Satire Gipfel erobert! - aus Heft 3/2011

Geschafft: Die Bastion des satirischen Protestes ist geschleift – ein Gipfel ist erobert. Eine lange Zeit der Frotzelei im Diktum der Gutmenschen, der Friedensfreunde und Fröscheretter geht zu Ende. Dieser Dieter Hildbrandt, der stammelnde Rechthaber mit seinem Scheibenwischer – da wollten und wollten die fünfziger Jahre einfach nicht vergehen! Und seine Nachfolger? Reflexhaft haben sie sich stets in die Regierenden, die Besitzenden, die Kriegführenden, die Korrupten, die Zensoren, Bürokraten, Lobbyisten, Rassisten und Faschisten verbissen!

Vorbei. Die Revolution hat ein kleiner, linkischer, zu klassenkämpferischem Pathos unfähiger Mann vollbracht: Dieter Nuhr. Er kam auf die Bühne des ARD-Satiregipfels und erklärte, dass er sich nicht (mehr?) daran beteiligen werde, »die Mächtigen « lächerlich zu machen. Das sei ihm eklig. Das gehöre sich nicht. Das Publikum zeigte leichte Bewegung, wie Zuschauer es tun, wenn sie eine Pointe wittern. Aber der Witz blieb fort. Und kam auch nimmer wieder.

Die Redaktion kann in Zukunft den Prodomo milde Bohne auch am Morgen nach dem Satire Gipfel in Harmonie genießen: Die Quoten sind zwar schwach wie immer (na ja, Kabarett – eine sterbende Kunst), aber dafür wurde auch nichts »Anstößiges « gesagt. Das Telefon bleibt still, kein Intendant und kein Aufsichtsgremium sieht Anlass zu Beschwerde. Bei der werberischen Inthronisation Nuhrs auf dem Gipfel war die PR-Abteilung des Senders noch einmal in den alten Satire- Sprech getappst, der dem ost- und westdeutschen Kabarett seit Jahrzehnten gerecht wird: »Politische Peinlichkeiten, Skandale, der Irrwitz des Alltags – Dieter Nuhr lässt sich nichts entgehen, was er humorvoll sezieren oder mit beißend scharfen Worten kommentieren kann.« Fehlt nur noch das »Florett«, die »spitze Feder« und die »scharfe Zunge«.

Aber »Peinlichkeiten« trifft es. Was dem hyperaktiven Richling in seiner schwitzigsten und überlängsten Parodie und dem Hildebrandt in seinem einsetzenden Altersstarrsinn nicht gelang – dem Nuhr gelang es aus dem Stand: spießbürgerliche Gefälligkeit, ja Zufriedenheit zu verbreiten. Worüber lachen, wenn in Gesellschaft und Staat alles in bester Ordnung zu sein scheint? Da bleibt nur das »menschlich Allzumenschliche « und der ewige Born der Heiterkeit – die Paarbeziehung. Aber das kann Mario Barth besser. Gelacht wurde wenig in der Nuhrschen Premierensendung. Kein Wunder: Das Publikum mit seinen »alten« Erwartungen an Satire fand sich plötzlich auf der Nachsitzerbank für Nörgler und Meckerer wieder, denen Nuhrs vollständige Verachtung gilt.

Die Satire-Hoffnung der ARD begann – wegen geprellter Rippen noch introvertierter als sonst – mit seiner bewährten Lehrer-Nummer: »Wenn man alles besser weiß, wird man Lehrer, und wenn man außerdem nicht früh aufstehen will, wird man Kabarettist.« Dann die Lehrerzimmer- Pointe, die jeder Zuschauer schon mitsprechen kann, weil sie Nuhr im vergangen Jahr bei jeder sich bietenden TV-Gelegenheit erzählte. Es folgten 45 Minuten Schulmeisterei, unterbrochen vom plötzlichen Auftreten und Verschwinden von Kollegen, die auch nichts zu sagen hatten, dafür aber mehrere Minuten verbrauchten.

Nuhrs Botschaft ist klar (und er sagt sie lieber mehrmals, und stets auch, wenn er ein Interview gibt): Kabarett ist Depression, ist Immernach- dem-Übel-fragen. Ich, der Dieter, bin das Antidepressivum. Wie das geht? Er erzählt fröhlich, was für eine bunte Truppe »unsere« Regierung ist – Frau aus dem Osten, ein Schwuler, ein Behinderter, ein Immigrant, eine siebenfache Mutter – und fragt, was die Leute nun eigentlich noch wollen. Das ist die Pointe! Wer die als solche nicht versteht, findet sich als verbittert und undank - bar eingestuft. Und wer vom Satire Gipfel Kabarett (Nuhr: »Kunstjammern «) erwartet, soll doch gleich zu Johanniskraut greifen. Kabarett ist für Dieter Nuhr »der Treffpunkt der Wutbürger, hier geht immer die Welt unter«. Bei ihm geht die Sonne auf. Warum tritt er nicht beim Firmenfest im Kanzleramt auf – oder tritt er?

Seine Verachtung für Leute, die immer gleich »Neoliberalismus« schreien, wenn ihnen ein Pups quersitzt bzw. wenn sie hören, dass Millionen Menschen als Leiharbeiter in diesem Lande unter dem Existenzminimum entlohnt werden, käme dort gewiss gut an. Leiharbeiter haben doch wenigstens Arbeit, »das muss man doch auch mal sehen«. Weitere Säulen des Programms: Dankbarkeit (für die Demokratie), Freude (über das Sozialsystem), Verständnis (für den schweren Job der Banker, die es eben nicht allen recht machen können).

