Die Rache der alten, weißen Frau – aus Heft 01/2017

alte, weiße FrauHausbesuch bei Merkels. Im Empfangsbereich baut sich ein Riese mit schwarzem Vollbart auf. Der Gast möge sich etwas gedulden, bittet der Wachmann in gepflegtem Araberdeutsch, die Kanzlerin sei noch dabei, sich zu reinigen. Er verweist auf die Bücherecke. Man könne solange ja im Koran lesen oder das Grundgesetz verbrennen, lacht er. Ein echter Scherzkeks.

»Lassen Sie ihn ruhig durch«, ruft es von Weitem. Am Ende des Flurs öffnet sich eine prächtig verzierte Tür. Eine Dampfwolke steigt auf. Dahinter tritt die Kanzlerin in Erscheinung. Sie trägt einen schwarz-rot-goldenen Burkini.
»Salam! Ich möchte Sie in der Tat möglichst zügig hereinbitten, bevor die Wärme zeitnah abzieht.

Der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik gilt speziell auch für das Dampfbad der Bundeskanzlerin und ganz besonders in einem Physiker-Haushalt.« Auf einer Marmorbank hinter ihr liegt ein nasser Sack, der, als er noch geatmet hat, ihr Kanzleramtsminister war. Die Chefin stößt einen Seufzer aus: »Mein Eindruck ist, dass nicht jeder einen so langen Atem hat wie ich.« Angela Merkel will es noch einmal wissen und für eine vierte Amtszeit antreten. Ihre abermalige Kandidatur hat auf der Welt und darüber hinaus große Erleichterung ausgelöst, aber auch Panikattacken, Angstschweiß und Juckreiz. Manche fragen sich: Vier weitere Merkel-Jahre – schaffen wir das?

Merkel, schon jetzt gesichtsälteste Regierungschefin Europas, könnte den Rekord ihres einstigen Ziehvaters einstellen, sofern ihr im Laufe der Legislaturperiode nichts zustößt (Abschiebung, Guantanamo, Drohnen). Wer hätte gedacht, dass aus der Tochter eines protestantischen Imams einmal die ewige Kanzlerin werden würde?

Sie arbeite oft stundenlang im Hamam, sagt Merkel. Dies sei der einzige abhörsichere Raum in ihrem Haus. »Zumindest ist das meine mir verbliebene Hoffnung«, kichert sie. Hat Obama nach dem NSA-Skandal die Schnüffelei nicht unterbunden? »Es wurde eine diesbezügliche Vereinbarung getroffen, aber seit Sommer 2015 kleben mir, wenn ich mir diese ein wenig saloppe Ausdrucksweise erlauben darf, die Paranoiker vom Verfassungsschutz an der Backe.« Der Verdacht laute auf Begünstigung des internationalen Terrorismus. Verständlich.

Es riecht nach Orient. Merkel hat türkischen Gewürztee aufgesetzt. »Im Namen der gesamten Bundesregierung erlaube ich mir die Frage: Auch ein Tässchen?« – Später vielleicht. Als sie sich die Finger verbrennt, verflucht sie alle Ungläubigen, findet aber schnell wieder zur abendländischen Ratio zurück und fasst sich ans Ohrläppchen. So kennt man sie: für jede Krisensituation eine pragmatische Lösung parat. Wir kommen auf die Beweggründe ihrer erneuten Kandidatur zu sprechen. Freude an der Arbeit kann es nicht sein, Geld erst recht nicht. Jeder Immobilienmilliardär oder Ölscheich verdient mehr als eine deutsche Durchschnittskanzlerin. Was, verdammt noch mal, ist es dann? Los, sag schon! »Ich habe sprichwörtlich unendlich viel darüber nachgedacht«, sagt sie und zitiert sprichwörtlich ihre eigene Presseerklärung. Die Entscheidung sei ihr alles andere als trivial gefallen.

Merkel macht sich nichts vor: »Ich weiß, dass viele Menschen in diesem Land mir mit einer ungesunden Portion Misstrauen begegnen und in weiten Teilen sogar, wie man wohl sagt, richtig Schiss vor mir haben. Diese Sorgen kann ich nachvollziehen, denn sie entbehren nicht einer gewissen Berechtigung.« Merkel zieht zwei blitzende Mameluckensäbel aus einer orientalischen Truhe und schält fachmännisch einen Dönerspieß. Keine Frage: Von dieser Frau würden viele gerne eine Scheibe abschneiden. »Die Frage, die sich mir stellt, und die ich weitergeben möchte, lautet: Auch ein Stückchen?« – Später vielleicht.

