Die globale Vorzimmerdame – aus Heft 04/2017


Die Vorzimmerdame Die Welt, sie ist ein guter Ort. Sie nährt die Kreaturen, die auf ihr leben, gibt ihnen Wasser, spendet ihnen Nahrung und Obdach, und doch ist sie weit entfernt von dem Paradies, das sie sein könnte, wiese ihr ursprünglichstes tiefstes Wesen, ihr Quellcode, nicht so viele Fehler auf. Mit Fehlern allerdings hat es eine besondere Bewandtnis: Sie wären als solche nicht erkennbar, gäbe es nicht auch die ihnen entgegengesetzten Zustände – im Fehler ist seine Kehrseite schon vorhanden. Und so gibt es Menschen, Helden, die nicht hinnehmen wollen, dass diese Welt Fehler hat, Menschen, die sich dem fehlerhaften Quellcode mit all ihrer Kraft entgegenstemmen.

Mark Zuckerberg ist einer dieser Menschen. Er ist ein neuer Mensch, einer, wie Nietzsches Zarathustra ihn sich erträumte, ein Mensch aus dem Silicon Valley, welches nicht in Verwechslung geraten darf mit den Silicon Hills seiner weiblichen Bewohner. Das Silicon Valley ist Ausgangspunkt für wahre Umwälzungen, ist die Wiege neuer Visionen. Eine dieser Visionen hatte der junge Mark Zuckerberg. Es war die Vision einer Welt, in der ein schüchterner Junge, der Augenkontakt meidet wie Steve Jobs USB-Anschlüsse, Frauen kennenlernen kann, ohne rot oder zumindest ohne beim Erröten der Wangen gesehen zu werden. Ein hehrer Traum.

Es war zuerst nur seine eigene kleine Welt, die der junge Zuckerberg zu ändern bestrebt war, und im Grunde, so behaupten manch böse Zungen, stamme die Idee für ein verbindendes Netzwerk auch nicht zu hundert Prozent von ihm, vielmehr habe er eigentlich nicht viel dazu beigetragen.

Doch wer noch nie bei einem anderen eine Idee entlehnt und damit ein Milliarden-Imperium aufgebaut hat, werfe das erste Dislike! Denn schließlich, und nur die Kleingeistigen empören sich vor Neid darüber, bedarf es nicht nur der Idee, sondern vor allem des Willens und Wollens, mittels dieser Idee der Menschheit zu dienen mit individuell zugeschnittenen Kaufempfehlungen. Was aus der Idee und dem Wollen erwuchs, wurde zu einem die gesamte Menschheit verbindenden Netzwerk, und damit zu einem der größten Wunder der Menschheitsgeschichte, vergleichbar dem Koloss von Rhodos oder der Elbphilharmonie: Facebook. Es ist vollkommen in seiner Schönheit. Seine blaue Farbe verdankt es, so will es Wikipedia, der Farbenblindheit seines Schöpfers – andernfalls wäre die strahlendste aller Internetseiten wohl in Grün und Rot gehalten.

Was weiß man über den Meister, den Tausendsassa, der dieses globale Netzwerk erschuf? Mark Zuckerbergs Timeline startet 1984 im US-Bundesstaat New York. Seine wichtigsten Lebensereignisse hat er – auch hier ganz Vorbild für den neuen Menschen – pflichtschuldig in sein Facebook-Profil eingepflegt: die ersten Schritte, die Erfolge auf dem Töpfchen, Einschulung, sexuelle Erfahrungen, die neue Frisur, Abbruch des Studiums, die erste Milliarde auf dem Konto, Hochzeit, Geburt der Tochter, die fünfzigste Milliarde etc.

Zu verbergen hat er nichts. Eine seiner Triebfedern ist die Transparenz, die Offenheit allem und jedem gegenüber, Facebook, so Zuckerbergs Credo, ist die Verbindung der Menschheit zu einer Familie ohne Geheimnisse, zu einer großen Gemeinschaft aus Brüdern, Schwestern und diesem unverheirateten, etwas schmuddeligen Großcousin väterlicherseits, der auf Familienfesten die lieben Kinderchen auf seinen Schoß setzt und immer ein kleines bisschen länger herzt und knuddelt, als notwendig erscheint.

