre, in denen eine inhaltlich leergefegte Partei vergeblich versuchte, die von ihm zusammengerührte Agenda 2010 irgendwie loszuwerden oder wenigstens so zu tun.

Doch auch das Gegenteil ist wahr bis unter die Haut: Wenn man von Schröders Politik und Persönlichkeit absieht, bleibt die gut gewürzte Erinnerung an Macht und Größe, bleibt im Gedächtnis der souverän herausgespielte Triumph über Helmut Kohl 1998, sind es zum ewigen Gedenken die herrlichen, goldglänzenden Jahre bis 2005, in denen das Staatsschiff auf ein Kommando hörte, auf das knallende Basta dieses Mannes: Gerhard Schröder!

Diese Nostalgie ist der Treibstoff, mit dem die SPD die fast enteilte CDU im Wahlkampf noch zu überrollen hofft. Sie braucht Schröders von keinen Skrupeln angesägtes Selbstbewusstsein und seinen steilen Willen zur Macht wie der Junkie den letzten Schuss.

Tatsächlich war Schröder nie richtig tot; er nullte nur politisch. Am 23. November 2005, einen schnellen Tag nach der Wahl Angela Merkels zur Kanzlerin, hatte er sein Bundestagsmandat wohlverschnürt abgegeben, um nicht das würdelose Dasein eines einfachen Parlamentariers unter anderen Parlamentariern führen zu müssen. Stattdessen engagierte ihn gleich im selben November, um seine internationalen Kontakte auskosten zu dürfen, der vom Boulevardwesen sich nährende Schweizer Ringier-Verlag und im Dezember die ebenfalls noch ganz saubere Gazprom-Tochter Nord Stream. Die lupenreinen Demokraten Schröder und Putin waren schon zu Kanzlerzeiten beste Freunde. Bis heute passt zwischen sie kein Blatt Papier oder Schlimmeres. Zu seinem unvermeidlichen 70.

Geburtstag im Jahr 2014 stieß Schröder daher mit Putin in Sankt Petersburg an, wo er schon 2003 eine juristische Ehrendoktorwürde erbeutet hatte und seit 2008 die Russische Akademie der Wissenschaften als perhorreszierendes, pardon: korrespondierendes Mitglied bereichert. Damit war der Exkanzler jedoch nicht bis zu den Kinnbacken ausgelastet. Zwar ließ er Behauptungen, für die lupenreinen Demokratien in Kasachstan und China den Affen gemacht zu haben, juristisch zermalmen; so plump gestrickte Anschuldigungen zischen kilometerweit vorbei am Aufsichtsratsmitglied des Maschinenbauunternehmens Herrenknecht, das auch in China produziert, und am Ritter des Ordens vom Goldenen Adler der Republik Kasachstan (2003) plus zweimaligen Teilnehmer eines international zugeschneiderten Beraterkreises für Kasachstan.

Schröder ist ein ehrenwerter Mann und weiß auch dann zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, wenn hinter den Kulissen ein fetter Sack Geld winkt! Deshalb ist er, dem in seiner hochwertigen Eigenschaft als Genosse der Bosse schon während seiner Kanzlerei eine nicht ganz stubenreine Nähe zu den ökonomisch hochkonzentrierten Golfstaaten nachgesagt wurde, auch Ehrenvorsitzender des Nah- und Mittelostvereins. Warum sollte er also nicht den lupenreinen Iran 2009 bereisen? Schröder ist ein ehrenwerter Mann und durfte sich daher auch von der – noch unter Gaddafi ausgeknobelten – Libyan Investment Authority und vom Aufsichtsrat des russisch-britischen Ölkonzerns TNK-BP ruhig anleinen lassen.

Ein ehemaliger Staatsmann braucht nun einmal volle Hände, um sein Überleben zu fristen. Deshalb ging der weltweit gut verdrahtete Schröder auch bei der Rothschild Bank in Zürich vor Anker und ließ sich für den Verkauf der Rechte an seinem fast selbst geschriebenen Buch Entscheidungen. Mein Leben in der Politik (2006) mit einer, wahrscheinlich sogar zwei Millionen Euro füttern, die ihm Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer zugesteckt haben dürfte; dessen Geschäfte waren unter der Schröderregierung dick aufgeblüht.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Schröder ist natürlich kein Mann der Autokraten und Unternehmer! Jeder Prolet kann ihn für 50.000 bis 75.000 Euro als Redner buchen. Dafür sorgt unter anderem die New Yorker Agentur Harry Walker, die den Interessenten nicht unters Hemd guckt.

Besser noch: Wer kein Prolet ist, kann ihn sogar kostenlos haben! Für den Unternehmer und Präsidenten des Fußballvereins Hannover 96 Martin Kind regiert Gerhard Schröder einfach so, für lull und lall, seit Dezember 2016 den Aufsichtsrat. Draußen in freier Wildbahn soll er vor Geld triefende Sponsoren anködern, weil er für das Milieu ein offenes Näschen hat; im Stadion bevölkert er u.a. mit Günter Papenburg, Bauunternehmer und Honorarkonsul der Republik Kasachstan, und Michael Frenzel, Chef der Preussag AG, seine von keinen Arbeitern und Gewerk schaftern verbeulte VIP-Lounge, lässt Wein und Champagner hochleben und peitscht mit kernigen Männersprüchen die Hormone zur Bestform.

Weder seine Mutter Erika Vosseler-Schröder, die im November 2012 nach randvollen 99 Jahren in einem Paderborner Heim sich das Ewige für das Zeitliche einhandelte, noch Doris Schröder-Köpf, die ihren Garten mittlerweile Niedersachsens hartem Innenminister Boris Pistorius zur Verfügung stellt, können ihm jetzt Sand ins Gewissen streuen. Oder den Rat geben, seinen Habitus nicht unverhohlen gewissen italienischen Mustern anzugleichen.

In der politischen Kampfbahn allerdings? Da wischte man sich nach seiner Begrüßung die Hand ab, und für jedes freundliche Wort musste man sich die Zunge verbiegen. Doch 2015 ließ man ihn erstmals wieder auf einem SPD-Parteitag eine Rede abdrücken. 2016 durfte er als echter Kerl in einer Männerrunde den Alphatieren von Edeka und Rewe das Fell von Kaiser’s Tengelmann zuschanzen. Und 2017 ließ jene SPD, die er bis auf die Knochen leergepumpt hatte, ihn endgültig zurück ans Licht.

Wem fällt da nicht der Name Nosferatu ein? Die Frage ist nur, ob nicht die Partei es sein wird, die zu einem dummen Häufchen Unglück verglüht. Als Schröders Rede auf die Zielgerade einbog, erinnerte er die Delegierten an das Jahr 2005: »Was damals ging, das geht heute auch!«

Schon damals lag die SPD beim Startschuss zum Wahlkampf weit zurück im Sankt Nimmerleinsland, holte Zentimeter um Zentimeter auf, lag im Zieleinlauf fast Nase an Nase mit der Union, hatte 34,2 Prozent gegenüber 35,2 Prozent geholt – und damit die Wahl verloren. Basta!

Peter Köhler
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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