Tod eines Hackfleischspeisenden - aus Heft 3/2011

hennigerAls der dicke Jürgen im Reformhaus seines Vertrauens mordsmäßig Lust auf Hack bekam und acht Kilo davon in der Kühlabteilung bestellte, schien die Zeit plötzlich stillzustehen. Das Kaufhausgedudel verstummte, die Leute gafften ihn entsetzt an, und in seinem Schweinenacken spürte der dicke Jürgen den eiskalten und nach frischer Petersilie duftenden Atem eines beneidenswert agilen Mannes, der ihm riet, sich auf der Stelle zu schleichen – »Oder ich mach Tofu aus dir!«.

Noch am selben Tag beschloss der dicke Jürgen, seine Essgewohnheiten radikal umzustellen und nie wieder ein Tier zu verspeisen, es sei denn, es würde ihn ausdrücklich darum bitten.
So wie der dicke Jürgen kündigen in diesen Tagen viele Deutsche dem Fleischfressertum aus überzeugtem Gruppenzwang die Gefolgschaft. Namhafte Spinatologen sprechen bereits von einer Vegetarisierung des deutschen Volkes.

So ändern sich die Zeiten. Während sich Kohl noch genüsslich im Pfälzer Saumagen suhlte, Schröder in Currywurst badete und Merkel sich am liebsten in fleischlastige Kohlrouladen wickelt, dürfte das nächste Kanzlerwesen – ob weiblich oder verweiblicht – gewiss zur Salatfraktion gehören. Denn die Zugehörigkeit zum Vegetarismus wird immer mehr zum entscheidenden Kriterium dafür, ob wir jemanden für sympathisch, intelligent, sensibel, tierlieb und musisch begabt halten.

Die charakterlichen Zuschreibungen kommen nicht von ungefähr. So haben empirische Studien nachgewiesen, dass der Durchschnittsvegetarier tatsächlich sympathisch, intelligent, sensibel, tierlieb und musisch begabt ist, was man daran erkennt, dass er auf seiner Käsereibe sowohl Mozart als auch Beethoven beherrscht. Nur in absoluten Ausnahmefällen zettelt der gemeine Vegetarier auch schon mal einen Weltkrieg an. Richtig, Hitler war Pflanzenfresser. Doch was auch immer man über den Vegetarier aus Braunau sagen mag, wer ihn von den Bildern kennt, auf denen er mit seiner Blondie herumtollt, wird kaum an Hitlers Tierliebe zweifeln. Und malen konnte der Mann bekanntlich auch.

Vegetarier sind mithin ein besonderer Menschenschlag, die meisten von ihnen neigen zum Wiederkäuen und haben sieben Mägen. Muss man also zum Vegetarier geboren sein? Nicht unbedingt, gerade bei Kindern reicht häufig ein traumatisches Schlüsselerlebnis, um den kleinen Aasfresser auf Grünzeug umzupolen. Eltern berichten von schlagartigen Erfolgen, nachdem sie den kleinen Racker in eine Abdeckerei mitnahmen oder die Kinder dabei zusehen ließen, wie die Mama in der Küche eine Wildsau ausweidete oder bei lebendigem Leib den Hamster frittierte.

Eine neue Generation von Ethikern zerbricht sich derweil ihre Salatköpfe darüber, ob Fleischverzehr überhaupt noch zeitgemäß ist. Die zentralen Fragen lauten: Wollen wir weiterhin in Kauf nehmen, dass Tiere im Namen der gutbürgerlichen Küche gequält und kaltblütig getötet werden? Kann es sich das vernunftbegabte Individuum moralisch leisten, Tiere zu verspeisen, wo es doch weiß, dass alle Lebewesen derselben Ursuppe entstammen? Ist eine Made ein schlechterer Mensch, nur weil sie auf Fleisch steht? Und was berechtigt fleischfressende Pflanzen, sich aus der Verantwortung zu stehlen?

Vor dem Hintergrund dieser Fragen haben sich verschiedene Untergruppen herausgebildet. Der Klassiker ist der gemäßigte Vegetarier, der auf Fleisch zwar verzichtet, das Töten von Fischen aber gutheißt, weil Fische ohnehin als schwermütig und charakterlich unterkühlt gelten. Viele Vegetarier sind entsetzt darüber, dass Wale zu den Säugetieren gerechnet werden, obwohl sie doch nach Fisch schmecken. Köstlicher Walfischspeck bleibt für den gemäßigten Vegetarier damit tabu.