Zuckerbergs Ziel ist kein Geringeres, als die Menschen global zu verbinden. Staaten und Grenzen will er aus den Angeln heben und ihrer Obsoleszenz anheimgeben. Menschen miteinander zu verbinden ist seine Lebensaufgabe, der er sich demütig hingegeben hat. Schon während des Studiums verdingte er sich nebenbei als Vorzimmerdame, nur um am Telefon immer wieder im Brustton der vollsten Überzeugung die magischen Worte aussprechen zu können: »Einen Moment, ich verbinde.«

Doch viele Menschen, die von Zuckerberg, weil es edler klingt, »User« genannt werden, gehen entgegen der Absicht des Schöpfers nur Verbindungen mit Menschen ein, die vom selben Schlage sind wie sie selbst. Filterblasen entstünden, so die Wehklage manch verzagten Users.

Während früher Atheisten täglich in die Kirche strömten, um sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen, und Kampfhundbesitzer auf dem Spielplatz den regen Argumentationsaustausch mit Müttern suchten, liebt der Mensch im sozialen Netzwerk den Umgang mit Seinesgleichen. Die Facebook-Gruppe der Freisler-Freunde Freiburg legt ebenso wenig wert auf die Beiträge Andersdenkender wie die Facebook-Gruppe des Aufsichtsrats der Krauss-Maffei GmbH.

Was dem Laien wie ein Systemfehler erscheinen mag, ist jedoch gut durchdacht. Wer hört schon gerne anderer Leute Meinung? Neben dem Verbinden ist so auch das Wohlfühlen ein Grundstein Facebooks. Bei allem Verbinden mit anderen Menschen weiß Zuckerberg nämlich durchaus ein Haus zu schätzen, dessen angrenzende Grundstücke nicht bebaut sind, weil sie ihm, Zuckerberg, gehören, und Wohlfühlen ab und an dem Verbinden vorzuziehen ist.

Mit dem Privatvermögen wuchs Zuckerbergs Drang, Gutes zu tun, und so beschloss er, sein Vermögen in Höhe des Staatshaushalts Neuseelands in eine Stiftung zu überführen. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts, so ließ Zuckerberg auf Facebook verlauten, will er damit alle Krankheiten der Welt, exklusive der Facebook-Sucht, besiegt haben. Als unbeabsichtigter Nebeneffekt stellte sich heraus, dass mit der Überführung des Geldes in eine Stiftung dem fiesen Trump Steuergelder entzogen werden, mit dem er sicherlich fiese Dinge getan hätte. Geld ist in privaten Händen besser aufgehoben.

Und nun könnte er sich der Heilung aller Malaisen der Menschheit widmen, den Quellcode allen Lebens von Fehlern befreien, wenn, ja wenn man ihn denn ließe. Denn ein Mensch, weit entfernt vom Silicon Valley, hat sich mit ihm verbunden, allerdings auf die althergebrachte Art des anwaltlichen Schreibens. Es ist dieser Mensch der deutsche Justizminister Heiko Maas.

Zuckerberg will es ihm recht machen, dem Minister vom anderen Ende der Welt. Stunde um Stunde verbringt Zuckerberg nun an seinem Laptop, löscht Hasskommentare, entfernt Tittenbilder, ahndet Volksverhetzungen mit Konto-Sperrungen für zwei Tage, korrigiert Falschmeldungen – hat sich dafür gar Deutsch beigebracht und in die deutsche Juristerei eingelesen –, doch es scheint aussichtslos. Die Vollspackendichte, sie ist einfach zu gewaltig. Und wieder einmal wird ein großes Vorhaben wegen zu reger Facebook-Tätigkeit auf unbestimmte Zeit verschoben.

Gregor Füller
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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