Immer häufiger wird Merkel mit historischen Persönlichkeiten verglichen; zur engeren Auswahl gehören Hitler, Mutter Teresa und Miss Piggy. Die Vergleiche mit Hitler und Miss Piggy seien absurd, meint Merkel und kann dies auch begründen: »Miss Piggy ist, ich habe das von Mitarbeitern recherchieren lassen, mit einem Frosch, Kermit, so weit ich das erinnere, in einer eheähnlichen Beziehung befindlich, während ich persönlich in diesem Punkt Naturwissenschaftler bevorzuge – kein gewaltiger, aber doch ein Unterschied. Die Unterschiede zu Hitler sind noch evidenter. Er war rhetorisch begabt, er übte vor öffentlichen Auftritten zu Hause vor dem Spiegel und investierte Unsummen in den Straßenbau. Eigenheiten, die mir vom Naturell her fern liegen. Hehe.« Von den Dreien könne sie sich am ehesten mit Mutter Teresa identifizieren:

»Sie war wie ich eine Frau, der die Bedürfnisse und Schicksale von Menschen am Herzen lagen, und dabei in besonderem Maße die Bedürfnisse und Schicksale von Menschen im Ausland.« Merkels mangelndes Interesse an Abgehängten aus deutschen Herkunftsländern ist die andere Seite der Medaille. Loser wie Norbert Röttgen, Friedrich Merz oder Karl-Theodor zu Guttenberg können ein Lied davon jammern.

»Treten Sie zurück, Frau Bundeskanzlerin!«, forderte unlängst auf einer CDU-Regionalkonferenz ein weißhaariger Delegierter – vermutlich Nazi – aus Karlsruhe. »Hier, und das sage ich bewusst, hat der Spaß für mich ein Loch. Solche wenig hilfreichen Äußerungen stehen mir bis Obergrenze Unterlippe.« Merkels Miene verfinstert sich. Dann wird sie von einem heftigen Lachanfall durchgeschüttelt. »Wissen Sie, wie der Quatschkopf hieß? Ulrich Sauer – eine Namenskombination aus meinen beiden Männern. Ein Umstand, der bei mir Heiterkeit, in meinem Amt angemessener Stärke, auszulösen im stande ist.«

Nie zuvor hat eine Bundeskanzlerin so viel einstecken müssen. Sucht man bei Google nach einem Synonym für Merkel, bekommt man »Volksverräterin « oder »Ferkel« angezeigt. Doch die Kritik an der Kanzlerin fällt nicht immer so sachlich aus. Manchmal zielt sie auch unter die Gürtellinie, etwa wenn ihr Haltung unterstellt wird. »Ach, wissen Sie, auf einen solchen Vorwurf, der überwiegend von Absurdität geprägt ist, möchte ich erst gar nicht eingehen. Nur weil mir die Islamisierung Deutschlands so sehr am Herzen liegt, ist dies noch lange kein Beweis für eine wie auch immer geartete Haltung meinerseits.

Wer für solche Argumente zugänglich ist, hat Abschied genommen von unserer demokratischen Diskussionskultur und darf sich nicht wundern, wenn ihn eines Tages der Zorn Allahs trifft.« Es gehört zu den außergewöhnlichen Talenten von Angela Merkel, sich von Emotionen nicht überwältigen zu lassen. Nach kurzer Verstimmung kehrt sie zur Gelassenheit zurück, die auch ihren beruhigend narkotischen Regierungsstil prägt. Getragen wird diese entspannte Atmosphäre vom Blubbergeräusch ihrer Wasserpfeife, die sie sich soeben angezündet hat. »Erneut möchte ich gastfreundlich eine Einladung aussprechen: Auch mal ziehen?« – Später vielleicht.

Plötzlich bebt bei Merkels der Boden. Kurz darauf erhebt sich ein verdorrter Peter Altmaier aus dem Dampf. Merkel kichert. »Deine Ähnlichkeit mit Kohl im Endstadium ist in diesem Moment frappierender als üblich.« Hat sie manchmal Sorge, dass sie dasselbe Ende ereilt wie den Einheitskanzler? »Ich habe Vorsorge getroffen«, sagt Merkel und zeigt auf den modernen Treppenlift. »Darüber hinaus ist es nicht meine Art, mich mit einem meiner Groupies einzulassen.«

Während sie an der Wasserpfeife zieht, schaut Altmaier enttäuscht der Rauchwolke hinterher, die vor seinen Augen zerplatzt.
»Meine Herren, ich muss mal.« Merkel faltet die Hände zur Raute und kniet sich gen Mekka. »Eine Runde mitbeten?« – Inschallah! Warum nicht?!

Florian Kech
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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