Radikaler sind da die Veganer, die den Konsum sämtlicher tierischen Produkte ablehnen, dazu gehören konsequenterweise auch so geläufige Waren wie Eier, Milch oder Tigerhodenextrakt.

Ferner gibt es die Gruppe der Frutarier, die sich von Fruchtfliegen ernähren; die Bulgarier, die ausschließlich junges, billiges Gemüse aus Osteuropa vernaschen; die Rotarier, die sich auf Sekt und Lachsschnittchen beschränken, sowie die Molekularier, denen eine Schüssel ungewürzter Elementarteilchen pro Tag voll und ganz ausreicht.

Angesichts dieser freudlosen Liste der Verzichte stellt sich der blutrünstige Normalverbraucher natürlich die Frage, ob das alles noch gesund ist. Tatsächlich warnen einige Mediziner mit erhobenem Wurstfinger davor, den Vegetarismus zu übertreiben und weisen auf die gesundheitlichen Risiken hin. So hat die Doktor- Lecter-Stiftung beispielsweise herausgefunden, dass bei einem Flugzeugabsturz die Überlebenschancen eines konsequenten Vegetariers signifikant sinken im Vergleich zum Otto Normalkannibalen. Eindrucksvoll belegt wurde die Studie durch den Absturz der amerikanischen »Beefsteak- Airline« in den chilenischen Anden mit einer Rugbymannschaft an Bord, die bis auf den zarten Quarterback gesättigt überlebt hatte. Man sagt also nicht umsonst: Man ist, was man isst. Oder eben umgekehrt.

Andererseits: Wer träumt nicht von einer artgerechten Tierhaltung, von Ställen also, in denen die Rindviecher nicht hinter Gitterstäben zusammengepfercht werden, sondern der Bauer eine persönliche Beziehung zu jedem einzelnen seiner Vierbeiner pflegt? Früher gab der Landwirt seinen Kühen noch Namen wie Else, Susi oder Liebling, machte ihnen regelmäßig Geschenke, wie Blumenkränze oder mit Perlen verzierte Nasenringe, was die Bäuerin schon mal in die Eifersucht trieb. Heutzutage bekommen die Todgeweihten lediglich eine kaltherzige Ohrenmarke verpasst, die farblich noch nicht einmal mit Fell oder Borsten abgestimmt sein muss.

Insofern scheint das Ansinnen der Vegetarier durchaus lobenswert, gerade auch wenn sie so nachvollziehbare Sätze sagen wie: »Ich esse nichts, was ein Gesicht hat.«

Aber genau hier treffen wir auf innere Widersprüche. Denn wo beginnt ein Gesicht und wo hört es auf? Wer schon mal stundenlang einen ausgewachsenen Blumenkohl angestarrt hat, wird kaum mehr bestreiten, dass auch dieses Gewächs eindeutige physiognomische Züge aufweist. Mit diesem Phänomen haben sich bereits kluge Literaten beschäftigt. In seinem Gedichtzyklus »Das Knollengemüse« beschreibt Rainer Maria Rilke, wie ihn einst der Anblick eines Kohlrabi in höchste Entzückung versetzt habe, »so als wär der Kohlrabi ein Wesen aus Fleisch und Blut, obzwar mit verschlossenen Äuglein, aber gleich mehrerlei Nasen«. Von der Wiener Gewächshausszene wurde Rilkes Kohlrabi-Zyklus einst ebenso verschmäht wie von den heutigen Vegetariern. Damit bleiben sie uns nach wie vor eine Antwort auf die alles entscheidende Frage schuldig, nämlich mit welchem Recht sie das Leben einer perfiden Stubenfliege oder einer gemeinen Sau über das eines unbescholtenen Kohlrabis stellen.

Es waren diese Ungereimtheiten in der vegetarischen Lehre, die den dicken Jürgen wieder zum gelegentlichen Fleischkonsumenten machten. Letzten Montag ging er erneut in das Reformhaus seines Vertrauens, um acht Kilo Hack zu bestellen. Seitdem ist der dicke Jürgen spurlos verschwunden. Im Reformhaus gab es tags darauf eine Extraportion Tofu im Sonderangebot. Das Veterinäramt ermittelt inzwischen gegen die Schweine.

Florian Kech
Zeichnung: Barbara Henniger

 

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