Die Reihe der Beispiele für Dinge, über »die man sich auch mal freuen darf«, will gar nicht enden. Und in Thailand, nur mal so zum Beispiel, wäre man froh, wenn man sich monatelang über einen Bahnhof aufregen könnte! Doch, die Sendung hat Spannung! Immer wieder fragt sich der gewitzte Zuschauer, ob Sätze wie die folgenden womöglich von einer sehr, sehr gut versteckten Ironie getragen sein könnten. Schon will sich ihm ein Lachen entringen. Doch dann gibt er ermattet auf: Nein, da ist keine Ironie. Die Sätze sind genau so gemeint, wie sie hier stehen:

»Mir tun die Politiker manchmal leid.«
»Die Regierung ist besser, als wir es erhofft haben.«
»Natürlich war die Bankenrettung alternativlos.«

Und dann kommt Matze Knop, bekannt als Beckenbauer-Imitator. Pickelwitze und Grimassenziehen! Der Satire Gipfel hat RTL erreicht. Wer jetzt noch lacht, lacht aus Verzweiflung. Dieter Nuhr schickt sein Publikum mit einem nachhilfelehrerhaften Denkanstoß auf den Nachhauseweg: »Stellen Sie sich auf einen deutschen Markplatz und rufen Sie aus: ›Die Welt ist schön!‹ Sie werden in die Anstalt gebracht. Wir haben die positive Haltung den Geisteskranken und den volkstümlichen Musikanten überlassen.« Aber: »Wir«, also Nuhr und Knop und die Comedians dieser Republik, »arbeiten weiter an der Neuerfindung der Lebensfreude. «

Was für ein Programm! Wie tief die Langeweile! In der DDR wollte die Regierung in den sechziger Jahren nach sowjetischem Vorbild die positive Satire einführen –das »Lachen nach vorn« über die »überwindbaren Mängel und Schwächen«. Schade, dass es da den Dieter Nuhr nicht schon gab. Er hätte den Nationalpreis bekommen.

Felice von Senkbeil

 

Kommentare 

 
#4 Jörn E. 2011-03-13 13:43
Ich weiß schon, warum ich mir kein neues Ferntonkino anschaffte, als meines um das Jahr 2000 in seinen verdienten Ruhestand ging: Das ausgestrahlte Programm war damals schon so weit von 'sehenswert' entfernt, wie der Gipfel des Mount Everest vom Meeresspiegel. Und seitdem, nehme ich an, ist es keineswegs besser geworden.

Dieter Nuhr als Ersatz für die Kabarettisten, die einst den Scheibenwischer moderierten? Ich werde meine Zeit nicht damit vergeuden, es mir auf der Tube anzutun. Da putze oder bügel ich lieber. Das ist zwar genauso anspruchslos, aber wenigstens nicht vergebens.
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#3 Vogel, G. R. 2011-02-27 13:30
Weißwäscher a lá Nuhr sind das "Salz in der Suppe" im öffentlich-rechten "Kultur"betrieb. Bedeutung und Substanz dort vortäuschen, wo ausser flachem, albernem Geplänkel keine ist. Kabarettisten - die wirklich was zu sagen haben - die hatten in der Mattscheibe West schon häufiger Fernsehverbot. Oder wann hätte man in den letzten Jahren was von Dietrich Kittner im Westfernsehen erleben können. Aber man sage nicht, das die Kunst der Speichelleckere i im öffentlich-rechten Fernsehen eine brotlose Kunst sei - sie ernährt ihren Mann, Tuis wie Nuhr werden gebraucht. Allerdings daneben die Annahme, Nuhr hätte es - wäre er im "Gänsefüßchenlan d" aufgewachsen - zum Nationalpreis gebracht. Die heiße Liebe des Herrn Nuhr gilt ausdrücklich dem Schönreden der politischen Zustände (West). So einer würde uns heute in diesem Falle eher als "Bürgerrechter" belästigen ...
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#2 Wolfgang Schneider 2011-02-25 11:57
Der erste ARD-Satieregipfel mit Dieter Nuhr hat mich zu der freiwilligen Selbstverpflich tung getrieben, den Eulenspiegel weitere 50 Jahre zu abonnieren. Gleichzeitig werde ich den eigentlich schon beschlossenen Kauf eines neuen Fernsehgerätes überdenken. Die Anzahl der sehenswerten Sendungen ist kleiner 5 und das nach 24.00 Uhr.
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#1 Juza 2011-02-24 10:28
Was erwarten Sie von der ARD? Die Sendeanstalt tut das, was alle Medien in Deutschland tun (ausgenommen die "Eule versteht sich!), sie schaltet sich in vorauseilendem Gehorsam freiwillig gleich. Sie merzte nach und nach die kritischen Politik-Magazine aus oder verkürzte sie bis zur Bedeutungslosig keit, verschob sie auf Sendeplätze, die garantieren, dass sie bei der Reichweitenmess ung nahezu keine Rolle mehr spielen.
Für Nachrichtensend ungen wechselte sie das Credo von "objektiv reporting" zu "interpretativ journalism". So kommen die Nachrichten auch daher. Journalistische Wadenbeisser interpretieren faktenarme nationale oder internationale Nachrichten je nach Geistesstand und politischen Vorprogrammieru ng. Es war abzusehen, das auch Kabarett glattgebügelt werden musste. Und Nuhr? Eine traurige Figur bloß.
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